Wirtschaft : Die Stuttgarter Börse lockt mit der Nachtschicht

SILVIA ASCARELLI

STUTTGART . Noch vor vier Jahren galt die Stuttgarter Börse als dahinsiechender Fossil. Besonders imposant war ihr Anteil am deutschen Wertpapierhandel nie gewesen, doch damals schrumpfte er auf zwei Prozent zusammen. Das Aktienvolumen sank auf knapp 45 Mill. Euro pro Tag. Es stand extrem schlecht um die Stuttgarter Börse, so daß die Eigentümer schon eine Aufgabe in Erwägung zogen.

Mittlerweile ist der Anteil am Aktienhandel wieder auf 5,5 Prozent gewachsen und das Transaktionsvolumen hat die 562 Mill. Euro-Marke erreicht. Die Stuttgarter Börse ist noch nicht aus der Gefahrenzone heraus, deshalb sollen die Handelszeiten in die Abendstunden ausgedehnt werden. Vertreter der Börse sind gewillt, etliche Millionen Euros in dieses Vorhaben zu investieren.

Welche treibende Kraft steckt hinter dieser Idee ? Es ist vor allem eine Gruppe, die bislang wenig Beachtung fand: Die Privatanleger und ihr Bedarf nach neuen Börsenzeiten. Durch die Präsenz der Kleinanleger wurde der Wandel an der Börse ausgelöst. "Wenn der Kunde handeln möchte, müssen wir verfügbar sein," sagt Börsenchef Andreas Glienke. Ähnliches hört man von den Börsen von Stockholm bis New York. Alternative Handelssysteme üben einen so großen Druck aus, daß sich inzwischen viele Börsen auf Spätsitzungen vorbereiten.

Die Gründe für diesen Trend liegen auf der Hand: Auf beiden Seiten des Atlantiks investieren private Anleger zunehmend direkt in Aktien statt in Investmentfonds. Die Kleinaktionäre in Deutschland haben beispielsweise ihre Aktienanteile zwischen 1990 und 1997 durchschnittlich um 15 Prozent pro Jahr erhöht. Allein in Deutschland entstehen scharenweise Handelssysteme im Freiverkehr. Die Direkt-Anlage Bank AG hat kürzlich Neue Markt-Aktien in die Liste der deutschen Blue Chips an der Nachbörse eingereiht. Bei der Citibank AG, in Deutschland führend bei Optionsscheinen, kann bereits seit vier Jahren bis 22 Uhr gehandelt werden, das gilt auch für Blue Chips. Pro Jahr beläuft sich der Späthandel bei der Citibank auf 5 Mrd. Euro. Beim Kampf ums Überleben ist es deshalb wenig verwunderlich, daß die Stuttgarter Börse genau auf diesen Markt setzt und ihre Zukunft in die Hände der Kleinanleger legt. So hofft man verlorenes Terrain zurückzugewinnen.

In diesem Stadium können allerdings noch keine Prognosen abgegeben werden, ob die Überstunden der Börsen zum Erfolg führen werden. Vor einigen Jahren schlugen vergleichbare Unternehmungen fehl. Beispielsweise hatte sich eine Frühschicht für ausländische Aktien an der amerikanischen Freiverkehrsbörse Nasdaq nicht durchsetzen können. Bei diesen frühen Versuchen waren allerdings Berufsanleger die Zielgruppe. Nach neuesten Plänen wird die Nasdaq von September an die Handelszeit für die 100 umsatzstärksten Aktien um dreieinhalb Stunden verlängern. Diesmal will man sich auf die Privatanleger konzentrieren. Auch die New Yorker Börse hat die Planungen für eine Verlängerung der Handelszeit zwar verschoben, aber nicht aufgegeben. Andere europäische Börsen wollen mitziehen.

Allerdings geben Skeptiker zu bedenken, daß die durch längere Öffnungszeiten entstehenden Kosten den Gewinn des Handels übersteigen könnten. Die Stuttgarter Broker verlassen sich jedoch lieber auf ihren Instinkt als auf aufwendige Analysen. Erfahrungsgemäß sind die Nachmittagsstunden - Tendenz steigend - sehr lebhaft, wenn letzte Orders noch schnell vor Börsenschluß abgegeben werden. Zudem wird das Internet bisherige Handelsgewohnheiten auf dem Aktienmarkt verändern.

Das bestätigen unter anderem die Erfahrungen der Direkt-Anlage Bank. Seit Ende vergangenen Jahres bietet sie Spätsitzungen im Internethandel an, die sich bereits als lukrativ erwiesen haben. "Unser Aktienmarkt wächst und verlagert sich mehr und mehr auf Internet und Späthandel," beschreibt Matthias Kroener, Vorstandsmitglied der Bank. Auch die Vertreter der Deutschen Börse wollen sich schon seit längerem vom traditionellen Handel an acht Börsenplätzen von Hamburg bis München zurückziehen. Statt dessen soll der Handel auf ein rein elektronisches Xetra-System zusammengeführt werden. Bereits 90 Prozent des deutschen Blue Chip-Umsatzes wird heute über Computer abgewickelt.

An der Stuttgarter Börse haben sich Computerisierung und Späthandel bereits ausgezahlt. Der Umsatz wuchs 1998 stärker als an allen anderen deutschen Börsen. Der Handel von Aktien bis hin zu Optionsscheinen hat sich letztes Jahr auf 583,1 Mrd. DM mehr als verdoppelt. Damit steht Stuttgart besser da als manche andere der kleinen nationalen Börsen in Europa. Jede vierte Order, die nicht über den Xetra gehandelt wird, geht an die Stuttgarter Börse.

Vor diesem Aufschwung mußten allerdings einige Umstellungen vorgenommen werden. Im Inneren des barocken Gebäudes erinnert wenig an das typische Erscheinungsbild der Börse: Kein Stimmengewirr ist auf dem Parkett zu hören, man begegnet kaum einem Broker. Heutzutage sitzen die Händler vor dem Computer. Deshalb sieht die Börse wie jedes andere moderne Büro aus. Die Stuttgarter Börse hat noch weitere Innovationen vorgenommen. Seit Dezember 1997 wurde die Mindestordergröße von 50 auf eine Aktie reduziert. Sie war eine der ersten, die den Parketthandel auf 17 Uhr ausgedehnt hat, und sie notiert oft bessere Marktpreise als das Xetra-System. Alles in allem werden die Serviceleistungen anderer Börsen und Systeme übertroffen. "Wir sind ein erfolgreicher Nischenmarkt," erklärt Börsenchef Glienke. "Damit sind wir zufrieden. Für uns zählt der einzelne Kleinanleger." In Stuttgart hofft man nun, speziell im Optionsspäthandel viel Geld zu verdienen.

Der einzige Haken am Späthandel ist, daß man in Stuttgart von der Deutschen Börse insofern abhängig ist, daß auch dort die grundlegenden Computersysteme Überstunden machen. Bisher aber hielt sich der Enthusiasmus an der Deutschen Börse für den Späthandel in Grenzen. Deshalb ist Stuttgart gewillt, ein unabhängiges, hauseigenes System zu entwickeln. Laut Glienke belaufen sich die Kosten dafür auf einen Bruchteil der zu entrichtenden Lizenzgebühr für die Nutzung des "Boss Cube order routing"-Systems der Deutschen Börse. Für 1998 wurden dafür Kosten von 10 Mill. DM fällig, ein Viertel der geschätzten Kosten für das eigene System. "Der Aktienmarkt verändert sich dahingehend, daß es einen Internetfreiverkehrshandel in deutschen Aktien geben wird. Wenn wir den Anschluß verpassen, wird es sehr schwierig werden, wieder ins Geschäft zu kommen."

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