Wirtschaft : DIW-Präsident Zimmermann über das Tarifsystem, die Steuerpläne der Regierung und die Zinsen

Herr Zimmermann[wie beurteilen Sie die Lohnforder]

Klaus F. Zimmermann (48) leitet seit Jahresanfang das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Gleichzeitig ist er Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit. Für das europäische Forschernetzwerk des Londoner Center for Economic Policy Research ist er seit 1991 als erster Deutscher in der Funktion eines Programmdirektors tätig. Mit Zimmermann sprach Martina Ohm.

Herr Zimmermann, wie beurteilen Sie die Lohnforderungen der Gewerkschaften?

Ich hatte gehofft, die Gewerkschaftsvertreter würden signalisieren, dass die Bündnisgespräche ein durchaus positives Ergebnis hervorgebracht haben. Allerdings ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Forderungen sind noch keine Abschlüsse. Aus 5,5 Prozent können am Ende drei Prozent werden.

Heißt das, die Forderungen sind doch vernünftig?

Nein. Ich habe den Gewerkschaften schon vor Wochen gesagt, sie sollen die Kirche im Dorf lassen.

Das DIW hat für das laufende Jahr eine Produktivitäts- und eine Preissteigerung von insgesamt 4,5 Prozent berechnet. Gilt die klassische Produktivitätsformel nicht mehr, an der sich die Arbeitgebervertreter orientieren sollen?

Die klassische Produktivitätsregel ist nur eine Faustregel. Wir brauchen kein Bundesamt für die Produktivitätsentwicklung. Es wäre sinnvoller, wenn sich die Tarifparteien an der langfristigen Produktivitätsentwicklung orientieren würden und sich die Gewerkschaften darüber im Klaren wären, dass sie mit differenzierteren Forderungen nach Branchen, Regionen und Berufsgruppen besser fahren.

Welche Konsequenzen hätte ein hoher Tarifabschluss?

Ein teurer Abschluss würde die Anzahl der unqualifizierten Arbeitslosen in die Höhe treiben. Vor allem diese Berufsgruppe ist doch aufgrund des gegebenen Lohnniveaus besonders von Arbeitslosigkeit bedroht. Außerdem würden immer mehr Unternehmer die Verbände verlassen und Arbeitnehmer den Gewerkschaften den Rücken kehren. So geht das System kaputt.

Wäre das schlimm?

Würde die Verhandlungsautonomie in die Betriebe verlagert, würden die volkswirtschaftlichen Kosten steigen. Das kann es nicht sein. Wir fahren besser, wenn wir über Öffnungsklauseln nachdenken.

Gibt denn die Finanzpolitik Anlass zu Optimismus? Reicht es, den Spitzensteuersatz von 53 Prozent auf 45 Prozent zu senken?

Ich finde, der Grenzsteuersatz ist nicht unser Hauptproblem, zumal Verdiener im mittleren Steuerbereich von ihrer effektiven Grenzbelastung stärker getroffen wären. Letztlich müssen wir ganz wegkommen von der direkten Besteuerung, da sie Arbeit zu teuer macht.

Welche Schwachstellen offenbart das Steuerkonzept von Bundesfinanzminister Hans Eichel?

Sicher bietet es Anreize für Unternehmer. Inwieweit aber durch die geplante Unternehmensentlastung die Investitionen steigen, bleibt fraglich. Allerdings wird durch eine Erhöhung der Nettolöhne auch die Nachfrage steigen.

Welchen Stellenwert hat für Sie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage?

Die Nachfrage ist nicht ganz unwichtig. Aber es kommt natürlich auch auf die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft auf den Weltmärkten an. Freilich müssen die Produkte nicht nur billig sein, sondern auch gut und interessant. Daran sieht man: Nachfrage spielt also auch eine Rolle.

Finden die Berliner Rentenpläne Ihre Zustimmung?

Zur Lösung der Arbeitsmarktproblematik wird eine Grundrente unvermeidbar sein. Das Umlageverfahren ist tot. Wir brauchen eine neue Finanzierungsform, sonst hilft nur noch eine radikale Einwanderungspolitik.

Neben der Tarif- und Finanzpolitik gibt Geldpolitik die wirtschaftliche Marschrichtung vor. Verhält sich die Europäische Zentralbank richtig?

Mehr Zurückhaltung wäre besser. Ernstzunehmende Inflationsgefahren gibt es nicht. Die Preissteigerungen auf dem Rohölmarkt können nicht als eine beständige Preissteigerung in die Inflationsrate mit eingerechnet werden. Höhere Zinsen können wir derzeit nicht gebrauchen.

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