Wirtschaft : Die Welt ist noch zu retten

Versicherer und Ökonomen machen gemeinsame Sache im Kampf gegen die Klimakatastrophe

Heike Jahberg

Berlin - Die deutschen Versicherer stehen auf Al Gore. Der Film des Mannes, der beinahe Präsident der Vereinigten Staaten geworden wäre, ist in diesen Tagen oft zu sehen. Beim Jahrestreffen der Versicherungswirtschaft am vergangenen Donnerstag in Berlin genauso wie tags drauf beim Kolloquium der Berliner Versicherungswissenschaftler.

„Die unbequeme Wahrheit“ warnt vor den Gefahren der globalen Erwärmung. Die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die Sommer werden heißer, die Winter feuchter und die Stürme heftiger, sagt der amerikanische Umweltaktivist. Schanghai und Manhattan werden eines Tages vielleicht im Meer versinken, prophezeit Gore. Mit seinen Vorhersagen trifft er den Nerv der Versicherer. Die warnen schon seit langem vor der Klimakatastrophe und fordern die Politik zum Gegensteuern auf. Auch Ökonomen, die früher die von Umweltverbänden entwickelten Szenarien als Panikmache abgetan haben, beginnen jetzt umzudenken.

Nur die Politik zieht nicht mit. Am Freitag ging die Weltklimakonferenz in Nairobi zu Ende – mit mageren Ergebnissen. Die 189 Teilnehmerstaaten konnten sich gerade einmal auf einen Fahrplan fürs Weitermachen verständigen. Inhaltliche Vorgaben für eine Überprüfung des Kyoto-Protokolls, in dem sich die Industriestaaten verpflichten, ihren Ausstoß von Treibhausgasen zu senken, haben die Delegationen nicht verabschiedet. Hinzu kommt: Die USA haben sich ohnehin vom Kyoto-Protokoll losgesagt. Auch Schwellenländer wie Indien und China sind nicht berücksichtigt. Dabei haben die USA und China zusammen einen Anteil von 40 Prozent an den weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Experten sind enttäuscht. „Die nächsten zwei Jahrzehnte entscheiden darüber, wohin die Reise geht“, mahnt der Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimaforschung, Ottmar Edenhofer. Wenn die wachsende Wirtschaftsmacht China in den nächsten Jahren weitere Kohlekraftwerke baut, in denen das Kohlendioxid wie bisher in die Luft geblasen wird, sieht Edenhofer schwarz.

Der Gehalt von Kohlendioxid – dem Klimakiller Nummer eins – in der Erdatmosphäre ist „heute schon so hoch wie seit 450 000 Jahren nicht mehr“, warnt auch Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. Von 280 ppm (parts per million, Teile pro Million) im Jahr 1800 ist der CO2-Gehalt als Folge der Industrialisierung heute auf 380 ppm gestiegen. Konsequenz: Die Durchschnittstemperatur auf der Erde ist in den vergangenen 100 Jahren um 0,8 Grad gestiegen. Mehr als zwei Grad Temperaturplus sollen und dürfen es nicht werden, haben die EU-Regierungschefs beschlossen. Steigt der Kohlendioxid-Gehalt auf über 500 ppm, ist dieses Ziel nicht zu halten.

Dabei ist es gar nicht so teuer umzusteuern, meint Ökonom Edenhofer. Nutze man technische Innovationen aus, würden 0,4 bis ein Prozent des weltweiten Sozialprodukts ausreichen. Damit könne man die Energieeffizienz verbessern, den Anteil der erneuerbaren Energien steigern und umweltfreundliche Entsorgungstechniken bei der Verbrennung von Kohle einführen. Früher hatten Ökonomen zehn bis 15 Prozent veranschlagt.

Ernst Rauch von der Münchener Rück, dem zweitgrößten Rückversicherer der Welt, beobachtet das Weltklima mit wachsender Sorge. „Die letzten fünf Jahre gehören zu den sechs wärmsten Jahren seit 1856“, sagt Rauch. Mit dramatischen Folgen: Rund 30 000 Menschen starben europaweit im Hitzesommer 2003. In Frankreich mussten die Leichen in Kühlzelten gelagert werden, weil die Bestatter nicht nachkamen. Stürme, Fluten – die Naturkatastrophen häufen sich. Zehn tropische Wirbelstürme im Jahr wären nach der langjährigen Wetterstatistik normal, 2005 gab es davon gleich 28. Allen voran den Hurrikan „Katrina“, der weite Teile von New Orleans zerstörte. 60 Milliarden Dollar mussten die Versicherer allein dafür bislang aufbringen.

40 Milliarden Dollar zahlten die Erst- und Rückversicherer im Jahr 2004 insgesamt für Naturkatastrophen, im Jahr darauf war es das Doppelte. Kein Wunder, dass die Branche ein großes Interesse daran hat, dass die Politik die Klimaprobleme löst. Und das möglichst bald. Denn das Treibhausgas CO2 hält sich 120 Jahre lang in der Atmosphäre, Fluorkohlenwasserstoff sogar bis zu 500 Jahre, bis es vollständig verschwunden ist.

Je unberechenbarer das Wetter, desto problematischer wird es für die Assekuranz, die Prämien für ihre Policen zu kalkulieren. „Die alten Daten sind nicht mehr gültig“, sagt Geophysiker Rauch. Mit den neuen Schadensverläufen habe die Branche noch keine Erfahrung. Die Kunden müssen sich wohl auf Veränderungen einstellen. Um das Risiko für sich zu begrenzen, wollen die Versicherer verstärkt mit Haftungsgrenzen und Selbstbehalten arbeiten. Wer in hoch gefährdeten Gebieten wohnt, bekommt möglicherweise keinen Versicherungsschutz mehr. In Deutschland haben das bereits die Bewohner der flutgefährdeten Kölner Altstadt am eigenen Leib erfahren müssen.

Um die Herausforderungen zu stemmen, hoffen die Versicherer jetzt auf Hilfe von den Finanzmärkten in Form von Katastrophenbonds, Anleihen und Risiko-Swaps. „Wir brauchen eine Beteiligung des Kapitalmarktes, um Elementargefahren abzusichern“, meint Rauch. Allerdings reagiert der Markt eher verhalten. Der Versuch, eine entsprechende Anleihe in den USA zu platzieren, war im Frühling „kein Erfolg“, räumt Rauch ein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben