Wirtschaft : Die Zeit läuft

Pharmakonzerne suchen fieberhaft nach einem Impfstoff gegen das Vogelgrippe-Virus

Jeanne Whalen

Wenn ihn die Nachbarn in seinem Brüsseler Vorort mal wieder über Vogelgrippe fragen, hat Emanuel Hanon in diesen Tagen nur eine Antwort: Sie sollten besorgt sein – nicht aber panisch. Der 36-Jährige dürfte es wissen. Schließlich arbeitet er an vorderster Front gegen den Ausbruch einer Epidemie der menschlichen Form der Vogelgrippe. Laut einigen Experten könnte die Krankheit, die in Asien begann und inzwischen auch Geflügel in Europa befallen hat, sich von Mensch zu Mensch ausbreiten und zu einer weltweiten Epidemie führen.

Dr. Hanon ist Chef der Impfstoff-Forschung beim britischen Pharma-Riesen GlaxoSmithKline. Und er ist einer der wenigen Forscher weltweit, die fieberhaft an einem Impfstoff gegen das Vogelgrippevirus H5N1 arbeiten. Das Virus hat in den letzten zwei Jahren 60 Menschen getötet. Gemessen an den jährlich 250000 bis 500000 Opfern der herkömmlichen Grippe ist dies zwar wenig. Da sich das H5N1-Virus aber ständig verändert und der Mensch keine natürlichen Abwehrstoffe dagegen hat, ist der Wettlauf nach einem Impfstoff zu einem der wichtigsten Rennen der Pharmaforschung geworden.

GlaxoSmithKline sucht derzeit nach einem Wirkstoff, der gegen mögliche Varianten eines menschlichen Vogelgrippevirus schützen soll. Am Donnerstag kündigte der Konzern an, bald mit klinischen Tests für einen H5N1-Impfstoff zu beginnen. Mit Ergebnissen wird im zweiten Quartal 2006 gerechnet.

Ein H5N1-Impfstoff wäre „die beste Waffe in den Vorbereitungen auf eine Vogelgrippeepidemie“, sagt Anthony Fauci, Direktor des Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten bei der nationalen Gesundheitsorganisation der USA. „Die gute Nachricht ist, dass wohl auch ein schlecht konzipierter Impfstoff besser wäre als gar keiner“, sagt John Treanor, Virusexperte an der Universität von Rochester im US-Bundesstaat New York. „Eine schlechte Nachricht ist dagegen, dass wohl niemand die genaue Zusammensetzung für den Impfstoff gegen das menschlichen Vogelgrippevirus treffen wird.“

Bislang hat erst ein Wirkstoff die klinischen Tests überstanden: Im letzten Sommer entwickelten Forscher des französischen Pharmakonzerns Sanofi-Aventis zusammen mit der US-Gesundheitsorganisation und der Uniklinik St. Jude in Tennessee erstmals einen Wirkstoff gegen die Übertragung vom Vogel auf den Menschen. Die US-Regierung hat bereits eine Bestellung für 100 Millionen Dollar platziert. Doch für die Virusvariante, die sich von Mensch zu Mensch ausbreiten könnte, ist der Nutzen des Impfstoffs begrenzt. Der Grund: Um eine ausreichende Immunreaktion herbeizuführen, muss zweimal geimpft werden.

„Alles, was mehr als eine Dosis benötigt, wird im Ernstfall unpraktikabel sein“, sagt Robert Belshe, ein Impfstoffexperte von der Universität St. Louis. Die Wissenschafter können schwer voraussagen, wie lange die Entwicklung eines Vogelgrippe-Impfstoffes noch dauern wird. Glaxo-Forscher Hanon sagt, er spüre bereits „produktiven Stress“. „Ich tue alles, damit meine Leute so zügig wie möglich vorankommen.“ Ähnliches hört man aus der Unternehmensspitze: „Wir vermeiden alles, was uns aufhalten könnte, damit die verschiedenen Regierungen im Fall einer Katastrophe ihre Ressourcen bereit haben“, sagte Glaxos CEO J.P. Garnier am Donnerstag gegenüber Reportern.

Weil nur wenige der großen US-Pharmakonzerne Impfstoffe herstellen, ist die Kapazität äußerst begrenzt. Weltweit können die Fabriken maximal 300 Millionen Dosen eines Grippeimpfstoffes produzieren – gerade genug, um 4,6 Prozent der Weltbevölkerung zu versorgen. Eines der Anzeichen für die explodierende Nachfrage nach einem Impfstoff ist der steigende Absatz von Tamiflu, einem Anti-Virus-Medikament des Schweizer Pharmakonzerns Roche. Tamiflu ist derzeit die einzig verfügbare Medizin gegen Vogelgrippe. Und obwohl es kein Impfstoff ist, haben Regierungen und Verbraucher begonnen, die Droge auf Vorrat zu lagern. Roche gab in dieser Woche bekannt, die Lieferungen von Tamiflu an private Besteller in den USA zu beschränken, damit das Medikament während der regulären Grippesaison erhältlich ist.

Die Methode zur Herstellung von Grippeimpfstoffen ist älter als 50 Jahre: Kleine Mengen des Virus werden dabei in befruchtete Hühnereier injiziert, wo sich der Erreger vermehrt. Danach werden die Eier aufgebrochen und das Virus geerntet. Mit Chemikalien deaktiviert und reinigt man das Virus, das zum Impfstoff verarbeitet wird. Impfstoffe haben nur eine kurze Haltbarkeit und können durch geringe Änderungen in der Zusammensetzung des Virus unbrauchbar werden.

Für das fertige Produkt muss das von Dr. Hanon angeführte 25-köpfige Forscherteam von GlaxoSmithKline vor allem einen passenden Zusatz finden, der das Immunsystem stimuliert und damit der Schlüssel für den Erfolg des eigentlichen Impfstoffes ist. Der richtige Zusatzstoff kann auch das Problem der geringen Herstellungskapazität lösen: Durch Verstärkung seiner Wirksamkeit lässt sich der Impfstoff auf eine größere Zahl von Dosen strecken. Sanofis Wissenschaftler prüfen dagegen vor allem, ob sich der Impfstoff durch Zellkulturen anstelle der herkömmlichen Hühnereier kultivieren lässt. Dies würde die Produktionsdauer um mehrere Wochen verkürzen.

Für eine Beschleunigung der Produktion könnte auch eine Technologie der kleinen britischen Pharmafirma PowderMed sorgen. Anstatt das Virus in Eiern zu kultivieren, isolieren Forscher nur die markanten Gene des zirkulierenden Grippevirus und implantieren sie in eine vorgefertigte Wirkstoff-Schablone. PowderMed geht davon aus, dass sich 150 Millionen Impfdosen in nur drei Monaten herstellen ließen. Allerdings müsste dazu eine 300 Millionen Dollar teure Fabrik gebaut werden – und Geldgeber haben sich bislang nicht gefunden. „Ich finde es beängstigend, dass für meine Freunde und Familie im Notfall kein Impfstoff bereitstehen wird“, sagt PowderMeds medizinischer Leiter John Beadle. „Bei den bestehenden Kapazitäten ist es ausgeschlossen, dass sie geimpft werden können.“

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