Diversity-Konferenz : Wo Vielfalt für Manuela Schwesig aufhört

Familienministerin Manuela Schwesig sprach über den Sinn von Unterschiedlichkeit – und was zur Gleichberechtigung noch fehlt.

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Keynote von Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bei der Diversity-Konferenz 2016 Foto: Kai-Uwe Heinrich
Keynote von Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bei der Diversity-Konferenz 2016Foto: Kai-Uwe Heinrich

"Wer von uns will denn wirklich jeden Tag mit sich selbst zusammen sein?“ Manuela Schwesig möchte nicht jeden Tag mit Menschen zu tun haben, die so sind wie sie. Nicht bei der Arbeit und nicht, wenn sie Zeit mit ihrer Familie oder Freunden verbringt. Dass die Menschen unterschiedlich sind, sei wichtig, sagte die Familienministerin und SPD-Politikerin am Freitag bei der Diversity-Konferenz. Für die Wirtschaft und Gesellschaft.

Donald Trump habe einen Wahlkampf gegen Vielfalt geführt – und damit gewonnen. Er repräsentiere ein Gesellschaftsbild von Einfalt. Wobei er offenbar sogar meine, „selbst wenn Leute außerhalb der Familie Ämter bekleiden, wäre es schon zu viel Vielfalt“, so Schwesig. Die Entwicklung in den USA sei für sie Ansporn, noch stärker für das Anderssein einzustehen.

Vor zwei Jahren ging es um die Quote

Seitdem die Charta der Vielfalt vor zehn Jahren von den Gründungsmitgliedern unterzeichnet wurde, sei zwar viel passiert, aber noch nicht genug: Es müssten auch jene Bevölkerungsgruppen erreicht werden, die „von der Idee der Vielfalt offensichtlich noch gar nicht überzeugt oder vielleicht sogar abgeschreckt sind – auch in unserem Land.“

Vor zwei Jahren sprach Schwesig auf der Diversity Konferenz über die Gleichbehandlung von Männern und Frauen. Sie pochte für die Frauenquote. Ein halbes Jahr später, im März 2015, wurde sie nach jahrelanger Debatte vom Bundestag beschlossen. Seit Anfang dieses Jahres müssen Unternehmen bei der Besetzung von Aufsichtsratsposten einen weiblichen 30-Prozent-Anteil einhalten. „Die Quote wirkt“, sagte die SPD-Politikerin.

Was sie aber nicht möchte, seien nur weibliche Führungskräfte. Sie wolle eine Mischung – hinsichtlich Geschlecht, Aussehen, Herkunft. Das, wofür Diversity stünde: „Und ich warte auf den Tag, wo die Geschlechterquote zugunsten der Männer zieht.“

Aktuelles Thema: Führen in Teilzeit

Obwohl die Gleichbehandlung und -berechtigung im Grundgesetz verankert sei, sei sie für viele nicht Realität. Vor drei Wochen haben sie und Bundeskanzlerin Angela Merkel 100 Frauen in leitenden Positionen getroffen. Dort habe sie gehört, dass manche auf Kinder verzichtet hätten, um dorthin zu kommen, wo sie heute sind. Schwesig glaubt nicht, dass die Führungskräfte von morgen dazu noch bereit sind. Mehr als 80 Prozent der jüngeren Generation sei es wichtig, eigene Kinder zu haben.

„Mit einer Arbeitskultur aus dem 20. Jahrhundert“ würden die Unternehmen also nicht die gewinnen, die sie in Zukunft dringend bräuchten. Ein wichtiges Thema ist für die Familienministerin das „Führen in Teilzeit“. Dass jemand nicht rund um die Uhr anwesend und erreichbar ist, sei machbar. Und kein Zeichen von mangelnder Leistungsbereitschaft.

Wunsch nach Beruf und Familie

Diversity bedeutet für die SPD-Politikerin nicht nur, dass gemischte Teams zusammen arbeiten. Auch wenn schon das ein besseres Arbeitsklima schaffe, neue Kundengruppen anziehe und somit ökonomische Vorteile brächte. Es ginge auch um verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Für verschiedene Menschen. Mit verschiedenen Lebensvorstellungen. Dazu zählten mobiles Arbeiten und flexiblere Zeiten. „Die Präsenzkultur ist in Deutschland allerdings noch das Non-Plus-Ultra“, kritisierte Schwesig.

Sie hofft, dass sich die Strukturen ändern, wenn mehr weibliche Entscheidungen getroffen werden. Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, sei immerhin nicht mehr nur ein Wunsch von Frauen, sondern auch von Männern – oder wie sie später sagt: von „modernen Männern“.

Es gibt nach wie vor Lohnunterschiede

Was sie zur Zeit beschäftigt, ist auch das Thema Lohngerechtigkeit. Nach langem Streit haben sich Union und SPD im Herbst darauf geeinigt, dass Mitarbeiter in Betrieben mit mehr als 200 Angestellten künftig Auskunft über das Gehalt ihrer Kollegen verlangen können. Es sei ungerecht, dass es nach wie vor eine Lohnlücke von 21 Prozent gebe. Dass Altenpfleger so viel weniger bezahlt bekämen als Mechatroniker. Dass gesellschaftlich wichtige Aufgaben wie die Erziehung der Kinder oder soziales Engagement oft nicht gefördert, sondern sogar gehemmt würden.

Obwohl mehr Mädchen als Jungen Abitur machten und häufiger einen Hochschulabschluss, auch in BWL, würden sie für die gleiche Arbeit ein niedrigeres Gehalt bekommen. In der Startup-Branche liege der Gehaltsunterschied sogar bei 25 Prozent.

„Kein Mann kann doch aber wirklich wollen, dass dass seine Tochter oder seine Partnerin schlechter bezahlt wird als die Männer, nur weil sie eine Frau ist“, sagte Schwesig. „Wo die Vielfalt für mich aufhört, ist bei den Gehältern.“

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