Wirtschaft : Die Strategie des Dr. Evil

Mit einem Milliardendeal wollte die Citigroup die Börse manipulieren. Nun ermittelt der Staatsanwalt

Silvia Ascarelli[London]

Am 16. Juli 2004 warf ein Londoner Citigroup-Manager seinen Angestellten vor, sie machten zu wenig Gewinn. Sie sollten für das Anleihegeschäft daher neue Strategien entwickeln, um mehr Geld zu verdienen. Zwei Wochen später führten sechs Citigroup-Händler gewaltige Wertpapiertransaktionen durch. Das geht aus einem Untersuchungsbericht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hervor.

Am 2. August gaben die Citigroup- Händler riesige Verkaufsaufträge für europäische Staatsbonds und Future-Kontrakte. Sie erzielten innerhalb weniger Stunden einen Gewinn von schätzungsweise 15 Millionen Euro. Gleichzeitig brachte das Handelsgeschäft der Bank langwierige Ermittlungen ein – just zu der Zeit, als Vorstandschef Charles Prince eigentlich das Image seiner Bank verbessern wollte. Schließlich hatten die Skandale um Worldcom und Enron den Ruf der Citigroup beschädigt.

Nun ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft. Das Bafin hatte Anzeige gegen die sechs Citigroup-Mitarbeiter erstattet. Es bestünden Hinweise auf Marktmanipulation im Anleihehandel, so der Vorwurf der Behörde. Auch britische, italienische und französische Aufsichtsbehörden prüfen, ob die Citigroup gegen Börsenvorschriften verstoßen hat. Außerdem drohen der Bank und den Händlern Sanktionen durch die Terminbörse Eurex, an der sie den umstrittenen Future-Handel abgewickelt haben.

Die Citigroup teilte vergangene Woche mit, sie kooperiere mit den Ermittlern. Gleichzeitig zog die Bank personelle Konsequenzen und suspendierte die Angestellten vom Dienst. „Die in den Fall involvierten Händler sind bis zum Abschluss der Untersuchungen beurlaubt worden“, teilte die Bank mit. Die Citigroup betont zwar, die Anleihegeschäfte verstießen gegen keine Vorschriften. Doch schon jetzt ist ein Regelverstoß offenkundig. Einer der Citigroup-Händler durfte am besagten Tag gar nicht an der Eurex handeln. Er wickelte das Handelsgeschäft unter falschem Namen ab, wie die Citigroup einräumt. Das sei ein Verstoß gegen die Börsenvorschriften, heißt es im Bafin-Bericht. „Die Planung, Vorbereitung und Durchführung der beschriebenen Handelsaktivitäten“ hätten das Vertrauen in die Integrität der Eurex Deutschland „gemindert“. „Jeder zugelassene Handelsteilnehmer sollte sich so verhalten, dass er das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigt.“ Ein Sprecher der Citigroup lehnte eine Stellungnahme dazu ab. Citigroup-Chef Prince bezeichnete die anrüchigen Geschäfte in der Öffentlichkeit lediglich als „eine vollkommen hirnrissige Sache“.

Im Bafin-Bericht heißt es, dass mindestens zwei Manager der Citigroup die Strategie genehmigt hätten, darunter Stephen Compton, der Chef des europäischen Handels der Bank mit Zinsprodukten. Compton ermahnte im Juli die sechs Händler, den Gewinn zu steigern, weil sie zu wenig Geld verdienten. Auch über die geplanten Anleihegeschäfte am 29. Juli wurde Compton informiert, wenige Tage, bevor sie getätigt wurden.

Nach dem Treffen mit Compton beschrieb einer der Händler in einer E-Mail die Handelstransaktion, die später „Dr. Evil“ genannt wurde – offensichtlich in Anspielung auf den Bösewicht in Austin Powers Filmen. In der E-Mail stand, dass die Transaktion auch zur Folge haben könnte, dass kleinere Händler aus dem europäischen Markt für Staatsanleihen gedrängt würden. Davon könnte die Citigroup, einer der weltweit größten Händler von Staatsbonds, profitieren. Der Bericht der deutschen Finanzaufsicht kommt zu dem Schluss, dass die in der E-Mail skizzierten Handelsgeschäfte dem Ruf der Eurex schaden sollten.

Die Citigroup wiederum bezeichnete die Aussagen der Händler als „unangemessen, unrealistisch und teilweise infantil“. Die Bank fügte hinzu: „Wir bedauern diese Bemerkungen, die weder die Meinung der Vorgesetzten wiedergeben noch die des Unternehmens.“ Doch offenkundig geschah der anrüchige Handel mit dem Einverständnis der Führungskräfte: Einen Tag nach der E-Mail informierten die Händler ihren Vorgesetzten Spiros Skordos über die geplante Transaktion. Außerdem begannen Mitarbeiter, die notwendigen Softwareprogramme zu entwickeln, so der Bafin-Bericht.

Ursprünglich planten die Händler die Transaktion für den 30. Juli, weil die Märkte freitags, zumal am letzten Tag im Monat, gewöhnlich ruhig sind. Doch sie brachen das Geschäft auf halbem Weg ab, weil sie fürchteten, dass sich die Märkte gegen sie bewegten. Dennoch strich die Citigroup durch den Handel mit rund 12 500 Future-Kontrakten einen Gewinn von 1,8 Millionen Dollar ein.

Am Montag darauf versuchten die Händler ihr Glück erneut. Am 2. August bauten sie auf den Future-Märkten wieder Positionen auf; dieses Mal kurz nach zehn Uhr. Um 11.29 Uhr aktivierten sie das Softwareprogramm der elektronischen Bondhandelsplattform MTS und brachten Verkaufsaufträge auf den Markt. Zuerst platzierten sie zwei große Verkaufsorder für fünfjährige Bonds europäischer Länder, jede im Wert von 34 Milliarden Euro. Dann platzierten sie Verkaufsaufträge für Zehn-Jahres-Bonds verschiedener EU-Länder für 15 Milliarden Euro. Insgesamt beliefen sich die Verkaufs-Order auf 83 Milliarden Euro. Doch nur 12,4 Milliarden Euro setzten die Händler schließlich um. Sobald der Preis der Anleihen infolge der gewaltigen Verkaufsorder gefallen war, kaufte die Citigroup Bonds für 3,8 Milliarden Dollar zurück. Dabei erzielte die Bank einen Gewinn von schätzungsweise 15 Millionen Euro.

Ob sich die Citigroup damit einen Gefallen getan hat, ist jedoch fraglich. Denn schon jetzt bekommt sie die Folgen der anrüchigen Transaktionen zu spüren: Kunden bleiben fern. Zumindest fehlt der Name der Bank auf den Listen von Konsortialführern, die Emissionen großer Staatsanleihen von Italien, Spanien Österreich und Belgien vorbereiten.

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