Wirtschaft : Die zweite Welle

Die New Economy ist tot – es lebe die New Economy: In Berlin erlebt die Internetbranche ihr Comeback

Henrik Mortsiefer

Es geht um Gefühle und guten Sound. Reginald Grünenberg lacht. „Unsere Techniker haben es anfangs auch nicht geglaubt – aber dann bekamen sie rote Ohren.“ Das Internet, sagt der Geschäftsführer der Berliner Firma Audiantis, ist visuell aufgerüstet. Am Anfang war nur Text. Dann kamen die Bilder. „Aber jetzt beginnt das Zeitalter des interaktiven Sounds. Die Stummfilmzeit ist vorbei.“ Der Doktor der politischen Philosophie hebt die Stimme. „Das wird eine Revolution!“

Ausgerufen hat der Start-up-Unternehmer sie schon einmal vor sechs Jahren. Damals, im New-Economy-Jahr 2000, als er mit Freunden, Programmierern und Philosophen Anlauf nahm, hat ihn niemand gehört. Doch Grünenberg blieb hartnäckig. Heute hat er prominente Unterstützer: TV-Moderator Günther Jauch und der MP3-Erfinder Karl-Heinz Brandenburg sind als private Investoren bei Audiantis eingestiegen.

Ihr Geld und ihre Risikofreude haben dabei geholfen, dass aus einer Idee Software wurde: iSound. Das kompakte, inzwischen patentierte Audioverfahren erzeugt Töne, Musik oder Sprache beim Surfen – ohne zeitraubendes Herunterladen. Auch auf dem Handy oder anderen mobilen Endgeräten funktioniert iSound. „Das Netz wird sinnlicher, ansprechender und spannender“, sagt Reginald Grünenberg, der nebenbei einen Verlag betreibt und „mehrere Romane“ in der literarischen Werkstatt liegen hat. „Die Cebit war ein großer Erfolg für uns.“ Auf der Computermesse kam unter anderem eine Vertriebspartnerschaft mit T-Systems zustande. In Japan führt der Audiantis-Chef, der sich mit Taekwondo entspannt, laufend Gespräche mit potenziellen Kunden. Erste Abschlüsse hat Grünenberg in der Tasche; im Mai fliegt er wieder hin.

Der Sound-Mischer Audiantis ist nicht das einzige Unternehmen aus der Berliner Internetwirtschaft, das 2006 einen Neustart versucht. In den Fabriklofts und Hinterhöfen in Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg oder Charlottenburg wird wieder gearbeitet. Man trifft neue Gesichter und einige, die schon 1999/2000 dabei waren. Heute verfolgen sie neue Projekte, haben neue Businesspläne, und sie haben ein neues Ziel: profitabel sein. „Es gibt in Berlin ein Netzwerk von 20 bis 30 Gründern, die immer wieder neue Sachen auf die Beine stellen“, sagt Jens Hoffmann vom Gründerportal Berlinstartup.de. Und Wirtschaftssenator Harald Wolf weiß, was er an der Informations- und Kommunikationswirtschaft hat: 3500 Unternehmen gibt es in Berlin, die zusammen rund 5,6 Milliarden Euro Umsatz machen.

Auch das Kapital ist wieder da. Privatleute oder Venture-Capital-Firmen investieren. Mit der Softwarefirma Magix und dem Online-Spiele-Verlag Frogster gingen seit Jahresbeginn gleich zwei Berliner Firmen aus der Branche an die Börse. 2006, hört man immer öfter, wird die zweite New Economy eingeläutet. Diesmal wird sie nicht abstürzen, weil das Web 2.0 stabil laufen soll. Diesmal wird nachgerechnet. Diesmal bleiben alle cool.

Reginald Grünenberg ist aus Erfahrung klug geworden. „Die Jahre nach 2000 hätten uns fast umgebracht“, erinnert er sich. Mit dem letzten privaten Geld haben er und seine Mitstreiter damals verhindert, dass Audiantis Pleite ging. Investoren waren nach dem Zusammenbruch der Börse nicht mehr zu finden. Für den Prototyp der iSound-Software, die Grünenberg mit 150 000 Euro Anschubfinanzierung der Investitionsbank Berlin erstellt hatte, interessierte sich niemand mehr. „Die Geldgeber waren genauso kaputt wie die Branche.“ Selbst seine Freunde zuckten mit den Schultern, als Grünenberg sie fragte, warum das Internet eigentlich so schweigsam ist und ob man daran nicht etwas ändern müsse. „Es war wie bei Mozart“, sagt der Unternehmer. „Die Noten sehen karg aus, solange man die Melodie nicht hört.“

2003 sprach Grünenberg Karl-Heinz Brandenburg auf der Cebit an und begeisterte ihn für sein Projekt. Anders als die etablierten Anbieter wollte er Internetnutzer gleich „bei den Ohren packen“ – ohne ihnen viele Megabytes an Software aufzudrängen, bevor sie etwas zu hören bekamen. 2004 bekam Audiantis das Patent für iSound. So können sich Internetnutzer vielleicht schon bald mit der Software aus Berlin etwa beim elektronischen Shopping von einer freundlichen Stimme beim Einkauf beraten lassen. Eine Bewegung mit der Maus genügt. Das ist Nutzwert, kein Nonsens.

Praktische, standfeste Konzepte von Leuten mit ein paar Jahren Berufserfahrung in der digitalen Wirtschaft sind wieder gefragt. Bernd Hardes, Vorstand und Mitgründer der Econa AG, ist froh, dass die Zeit der Glücksritter im Internet vorbei ist. „Die Räder drehen sich leiser, aber sie drehen sich effizienter.“ Econa war vor sechs Jahren auch schon da. Der eher glücklose Wachstumsfinanzierer, der damals jungen Gründern Kapital zur Verfügung stellte, um sie später wieder zu verkaufen, hat sich zur Firmenholding gewandelt. Gründer und Gesellschafter sind neben Hardes die Vorstände der Werbeagentur Scholz & Friends, Thomas Heilmann und Sebastian Turner.

Acht der 14 Adressen im Econa-Portfolio stammen aus der Stadt, darunter der Energiehändler Ampere oder die Diätvertriebe Amapur und XX-Well. Zwölf der Econa-Firmen arbeiten profitabel, zwei befinden sich noch in der Gründungsphase. „Es lohnt sich wieder zu investieren“, sagt Hardes. „Wir sind sehr zufrieden.“ Schon für ein paar 100 000 Euro lasse sich heute ein erfolgreiches Internetprojekt anschieben, das auch in überschaubarer Zeit eine Rendite abwerfe. „Und ganze Unternehmen kosten einen Bruchteil von dem, was man damals bezahlen musste.“ Wetten, Spiele, Auktionen, Preisvergleiche: „Diese Dinge laufen gut“, sagt auch Jens Hoffmann von Berlinstartup.de. „Jetzt gibt es wieder Erfolgsgeschichten.“

Manchem Internetunternehmer ist Unabhängigkeit dabei wichtiger als Finanzspritzen von außen. Auch das hat sich im Unterschied zu früher geändert. „Wir sind komplett eigenfinanziert“, sagt Christopher Schering, Geschäftsführer von Cobra Youth Communications. Die Agentur für integrierte Kinder- und Jugendkommunikation, die Namen wie Lufthansa, die Deutsche Bahn, Mercedes oder Bayer zu ihren Kunden zählt, hat 2005 mit einem sechsstelligen Jahresüberschuss abgeschlossen. Cobra Youth versteht sich als Mittler zwischen den Generationen. Die Aufgabe: Markenprodukte und Dienstleistungen großer Unternehmen so darzustellen, dass sie mit dem Alltag und den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen kompatibel werden.

Christopher Schering schätzt seine Freiheit von Kapitalgebern, weil er den Lebenszyklus der ersten New Economy erlebt – und durchlitten hat. Mit der Website Kinder Campus.de, heute eine Tochter von Cobra Youth, startete Schering 1999. „Wir waren üppig mit Venture Capital und Geld von Business Angeln versorgt“, erinnert er sich und räumt ein, dass viel davon verbrannt wurde. Nach der Renovierung läuft Kinder Campus.de profitabel. „Die Markenhersteller wissen, wie leicht Kinder zu begeistern sind“, sagt Schering. „Und diese Begeisterung strahlt auf die Mütter, Väter und Lehrer aus.“

Das hat auch Mercedes entdeckt. Für den Konzern hat Cobra Youth die elektronische Kindererlebniswelt „Cedy’s“ aufgebaut. Die virtuelle Hauptdarstellerin Cedy begleitet Kinder auf der Website und moderiert eine Reise durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Automobilentwicklung. Der von Cobra Youth erstellte Redaktionsplan richtet sich thematisch an den Vorschlägen und Fragen der Kinder aus. „Einen 50-jährigen BMW-Fahrer zu einem Mercedes-Fahrer zu machen, ist für Daimler-Chrysler irrsinnig teuer“, weiß Christopher Schering. „Ein Kind frühzeitig an die Marke Mercedes zu binden, kostet hingegen viel weniger.“ Empirische Untersuchungen geben dem Cobra-Youth-Chef Recht: Kinder haben einen beachtlichen Einfluss auf die Kaufentscheidungen ihrer Eltern.

Cobra Youth hat sich mit inzwischen 40 festen Mitarbeitern, die in der Boxhagener Straße in Friedrichshain arbeiten, bei Markenherstellern einen guten Ruf erworben. Auch Pharma- und Chemieunternehmen klopfen bei den Berlinern an, um sich mit ihrer Hilfe einer jüngeren Zielgruppe zu nähern. „In Kürze werden wir auch eine deutsche Großbank zu unseren Kunden zählen“, kündigt Schering an. Namen werden noch nicht verraten.

In Berlin finden Internetunternehmer, was sie brauchen: eine moderne Infrastruktur, günstige Büro- und Wohnräume. Mit mehr als 60 000 Kilometern Glasfaserkabel verfügt Berlin über Europas größtes volldigitalisiertes Kommunikationsnetz. Mehr als 600 000 DSL-Anschlüsse an das schnelle Internet gibt es in der Stadt. Die technische Aufrüstung zeigt, dass die Internetwirtschaft nicht nur neue Ideen hat, sondern diese auch verwirklichen kann. Das Internet kann, was vor sechs Jahren Zukunftsmusik war.

„Es wird heute nicht mehr so sehr auf die schnellen Erfolgsstorys geachtet, sondern auf die Substanz des Geschäftsmodells“, beschreibt Boris Wasmuth den Paradigmenwechsel. Für den Gründer des Online-Spiele-Portals Gameduell, das mit 40 festen Angestellten seit Anfang 2005 Geld verdient, gilt: Die Gegenwart hat keinen „Bull-Shit-Factor“, die Medienaufregung zählt nicht mehr. Lieber in Ruhe ein Geschäft aufziehen, als „über die tollen Dinge zu reden, die wir tun“. Wasmuth, Co-Autor von „Gabler’s Handbuch Electronic Business“, weiß, wovon er spricht. Der 36-Jährige war Mitgründer von Dooyoo, dem Berliner Online-Portal für Tests und Preisvergleiche, das zu den Überlebenden des Internetbooms zählt. 2001 trennten sich die Wege, Wasmuth und DooyooKollege Michael Kalkowski verließen das Unternehmen, seit 2003 sind sie mit Gameduell online. Auf der nach eigener Auskunft größten Spieleseite Deutschlands mit monatlich bis zu 1,1 Millionen Besuchern, finden sich Nutzer zusammen, die mehr als ein Dutzend Online-Games wie Skat, Quiz, Moorhuhn oder Mahjongg gegeneinander spielen.

„Damals war die Zahl der Mitarbeiter, die Größe des Kooperationspartners und Wachstum um jeden Preis wichtig“, sagt Wasmuth, der schon bei BMW, Henkel und Bertelsmann gearbeitet hat. „Heute sind es die gängigen Businessparameter.“ Weniger Freude an der Arbeit haben die pragmatischen Macher deshalb nicht. Auch die moderne Unternehmenskultur – Freiheit, Selbstverantwortung und Spaß – sei eine „tolle Errungenschaft“ der Gründerjahre gewesen, sagt Wasmuth. „Das wollen wir retten und weiter pflegen.“

Der Unternehmer, der sein Arbeitspensum damals wie heute mit „sehr intensiv“ beschreibt, kann der ersten Welle noch mehr abgewinnen: Erfahrung. Viele Gründer von 1999 hätten mit ihren Unternehmungen einen kompletten Lebenszyklus miterlebt: Aufbau, Konsolidierung, Wiederaufbau. Was in der Old Economy 20 Jahre gedauert habe, habe die Internetwirtschaft im Zeitraffer geschafft. „Wer bis heute dem digitalen Business treu geblieben ist, verfügt über sechs Jahre Interneterfahrung“, sagt Wasmuth. „Diese Leute muss man sich heute teuer einkaufen, weil sie echte Juwelen sind.“

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