Wirtschaft : Die Stunde der Sanierer

Massenentlassungen, Milliardenabschreibungen und Minusrekorde – die wenigen positive Nachrichten gehen unter

Dieter Fockenbrock

Das Jahr war eine Zäsur. Zum Beginn herrschte in vielen Vorstandsetagen noch der Glaube vor, nach dem plötzlichen Ende des Internetbooms und dem tiefen Fall der Börsen könne es nur noch aufwärts gehen – doch es kam ganz anders. Das erhoffte Wachstum blieb aus, stattdessen gerieten Konjunktur und Finanzmärkte erneut ins Rutschen, diesmal mit gravierenden Folgen. Deutschlands Manager, die sich doch eigentlich wieder aufs Tagesgeschäft konzentrieren wollten, mussten sanieren. Massenentlassungen und milliardenschwere Verluste bei einigen Konzernen, spektakuläre Pleiten und mehr als 41 000 Insolvenzverfahren – die Bilanz des Jahres 2002.

Schlimm getroffen hat es vor allem die Banken und Versicherungen. Zu hohe Kosten und die schlechte Börse macht die Geldanlage von Deutscher, Dresdner, Commerzbank und Co. zum hohen Risiko. Allein bei den Großbanken werden bis Ende 2003 40 000 Arbeitsplätze gestrichen. Selbst der Inbegriff deutscher Solidität, die Münchner Allianz, ist ins Schleudern geraten.

In der Bauwirtschaft ist es fast noch schlimmer. Das Schicksal des Traditionskonzerns Philipp Holzmann steht stellvertretend für eine ganze Branche. Holzmann stand in den letzten Jahren schon zwei Mal am Rande des Ruins, diesmal war jeder Rettungsversuch vergebens. Das marode Frankfurter Unternehmen wird zerschlagen. Viele der 11 000 Inlandsjobs gehen verloren, weil es in Deutschland ohnehin zu viele Bauarbeiter und Firmen und zu wenig Aufträge gibt.

Dramatisch veränderte sich die Lage in der Telefonbranche. Der Marktführer Deutsche Telekom steht zwar nicht vor dem Bankrott, doch 64 Milliarden Euro Schulden sind eine schwere Belastung. An der Börse kostete das jede Kursfantasie, dem Vorstandschef Ron Sommer seinen Job – knapp 55 000 Telekom-Mitarbeitern soll es bis Ende 2005 nicht anders ergehen. Ein kritisches Jahr war es auch für den kleinen Herausforderer Mobilcom. Das Unternehmen stand kurz vor der Pleite, Mobilcom konnte die Milliardenschulden für die UMTS-Technik allein nicht schultern. Und der (ebenfalls hoch verschuldete) Großaktionär France Télécom wäre am liebsten ausgestiegen. Nach einer dramatischen Rettungsaktion unter Einschaltung des Bundeswirtschaftsministers stand am Ende ein Kompromiss mit France Télécom. Jetzt ist Mobilcom ein Sanierungsfall.

Was die Telefonbranche besonders belastet sind Wertberichtigungen: Teure Firmenzukäufe aus den vergangenen Jahren und Investitionen (wie UMTS-Lizenzen) müssen in den Bilanzen auf realistische Werte herabgebucht werden. Die Abschreibungen führen zu hohen Verlusten. Pleite gegangen sind nur kleine Firmen der New Economy, die Konzernen kostet das aber Substanz.

Spektakuläre Insolvenzen gab es dennoch genügend: Leo Kirchs’ Filmimperium brach zusammen, ebenso der größte Anlagenbauer Europas, Babcock-Borsig. Cargolifter begrub seine Luftschiffträume, 300 Millionen Euro Aktionärskapital sind verbrannt. Photo Porst überlebte den knallharten Wettbewerb nicht. Bei dem Regionalflugzeugbauer Fairchild Dornier verloren die Eigentümer die Geduld – einer der weltweit letzten unabhängigen Flugzeugbauer ging pleite.

Bei so vielen prominenten Pleiten gehen die wenigen positiven Nachrichten völlig unter: Porsche legte das beste Jahr seiner Geschichte hin, Daimler-Chrysler schreibt wieder Gewinne. Für die Berliner Herlitz AG beginnt nach der Insolvenz ein zweites Leben. Und der Bauer-Verlag steigt in die erste Liga der deutschen Medienhäuser auf.

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