Wirtschaft : "Die Preisstabilität sollte man endlich würdigen"

TAGESSPIEGEL: Herr Remsperger, der Euro ist stark angetreten und nun wird er beinahe von Tag zu Tag schwächer.Behalten die Skeptiker recht, die meinen, daß es zu früh war, mit der Gemeinschaftswährung zu starten?

REMSPERGER: Um ein fundiertes Urteil abgeben zu können, braucht man einen längeren Beobachtungszeitraum.So kurz nach dem Start der Währungsunion kann niemand ernsthaft ein endgültiges Votum abgeben.

TAGESSPIEGEL: Aber Sie machen sich Sorgen?

REMSPERGER: Wir müssen die Entwicklung sorgfältig beobachten und auf die Ursachen schauen: Die Konjunkturentwicklung in den USA verläuft besser als viele erwartet haben.Im Euro-Raum wird mit einer Wachstumsverlangsamung gerechnet, wenngleich das Bild in den einzelnen Staaten hier unterschiedlich ist.Als besonders stark erweisen sich etwa Portugal und Spanien.

TAGESSPIEGEL: Welchen Stellenwert hat die nationale Finanz- und Wirtschaftspolitik für die Entwicklung des Euro?

REMSPERGER: Es wäre fatal, den Eindruck zu erwecken, Europas Geldpolitiker könnten sich nun unbekümmert anderen Zielen als der Stabilität des Geldes widmen, nur weil es angeblich überhaupt keine Inflationsgefahren gibt.Die Stabilisierung der Preise bleibt eine Daueraufgabe.Die Europäische Zentralbank (EZB) muß die Geldmenge und die Preisperspektiven im Auge behalten.

TAGESSPIEGEL: Sehen Sie keine Gründe, die Zinsen in Euroland weiter zu senken?

REMSPERGER: Über die künftige Zinsentwicklung muß ein Notenbanker in der Öffentlichkeit schweigen.Ich fände es richtig, wenn die gewonnene Preisstabilität in Europa endlich gewürdigt würde.Außerdem sollte man die Bedeutung der vergangenen Zinssenkungen im Euro-Raum nicht unterschätzen.Das zeigt sich etwa an der Kreditnachfrage, die allein im Dezember im Schnitt um über acht Prozent zugelegt hat und in Ländern wie Spanien oder Portugal und Holland sogar mit zweistelligen Zuwachsraten steigt.

TAGESSPIEGEL: Inwieweit beeinflussen Äußerungen von US-Notenbankchef Greenspan, der sich indirekt für höhere US-Zinsen ausgesprochen hat und die Forderung des Bundesfinanzministers nach niedrigeren Zinsen die Entscheidungen der EZB?

REMSPERGER: Die Marktteilnehmer bewerten immer das gesamte Spektrum, also sowohl politische Äußerungen wie auch ökonomische Fakten.

TAGESSPIEGEL: Inwieweit ist die unterschiedliche Leistungsbilanz, die den Austausch von Waren und Dienstleistungen auflistet, der Amerikaner und Europäer für das momentan schwache Bild des Euros verantwortlich?

REMSPERGER: Die Tatsache, daß der Euro-Raum einen ordentlichen Überschuß aufweist, die Amerikaner aber ein hohes Defizit hinnehmen müssen, hat zu einer Debatte über eine angemessene Lastenverteilung in der Weltwirtschaft geführt.Daraus ist ja auch der Wunsch entsprungen, Europas Binnennachfrage zu stärken.

TAGESSPIEGEL: Durch niedrigere Zinsen?

REMSPERGER: Bei der Frage, wie man Europa zu mehr Eigendynamik verhelfen kann, geht es um mehr Vertrauen, Sicherheit und stabilere Erwartungen und nicht um Zinsentscheidungen aus kurzfristigem Kalkül heraus.

TAGESSPIEGEL: Was heißt das?

REMSPERGER: Die EZB achtet auf die künftige Preisentwicklung und stellt die Geldmenge für ein inflationsfreies Wachstum bereit.Das heißt, zwischen der Politik, die sich um Geldwertstabilität kümmert und der, die sich dem Wachstum verpflichtet fühlt, liegen keine Welten.Einen Konflikt bekommen wir nur dann, wenn die Geldpolitik aktiv zur Konjunktursteuerung verpflichtet würde.

TAGESSPIEGEL: Besteht die reale Gefahr?

REMSPERGER: Ich sehe das im Moment nicht.

TAGESSPIEGEL: Muß im Umkehrschluß und mit Blick auf den Euro-Dollar-Wechselkurs befürchtet werden, daß die Zinsen steigen?

REMSPERGER: Der Außenwert einer Währung darf nicht instrumentalisiert werden.Er ist Folge der Wirtschaftsentwicklung und der Wirtschaftspolitik.Aus gutem Grund betreibt die EZB keine wechselkursorientierte Politik.

TAGESSPIEGEL: Und auch keine zielzonenorientierte Politik?

REMSPERGER: Genau, man käme nur in Konflikt mit dem Hauptziel der Geldpolitik, für Preisstabilität zu sorgen.Außerdem ist es schon theoretisch ausgesprochen schwierig, bestimmte Zielbandbreiten zu quantifizieren, in denen die großen Währungen schwanken sollen.Selbst wenn man es also wollte, wäre es nicht einfach, eine solche Politik zu praktizieren.Vielmehr kommt es darauf an, daß alle Politikbereiche vertrauensbildend wirken, anstatt nach mehr Regulierung, nach mehr Kontrolle zu rufen.

TAGESSPIEGEL: Hinter dem Wunsch nach mehr Kontrolle steht auch die Hoffnung auf mehr Schutz vor Rückschlägen am Arbeitsmarkt.Fördert nicht schon der Euro allein die Beschäftigung in Europa?

REMSPERGER: Mit der Einführung des Euro ist ein großer Teil der Exporte der Länder der Währungsunion wechselkursunabhängig geworden.Die erhöhte Sicherheit dürfte grundsätzlich positiv auf Wachstum und Beschäftigung wirken.Außerdem wird das Kapital auf dem nun größeren Kapitalmarkt leichter zum besten Wirt finden.

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