Wirtschaft : DIW: Der Aufschwung ist zu Ende

BERLIN (dw/uwe).Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat die bislang düsterste Konjunkturprognose vorgelegt: Nur 1,4 Prozent Wachstum sagen die Berliner Wirtschaftsforscher für das Jahr 1999 voraus.Steht Deutschland vor der Rezession? Noch im Herbstgutachten waren die fünf führenden deutschen Wirtschaftsinstitute - einschließlich DIW - in ihren Gemeinschaftsgutachten von 2,8 Prozent Wachstum ausgegangen.Nun sei aber der Export in der zweiten Jahreshälfte 1998 "regelrecht eingebrochen", begründet das DIW den neuen Pessimismus.

"Mit unserer Sicht der Dinge sind wir nicht allein", erklärte DIW-Präsident Lutz Hoffmann am Dienstag vor Journalisten in Berlin: Die Investment-Bank J.P.Morgan habe für Deutschland ähnlich niedrige Wachstumsraten vorausgesagt.Grund für den neuen Pessimismus: Die schwache Zunahme der Inlandsnachfrage kann nach Auffassung des DIW den wegbrechenden Export nicht ausgleichen: "Wir sind über die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland ernsthaft besorgt", sagte Hoffmann.

Der Schluß des DIW wird auch vom jüngsten Konjunktur-Indikator des Düsseldorfer "Handelsblatts" bestätigt.Mit einer Belebung des Außenhandels ist demnach auch mittelfristig nicht zur rechnen.Auch eine drohende Überbewertung des Euro und die lahmende Konjunktur in den USA und Großbritannien könnte die Exportchancen der Unternehmen weiter verschlechtern.Gestützt werde die Konjunktur nur noch durch den privaten Verbrauch, der um 2,2 Prozent zunehmen dürfte.Allerdings habe der Anstieg der inländischen Nachfrage im vergangenen Jahr real nur wenig Wirkung entfaltet: Zwei Drittel des Zuwachses sei schlicht auf den Aufbau von Lagerbeständen zurückzuführen, zitierte Hoffmann Zahlen des Statistischen Bundesamtes: "Die deutsche Wirtschaft hat auf Halde produziert."

Zur Sicherung der Konjunktur verlangte das DIW einen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik.Geld-, Fiskal- und Lohnpolitik müßten eindeutig auf Expansion ausgerichtet werden, forderte der neue DIW-Konjunkturexperte Gustav Adolf Horn.Die EZB solle ähnlich der US-Notenbank die Zinsen weiter senken.Für 1999 wäre ein Rückgang von einem halben oder dreiviertel Prozentpunkt angemessen.

Hoffmann sprach sich darüber hinaus für eine Steuerreform aus einem Guß aus.Ein Vorziehen der zweiten und dritten Stufe könnte zu einer Stabilisierung beitragen."Das unnötige Hin- und Her" zwischen übertriebenen Lohnforderungen und -angeboten könnten sich die Tarifpartner sparen: Die Lohnentwicklung müsse sich schrittweise wieder an Produktivitätspotential und Geldentwertung orientieren.Das DIW geht von Lohnsteigerungen drei Prozent aus.

Frankfurter Bank-Analysten untermauerten ihre höheren Wachstumserwartungen.Hans-Jürgen Meltzer von der Deutschen Bank Research sagte, man stehe zu der von zwei auf 1,6 Prozent revidierten Wachstumsprognose.Harald Jörg von der Dresdner Bank erklärte, man sehe keinen Grund, die Prognose von plus 2,5 Prozent zu revidieren.

Lutz Hoffmann, der scheidende Präsident des DIW betonte, daß das DIW ein wissenschaftliches und kein politisches Institut ist.Seine Prognosen beruhen auf den Analysen ökonomischer Frühindikatoren und nicht auf politischen Opportunitäten.Dennoch aber gilt das DIW in der Farbenlehre der Wirtschaftsforschungsinstiute als das, das der jetzigen Bundesregierung am nächsten steht.Im Gegensatz etwa zum Kieler Institut für Weltwirtschaft, dessen neoliberale Ökonomen für eine angebotsorientierte Politik plädieren, empfiehlt das DIW eine Wirtschaftspolitik, die die Binnennachfrage und die Konjunktur im Bedarfsfall aktiv ankurbelt - etwa durch höhere Lohnabschlüsse, Steuerentlastung oder die Erhöhung der Staatsnachfrage.Der Wissenschaftsrat attestierte dem DIW deshalb, "einen wichtigen und anerkannten" Beitrag für die Forschung zu leisten.Vor diesem Hintergrund enthält die gestrige Revision der Konjunkturprognose auch die Aufforderung zu schnellem konjunkturpolitischen Handeln.Der bisherige Leiter der Konjunkturabteilung im DIW, Heiner Flassbeck, ist der engste Berater des Bundesfinanzministers Oskar Lafontaine - und dessen Staatssekretär.Der Zeitpunkt der DIW-Prognose ist ebenfalls hochpolitisch: In wenigen Tagen gehen die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie sowie für die chemische Industrie in die heiße Phase.



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