Wirtschaft : Die Zeichen der Börse stehen auf Rezession

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Frankfurt (Main) (qdt/ret/HB). Ökonomische und politische Spannungen sorgen an den Börsen für Turbulenzen. Die jüngsten Bilanzskandale fügen der Aktie als Kapitalanlage zusätzlichen Schaden zu. Befindet sich die Börse in einer der üblichen Übertreibungsphasen oder weiß sie mehr als die Weltwirtschaft selbst aussagt – kennt sie etwa einen noch „unsichtbaren Feind" des Konjunkturaufschwungs? „Die Börse löscht derzeit lediglich den Rest jener Euphorie aus, vor der der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan Ende der 90er Jahre gewarnt hatte", sagt Michael Lesser von der Investmentfirma Fahnestock&Co.

In Bezug auf die Wirtschaftsentwicklung gibt es durchaus einige Fragezeichen. Führende Köpfe des Welt-Finanzsystems geben zu, keinen Rat zu wissen. So skizzieren etwa die Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) das Muster des Konjunkturzyklus mit den Worten „alles andere als normal". Diese Einschätzung ist auch aus den Prognosen der OECD herauszulesen. Ökonomen und Analysten tun sich schwer, die anomalen Trends vergangener Monate nach dem Platzen der „Bubble Economy" zu erklären.

Stephen Roach, Chefökonom von Morgan Stanley, sagt: „Die Situation erinnert an die dunkle Zeit der globalen Krise im Jahr 1997/98." Als Folge der „Bubble Economy" habe sich ein gefährliches Gemisch gebildet.

Börsianer müssen aber dennoch den Kopf nicht in den Sand stecken. Denn gegenwärtig ist das Klima in der realen Wirtschaft wesentlich besser als die Stimmung an der Börse – und es gibt positive Wachstumsprognosen. So verbreitet etwa Notenbank-Chef Alan Greenspan Optimismus: Die US-Wirtschaft soll 2003 um 3,75 bis vier Prozent wachsen. Auch Banken sind optimistisch. Beispielsweise erwartet die Deutsche Bank für das kommende Jahr ein globales Wachstum von 4,2 Prozent. „Die globale Konjunkturerholung ist auf dem richtigen Weg", sagt auch Bruce Steinberg, Chefökonom von Merrill Lynch; er sieht keine Gefahr eines erneuten abgleitens in die Rezession. Steinberg erwartet für 2003 ein globales Wachstum von 3,6 Prozent. Erfüllt sich dieser Optimismus, könnte die Talfahrt der Börse bald ein Ende finden. Das hieße für Investoren, die antizyklisch handeln: Es bieten sich jetzt gute Einstiegschancen.

Das sieht auch Wolfgang Sawazki vom Bankhaus Sal. Oppenheim so. Heute überschieße die Börse auch wegen der Krise in der Versicherungswirtschaft, sagt Sawazki. Erzielten Versicherungen keine Rendite, seien sie gezwungen, weiter Aktien zu verkaufen. Je tiefer die Kurse fallen, desto stärker werde dieser Zwang. Anleger sollten Aktien der Marktführer favorisieren. „Die Großen kommen gestärkt aus der Krise", sagt er. Auch Roach von Morgan Stanley setzt weiter auf Aktien. Sein Musterdepot: 68Prozent Aktien, 24 Prozent Bonds und je vier Prozent Bargeld und Alternativ-Anlagen.

Auch aus einem Vergleich der jetzigen Lage mit früheren Wirtschaftskrisen resultiert Hoffnung für Investoren. So habe in den Jahren 1974 und 1975 etwa ein vergleichbarer Ausverkauf stattgefunden, analysiert Jean-Pierre Hellebuyck, Chefstratege bei AXA Investment Managers in Paris. Das wirtschaftliche Umfeld sei damals aber anders gewesen: Die Weltwirtschaft war von der ersten Ölkrise und hoher Inflation betroffen. Heute erhole sich die Wirtschaft und die Zinsen seien niedrig. Aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 15 (Europa) und 17 (USA) – dies entspricht Zinsen von 6,6 Prozent und 5,8 Prozent – zeigten die Attraktivität der Börse. Aktien koppelten sich gegenwärtig stark von der ökonomischen Realität ab, meint Hellebuyck. Sein Fazit: „Entweder nimmt der Aktienmarkt eine schwere Rezession vorweg – oder Aktien bieten eine exzellente Einstiegschance." Gegen die erste Alternative spreche: Alle wirtschaftlichen Indikatoren signalisierten eine Erholung – nur die Börse selbst nicht.

Klaus Kaldemorgen von der DWS ist allerdings skeptischer. Er zieht Parallelen zu 1987: Damals wie heute war die Börse durch steigendes Risikobedürfnis der Anleger geprägt. Anleger verkauften Technologiewerte oder schichteten in Bonds um. Das geschehe heute nicht punktuell wie 1987, sondern über einen längeren Zeitraum, sagt Kaldemorgen. Wie lange dieser Prozess dauere, sei nicht abzusehen. Die Unternehmen müssten profitabler werden und gute Nachrichten bieten – das sei der Weg aus der Krise.

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