Wirtschaft : Die Turbo-Hühner

Lohmann-Brown, Silver oder Classic: Das Züchter-Sortiment liest sich wie ein Autokatalog. Wie Tiere auf Leistung getrimmt werden

Tina-Marlu Kramhöller

Wie idyllisch war es doch früher, als die meisten Leute auf dem Land noch ihr eigenes Huhn im Stall hatten, das ihnen zumindest alle paar Tage ein Frühstücksei legte. Heute kaufen die meisten Verbraucher ihre Eier im Supermarkt – geliefert von Großbetrieben, in denen Turbo-Hühner am Fließband produzieren.

Diese Hochleistungshühner sind das Ergebnis konsequenter Zucht. Der Champion unter den Superhühnern ist das „LSL-Huhn“. Bis zu 355 Frühstückseier bringt es in seinen 14 Legemonaten zustande. Mit gemütlichem Leben auf dem Bauernhof hat das nichts mehr zu tun, hier geht es um industrielle Fertigung, um Effizienzsteigerung und sinkende Stückkosten.

Im niedersächsischen Cuxhaven sitzt einer der drei größten Züchter der Welt: Lohmann Tierzucht, der auch das LSL-Huhn erfunden hat. In jedem Jahr verkauft Lohmann 4,5 Millionen Elterntiere – Legehennen und Zuchthähne – an sogenannte Vermehrer-Betriebe in der ganzen Welt. Diese wiederum produzieren dann die Legehennen für den Eiermarkt. Schon heute stammt jedes vierte Huhn weltweit aus der Lohmann-Zucht, „in Deutschland sogar jedes zweite“, sagt Geschäftsführer Hans-Friedrich Finck.

Das „Hühner-Sortiment“ auf der Lohmann-Website erinnert an einen Katalog beim Autohändler: Lohmann-Brown, -Silver, -Classic oder -Lite. Hoch spezialisierte Genetiker arbeiten mit Eifer daran, die Hühner und deren Eimaterial stetig zu verbessern und damit auf wechselnde Marktanforderungen zu reagieren. „In Europa haben sich die Haltungsformen in den letzten Jahren verändert, deshalb züchten wir Hühner, die besser damit klarkommen“, sagt Finck. Auch die Eiervorlieben der Verbraucher variieren. „Es gibt Märkte“, erzählt der Geschäftsführer, „die wollen grundsätzlich größere oder grundsätzlich kleinere Eier haben“.

Auch bei der Schalenfarbe haben die Kunden unterschiedliche Präferenzen: Isländer stehen vor allem auf weiß, manche Länder wollen dagegen ausschließlich braune Eier, etwa Bulgarien oder Portugal. „70 Prozent der Deutschen übrigens auch“, sagt Finck. Besonders an Ostern werden bei uns weißschalige Eier bevorzugt, weil man sie besser einfärben kann. Die Farbe der Schale ist übrigens genetisch bedingt – Hühner mit weißen Ohrlappen legen weiße Eier, die mit braunen Ohrlappen braune.

Bei der Optimierung der Zucht legen die Profis aber nicht nur Wert darauf, die Produktion pro Huhn zu steigern. „Wichtig sind auch Schalenstabilität, Farbe und Gewicht“, erklärt Finck. Ein „attraktiv weißes“ Ei hat ein Idealgewicht von gut 60 Gramm. „Mehr kostet zu viel Futter“, sagt er. Auch das Turbo-LSL-Huhn ist auf einen festen Futterverbrauch getrimmt. Täglich darf es rund 120 Gramm Körner picken, damit Input und Output in einem betriebswirtschaftlich optimalen Verhältnis stehen. In der industriellen Massenproduktion ist das ein wichtiges Argument, denn für den Produzenten können schon zwei oder drei Gramm mehr Futterverbrauch pro Tag oder ein minimal schwereres Ei über Betriebsgewinn oder -verlust entscheiden.

Dem Zufall oder der natürlichen Hackordnung überlassen die Züchter nichts. Leistung und Qualität ihrer Hühner werden mit Hilfe der Gentechnologie optimiert. Doch kann das Turbo-Huhn überhaupt noch verbessert werden? „Wir sehen noch züchterische Möglichkeiten“, sagt Finck. Tina-Marlu Kramhöller

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