Wirtschaft : Die Wiederbelebung des alten sächsischen Manufakturstandortes trägt märchenhafte Züge

Claus-Dieter Steyer

Uhren aus Glashütte braucht kein Mensch. Und dennoch reißen sich Interessenten in aller Welt um die Luxusstücke aus dem kleinen Ort im Osterzgebirge, südlich von Dresden gelegen. Die Produktion der beiden führenden Werke - A. Lange & Söhne sowie Glashütte Original - sind auf viele Monate ausverkauft. Die "Originalen" machen aus den Namen ihrer Kunden kein Geheimnis. Claudia Schiffer soll ebenso dazu gehören wie Ornella Muti, Michael Jackson und Arnold Schwarzenegger. Die Lange-Manufaktur setzt dagegen auf Diskretion. Nur Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf verschweigt seine Vorliebe für Lange-Uhren nicht.

Er muss wie alle anderen Träger der teuren Stücke seine Uhr jeden Tag aufziehen. Besitzer elektronischer Uhren können sich einen solchen Aufwand gar nicht mehr vorstellen. Sie kaufen sich um die Ecke lieber ein billiges neues Exemplar. Wie groß ist da der Unterschied zu den Luxusuhren aus Glashütte. Der Einstiegspreis für echte Lange-Uhren beginnt bei 13 400 Mark und endet je nach Brilliantenbesatz noch nicht einmal bei 300 000 Mark.

Es gleicht schon einem kleinen Wunder, dass ausgerechnet aus der erzgebirgischen Kleinstadt Deutschlands einzige mechanische Uhren kommen. Ein Werbeslogan spricht vom neuen Selbstbewusstsein: "Die Schweizer bauen die besten Uhren der Welt - die Sachsen auch." Geschäftsführer Hartmut Knothe von "A. Lange & Söhne" lächelt bei diesem Satz hintersinnig. "Irgendwann bauen nur noch wir die besten Uhren."

Knothe ist ein altgedienter Glashütter Uhrenspezialist. Er hatte kurz nach der deutschen Einheit im Dezember 1990 die erste Belegschaft für die neue Lange Uhren GmbH zusammengestellt. Die damals knapp 50 Frauen und Männer stammten alle aus dem Uhrenkombinat Glashütte. Mit 2500 Mitarbeitern gehörte es damals zu den größten ehemals volkseigenen und später zur Treuhand gehörenden Betrieben. Allerdings waren nur etwa 1400 Angestellte mit der eigentlichen Uhrenfertigung beschäftigt.

Uhren in West-Katalogen

Die anderen bauten Schaltuhren für Waschmaschinen, Steuergeräte oder arbeiteten im großen Verwaltungsapparat. Ein erheblicher Teil der Produktion ging damals schon für harte Währung in den Westen. Unter dem Logo "Meisteranker" standen die Uhren in den Katalogen von Neckermann, Quelle und Tchibo. Zwar bietet auch heute eine Firma Meisteranker-Uhren an, sie besitzt aber keine Verbindung mehr zu Glashütte. Dessen Ruf wird durch Lange- und Original Glashütte-Uhren bestimmt. In Glashütte stellen heute rund 500 Menschen wieder Uhren her.

Die Gründung der GmbH "A. Lange & Söhne" am 7. Dezember 1990 geschah nicht zufällig an diesem Tag. Genau 145 Jahre zuvor hatte der königliche Hofuhrmacher Adolph Lange in Glashütte seine erste eigene Produktionswerkstatt für Taschenuhren eröffnet. Von Generation zu Generation stiegen die Produktionszahlen an, ehe am 8. Mai 1945 das Ende besiegelt zu sein schien. Sowjetische Jagdbomber trafen bei ihrem Angriff auf eine deutsche Panzereinheit das Hauptproduktionsgebäude, das völlig ausbrannte. Mühevoll begann der Wiederaufbau, dem jedoch im März 1946 auf Befehl der Besatzungsmacht die Enteignung als Kriegs- und Naziverbrecher folgte. Uhren aus Glashütte seien auch für militärische Zwecke eingesetzt gewesen. Die Familie Lange durfte als Alteigentümer bis zu ihrer Verhaftung 1953 noch in Glashütte wohnen. Der Sohn Walter Lange aber, der damals in der Reparaturabteilung arbeitete, erhielt eine Arbeitsverpflichtung in den Uranbergbau. Er hatte sich geweigert, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) beizutreten. Lange floh in den Westen und ließ sich bei Pforzheim nieder. Der Plan, hier den väterlichen Betrieb wieder aufzubauen, misslang.

Erst nach dem Fall der Mauer keimten neue Hoffnungen auf eine Rückkehr zu den Glashütter Wurzeln. Eine Rückgabe der alten Produktionsstätten scheiterte jedoch, da die Enteignung auf Anweisung der Besatzungsmacht vor 1949 erfolgt war. Selbst der alte Markenname "A. Lange & Söhne" musste der Treuhand abgekauft werden. Doch dank finanzieller Unterstützung durch die International Watch Co. AG (IWC) in Schaffhausen gelang Walter Lange der Neubeginn. Heute gehört die Manufaktur zur Mannesmann-Holding. 1994 wurden die ersten Uhren präsentiert. Der Chef präsentierte das alte Konzept, die Tugenden hochfeiner Taschenuhren auf Armbanduhren zu übertragen.

Auf 45 Millionen Mark beläuft sich bisher die Investitionssumme, von der rund 30 Prozent aus staatliche Fördertöpfen kamen. Verließen 1994 genau 123 Uhren die Manufaktur, so waren es 1999schon rund 4000. In diesem Jahr sollen es 5000 Stück werden, womit der Umsatz dann 70 bis 75 Millionen Mark erreichen würde. Die meisten Uhren gehen nach Deutschland, Frankreich, Italien, in die Schweiz, nach Österreich, Großbritannien, in die USA, nach Japan und in die Vereinigten Arabischen Emirate.

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