Wirtschaft : DIW: Deutschland wird schlecht geredet

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Die Debatte um die Höhe der Arbeitskosten in Deutschland wird nach Meinung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) völlig falsch geführt. Wie das DIW in seinem am Mittwoch veröffentlichten Wochenbericht kritisiert, würden bei den einschlägigen Untersuchungen in aller Regel die Arbeitskosten pro Stunde in der verarbeitenden Industrie zu Grunde gelegt. Der Anteil, den die Arbeiter in der verarbeitenden Industrie an der gesamten Beschäftigtenzahl haben, betrage jedoch nur knapp 15 Prozent. Außerdem seien die Qualifikationsprofile und Produktionsstrukturen kaum vergleichbar. So seien in Deutschland Arbeiter in der verarbeitenden Industrie relativ besser ausgebildet und tendenziell eher auf die Fertigung hochwertiger Produkte spezialisiert als etwa in den USA und Großbritannien, schreibt das DIW.

Der Vergleich der Arbeitskosten in der Industrie verzerre das Bild. Beispiel: Bei einem reinen, ungewichteten Vergleich der Arbeitskosten in der Industrie fände sich Westdeutschland mit Lohnkosten von 49,66 Mark an der internationalen Spitze, gefolgt von der Schweiz (42,82 Mark), Norwegen (40,53 Mark) und Belgien. Ostdeutschland läge mit 33,19 Mark zwar unter dem internationalen Durchschnitt von 36,18 Mark, aber vor den USA mit 32,90 Mark und Japan (31,50 Mark).

Betrachte man dagegen die Arbeitskosten in der Gesamtwirtschaft, liege die Schweiz mit 58,39 Mark an der Spitze, gefolgt von den USA (45,90 Mark) und Belgien (45,56 Mark). Westdeutschland (44,76 Mark) findet sich auf Platz vier, der Osten Deutschlands rangiert mit 28,03 Mark am unteren Ende der Skala. Die Rangfolge ändert sich jedoch erneut, wenn man die gesamtwirtschaftlichen Arbeitskosten mit Kaufkraftparitäten statt mit den tatsächlichen Wechselkursen umrechnet: Dann führen plötzlich Kanada und die USA das Feld an.

Zu Unrecht werden daher die Arbeitskosten in der verarbeitenden Industrie als Beleg für eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und als Erklärung für die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland herangezogen, kritisieren die Berliner Ökonomen. Denn dann hätte sich das in einem Handelsbilanzdefizit und einer entsprechenden Abwertung der D-Mark zeigen müssen, das Gegenteil sei jedoch der Fall. Durch Lohnzurückhaltung habe Westdeutschland im Vergleich zu den Haupthandelspartnern immer wieder temporäre Wettbewerbsvorteile bei den Lohnstückkosten, die anders als die reinen Arbeitskosten auch die Produktivitätsentwicklung berücksichtigen, erzielen können. Diese seien jedoch regelmäßig durch eine Aufwertung der D-Mark aufgezehrt worden.

Die Analyse der Berliner stößt beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) auf deutliche Kritik. Zwar seien die Lohnstückkosten der westdeutschen Industrie in den beiden vergangenen Jahren um jeweils rund 3,3 Prozent gesunken, doch in den 15 Jahren zuvor seien sie um mehr als 15 Prozent gestiegen. In nationaler Währung gerechnet hätten die elf wichtigsten deutschen Wettbewerber im vergangenen Jahr im Schnitt um sieben Prozent unter dem deutschen Niveau gelegen, schreibt das IW. Für das laufende Jahr zeichne sich zudem hier zu Lande eine Trendumkehr ab: Die diesjährigen Lohn- und Gehaltssteigerungen verteuern nach IW-Berechnungen die Arbeitskosten um rund drei Prozent. Bei weitgehend stagnierender Produktivität treibe dies die Lohnstückkosten um mindestens zwei Prozent nach oben.

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