Wirtschaft : DieWirtschaftsförderer in Brandenburg und Berlin proben den Schulterschluß

PETER BOLM

Akquisition im Doppel: Zuerst der Investor, dann der StandortVON PETER BOLM

Abwanderung, Stillegung: Die Gründe für den Auszug der Firmen aus Berlinsind vielfältig.Nicht immer ist Brandenburg der Profiteur.Gemeinsam mußdie Region nach Investoren suchen.Ohne eine aggressive, zielgerichtete unddurch hohe Managementqualität ausgezeichnete Wirtschaftsförderung kommtheute keine Region mehr aus.Was für die Boom-Länder in Südostasien dabeieher zur sportlichen Kür gerät, ist für die meisten IndustriestaatenEuropas - und der wegen seiner vielen Standortnachteile immer öftergemiedene Wirtschaftsplatz Deutschland ist da leider keine Ausnahme -inzwischen zur bitteren und überlebenswichtigen Pflichtübung geworden.Kürzer greifende Konjunktursprünge, Massenarbeitslosigkeit und leereStaatskassen geben das Tempo für notwendige Neuansiedlungen vonUnternehmen, aber auch für eine sorgfältige, um jeden einzelnen bemühteBestandspflege vor.In diesem Kampf um Unternehmen, Investoren, Arbeitsplätze undSteuerquellen, bei dem die Spielräume immer weiter schrumpfen, trifft eseinen Wirtschaftsraum wie Berlin - in den Jahren der Mauerherrschaft trägeund innovationsmüde geworden - besonders hart.Dem Nachbarn geht es nicht viel besser.Auch den Brandenburgern weht derWind scharf ins Gesicht.Rund 30 Unternehmen, für die bereits einintensiver Beratungs- und Betreuungsaufwand betrieben wurde, zogen 1996ihre Investitionsabsichten wieder zurück; darunter so große Namen wieSiemens, Samsung und OSB Norbord Industries aus Kanada.Das Beispiel derHandelskette Rewe zeigt, wo die Grenzen in einer auf Kooperationangewiesenen Region verlaufen.Was dem einen hilft, schadet dem anderen:Rund 120 Mill.DM wollte die Firma ausgeben, um Berlin den Laufpaß zu gebenund ihre Kräfte an einem Standort in Brandenburg neu zu bündeln.Der Planwurde in letzter Minute verworfen, der Berliner Wirtschaftssenator ist eineSorge los.In zahlreichen anderen Fällen hatte er weniger Glück.Hier teiltBerlin das Schicksal ähnlich strukturierter Ballungsräume wie Bremen oderHamburg.Unabhängig davon macht der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung BerlinGmbH, Hans Estermann, die Gefahren für den eigenen Standort an ganz andererStelle aus.Für ihn sind die großen Konkurrenten Irland, Großbritannien,Frankreich oder die Niederlande.Weitgehende Steuerfreiheit und billigeArbeitskräfte heißen die Argumente, mit denen außerhalb Deutschlandsgeworben wird.Da können Estermann und seine Kollegen aus Brandenburg nichtmithalten.Darum sucht man das Heil in Absprache mit dem Nachbarn in derKooperation und weniger in der Konzentration.Der geplante Schulterschlußbedeutet nicht, daß sich Berlin und Brandenburg in einem konkurrenzlosenRaum bewegen.Auch die Fusion, so Estermann, hätte den natürlichen Konfliktzwischen Metropole und Hinterland nicht vollständig aus der Welt geschafft.Dafür sind die jeweiligen Strukturen in Stadt und Land zu unterschiedlich.Zur Zeit aber hat Berlin ernstere Probleme, als seine Kräfte inausgedienten Fusionsplanspielen zu vergeuden.Während Deutschlandspotenteste Ballungszentren ihre strukturellen Anpassungskrisen in denBranchen Stahl, Schiffbau oder auch Kohle längst erfolgreich gemeistertoder zumindest die Weichen in diese Richtung gestellt haben, liegt dieSpreemetropole noch immer im Clinch mit der Vergangenheit.Das Wegbrechender Industrielandschaft vor allem auch in den östlichen Bezirken der Stadthat schweren Schaden angerichtet.Die radikale Kehrtwende in Richtung Dienstleistungsgesellschaft konnte denAusfall bisher nur zum Teil kompensieren.Für den WirtschaftsfördererEstermann bedeutet das, neue Geschäftsfelder zu erschließen, um Schlimmereszu verhindern.Auf der Suche nach geeigneten Investoren hält er sich dabeistreng an den in der Stadt erarbeiteten Branchenatlas, der dieKompetenzbereiche Umwelttechnik, Verkehrstechnik, Informations- undKommunikationstechnik sowie Biotechnologie und Medizintechnik in denMittelpunkt aller Anstrengungen stellt.Da auch die Potsdamer Werbekolonnenmit ähnlich sortierten Auftragsbüchern durch die Lande reisen, ist einHöchstmaß an Kooperation im Sinne einer effizienteren Ausbeute dringendgeboten.Das erfordert auch für den Geschäftsführer derWirtschaftsförderung Brandenburg GmbH, Leonardo G.Noto, guten Willen undEinsicht in die Sachzwänge.Er weiß, was beiden Seiten an Toleranz undpolitischem Weitblick abverlangt wird.Das ist nicht immer einfach.An rund 450 Ansiedlungen mit einemInvestitionsvolumen von 15 Mrd.DM und 50 000 Beschäftigten war seineBehörde in den letzten fünf Jahren mitbeteiligt.Bis zu 30 Prozent derBetriebe kamen aus Berlin.Dafür hat sich Noto die versöhnliche Antwortzurechtgelegt, daß es immer noch besser sei, die Firmen in der Region zuhalten, als sie ganz zu verlieren.Man müsse darüber hinaus in gemeinsamerAnstrengung versuchen, Unternehmen, die Berlin verlassen wollen, von einerAlternative im benachbarten Brandenburg zu überzeugen.Hier werden dieHilfestellungen ganz sicher einer harten Probe unterzogen.Einfacher gestalten sich da schon die abgestimmten Akquisitionen außerhalbder Landesgrenzen.Jüngstes Ergebnis der verabredeten Doppelstrategie sindauf die Region an Spree und Havel verpflichtete Repräsentanten großerUnternehmen in Japan, den USA und Großbritannien.Hier lautet die Devise:Zuerst der Investor, dann der Standort.Vor Ort tröstet man sich mit demHinweis, daß Brandenburg nicht schaden kann, was Berlin nutzt undumgekehrt.Das beste Rezept gegen Frustration und Neidgefühl sind natürlich Erfolge,die sich beide Partner in ihre Stammbücher schreiben können.Aber auchVerluste führen zum Ziel.So landete man in einem gemeinsam vorbereitetenWettbewerb zum Nachweis eines Kompetenzzentrums der Bio-Technologie inDeutschland zwar nur auf dem undankbaren vierten Platz.Der dennocherkennbare Vorteil liegt darin, daß aus der erlittenen Niederlage einegemeinsame Trotzhaltung wurde.Auf einer im Juni in Texas stattfindendenFachmesse will man sich neben den Siegern aufbauen und die RegionBerlin-Brandenburg als in den Kompetenzen einheitlich ausgerichteten undstrukturierten Wirtschaftsstandort verkaufen.Gleiches gilt für einmillionenschweres Verkehrsprojekt, das der Bonner Forschungsministerauslobt.Die Nachbarn wissen sehr genau, daß dieser Fördertopf nur zuerobern ist, wenn hinter den eingereichten Vorschlägen die gebündelteInnovationskraft der gesamten Region steht.Sich an derartigen Vorhaben zuorientieren macht Sinn, wenn man davon ausgeht, daß unter dem zunehmendemWettbewerbsdruck das gemeinsame Auftreten beider Länder künftig nochzwingender wird.

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