Wirtschaft : Die unheimlichen Analysten: Wirtschaft ist kein Kasino

Heik Afheldt

Noch ist die Gelbe Aktie der Post im Angebot. Zeichnen oder nicht, das ist die Frage. Werben die Gebrüder Gottschalk für eine solide Anlage, einen Wachstumswert - oder riskiert der junge Postaktionär, nur sein Geld zu verlieren, wie bei anderen großmundig beworbenen Börsenneulingen auch? Gummibären oder Gummibullen? Wer weiß Rat? Die Analysten? Wohl kaum. Wer das hektische Auf- und Ab an den Börsen in den vergangenen Wochen verfolgt hat, und das tun immer mehr Menschen in diesem Lande, der kann an der ganzen Veranstaltung Börse irre werden. Da verlieren namhafte Aktien innerhalb kurzer Zeit die Hälfte ihres Wertes oder mehr. Stars von gestern, Deutsche Telekom, Daimler-Chrysler, IBM, SAP oder Infineon, stürzen steil ab in schwarze Löcher. Und noch schlimmer geht es mit den vielen Neulingen am Börsenhimmel: Ricardo, Balda, Consors und Inktomi. Waren das alles wirklich Überraschungen? Haben die Analysten versagt? Hört keiner mehr auf sie? Wie erklären sich die abrupten Ausschläge?

Nach sachlichen Gründen sucht man meist vergeblich. Die wirtschaftlichen Fakten scheinen nur eine geringe Rolle zu spielen. Da liest man verwundert Schlagzeilen wie: "Pfizer übertrifft Erwartungen, Aktienkurs bricht ein". Wessen Erwartungen sind das? Wer sich die Mühe macht, in die detaillierten Berichte der Angehörigen der Analysten-Zunft zu schauen, der versteht die Welt nicht mehr. Minuten vor einem Kurssturz waren noch fast alle für "Kaufen". Die Empfehlungen werden mit langen Zahlenreihen über die kurz- und langfristigen Performances eines Unternehmens belegt. Und dann ein jäher Kursverfall, obwohl die neu veröffentlichten Zahlen nahe an oder sogar über den Prognosen liegen. Und ähnlich geht es mit den plötzlichen Avancen. Was läuft da falsch? Sind die Analysten blind? Wer macht die Kurse so volatil?

Die übliche Antwort ist: Keiner. Es ist der Herdentrieb und die Schafe laufen halt mit, egal was die Analysten raten. Ist das von Übel oder ist das eben das Gesetz der Börse, das sich rationaler Erklärungen entzieht und deshalb immer stärker die Verhaltenspsychologen interessiert? Für die großen Anleger und gewieften Börsianer sind die erratischen Kursausschläge nach oben und unten kaum ein Problem. Die Kundigen kennen das Spiel. Sie verdienen an dem ganzen Auf und Ab nicht schlecht und haben viele kluge Instrumente entwickelt, die Derivate, um selbst im Sturz noch zu gewinnen. Anders steht es um die vielen neuen Klein-Aktionäre, die mit großen Hoffnungen und Vertrauen in die Aussagen der Analysten und Berater investieren. Die Börse ruft und verführt zu Engagements, die diese Amateure schnell bereuen können. Mit geschickten, millionenteuren Werbeaktionen wird ihnen eingetrichtert, eine wie attraktive Anlage doch die Aktien - vor allem junger Firmen am Neuen Markt - sind. Einmal als "Kunden" gewonnen, werden sie zu begeisterten Börsen-Spielern und Zockern. Vom Börsenfieber gepackt, fragen sie unablässig: Wo laufen sie denn? Und dabei riskieren viele viel Geld. Aber schlimmer noch, sie verlieren schnell auch den Glauben an eine seriöse Wirtschaft, in der hart gearbeitet und meist rational entschieden wird. Oft wird beklagt, wie unterentwickelt bei den Deutschen das allgemeine Verständnis für die Wirtschaft sei. Und nun erleben alle diejenigen, die sich heute neu für Aktien und die Börse interessieren, ein Zerrbild des Kapitalismus, eine Seite, bei der Rationalität und fundamentale Fakten anscheinend kaum eine Rolle spielen. Gott sei Dank macht die Abteilung Börse nur einen geringen Teil der Wirtschaft aus. Die meisten, vor allem die kleinen und mittleren Firmen, sind nicht an den Börsen notiert. Sie werden nicht wie Chips auf dem Roulette-Tisch gesetzt und versetzt. Ihr Wert spiegelt tatsächlich noch die Fundamental-Daten, die Lage und die Aussichten der Firma wieder. Nur ist das ein ungenügender Trost. Der Idee einer breiten Beteiligung der Bürger an den Unternehmen haftet ja etwas Bestechendes an. Deshalb wäre es wünschenswert, möglichst viele Unternehmen an die Börsen zu holen und damit auch für kleinere Investoren zugänglich zu machen. Aber ebenso wünschenswert wäre es, wenn die Kursbildung nicht ganz so irrational wären.

Der große Sachverstand der zahlreichen Analysten sollte dazu führen, dass sachliche Analysen und Fakten ein größeres Gewicht bekämen und die Kurse so stärker geglättet würden. Aber eine derartige Wirkung bleibt zunächst nur eine schöne Hoffnung. Selbst wenn es einen TÜV für Analysten gäbe, so ist weder garantiert, dass sie nicht irren, noch, dass die Herde auf sie hört. Letztlich kann hier auch nur der Wettbewerb helfen, mehr Transparenz und eine harte Erfolgskontrolle. Das ist auch eine Aufgabe der Medien. Wer zu oft irrt oder die Kursentwicklung manipuliert, der fliegt raus. Aber bis auf weiteres folgt man besser der alten Anleger-Weisheit: Kaufen, hinlegen und nach einigen Jahren wieder anschauen und sich freuen. Das gilt im Zweifel auch für die Post.

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