Wirtschaft : „Die Unsicherheit ist riesig“ - Aktieninstitut: Politik schreckt Anleger ab

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Herr Leven, haben Sie Aktien?

Ja, seit 1986. Ich habe sie nach dem Studium gekauft und bis heute gehalten.

Als Aktionär gehören Sie zu einer Minderheit in Deutschland. Macht die Mehrheit beim Sparen etwas falsch?

Ja. 85 Prozent der Bürger haben weder Aktien noch Aktienfonds und sie verzichten damit komplett auf die Rendite, die ihnen die Anlageform langfristig bieten kann.

Viele haben an der Börse Geld verloren…

Kurzfristig können Aktien fallen, gewiss. Aber die Empirie zeigt, dass sie über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren steigen – mit dem Wirtschaftswachstum und den Unternehmensgewinnen. Viele Anleger klammern sich zu sehr an ihre kurzfristigen Erfahrungen und kaufen oder verkaufen dann zum falschen Zeitpunkt.

Ein Grund für die sinkende Aktionärszahl liegt in den Verkäufen im Jahr 2005, als Anleger Gewinne eingesammelt haben. Da haben sich viele doch richtig verhalten…

Das war rational. Aber es gibt ja durchaus unterschiedliche Anlegertypen.

Und warum steigt dieser rationale Typus nicht wieder ein?

Vor allem, weil die aktuelle Steuerdebatte sie davon abhält.

Der Finanzminister ist also schuld?

Die Unsicherheit darüber, was die Regierung plant und tun will, ist riesig. Viele, die eigentlich Aktien kaufen würden, tun dies nicht, weil sie fürchten, dass die geplante pauschale Abgeltungsteuer einschließlich der Abschaffung der Spekulationsfrist und des Halbeinkünfteverfahrens die Anlage unrentabel macht.

Kann der Staat die Aktienanlage fördern?

Er sollte nicht die Spekulation fördern. Aber denkbar wäre, dass ein Teil des Vermögens, das für die Altersvorsorge mit Aktien verwendet wird, steuerlich begünstigt wird. Es wäre schon viel gewonnen, wenn der Staat die Aktie nicht diskriminieren würde. Die Gesamtbelastung inklusive Körperschaft-, Gewerbesteuer und Soli liegt nach den aktuellen Plänen bei über 50 Prozent. 30 Prozent wären gesund. Würde die Abgeltungsteuer nicht bei 30, sondern unterhalb von 20 Prozent festgelegt und das Halbeinkünfteverfahren beibehalten, würden Anleger nicht zusätzlich belastet.

Sind die Deutschen schlecht beraten worden – zum Beispiel auch von den Banken?

Die Banken tun sich schwer. Die Kunden wollen von Aktien nichts hören. Der Fehler liegt aber weniger bei den Beratern. Er liegt im System: Beratung will sich niemand etwas kosten lassen. Umsonst ist aber auch der Erfolg an der Börse nicht.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

Franz-Josef Leven

ist Direktor des Deutschen Aktieninstituts. Das DAI, 1953 als „Arbeitskreis zur Förderung der Aktie“ gegründet, vertritt die Interessen der Akteure am deutschen Finanzplatz

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