• Doch deutsche Aktien haben vor allem Seltenheitswert - an die Börse trauen sich die großen Häuser nicht

Wirtschaft : Doch deutsche Aktien haben vor allem Seltenheitswert - an die Börse trauen sich die großen Häuser nicht

Weltweit boomt der Hotelmarkt. Immer neue Beherbergungsbetriebe schießen aus dem Boden, und der Expansionsdrang der großen Ketten ist angesichts optimistischer Wachstumsprognosen ungezügelt. Viele Big Player beschaffen sich längst ihr Kapital am Aktienmarkt - nicht jedoch die deutschen. Wer die namhaften Hotel-AGs an der Börse sucht, hält vergeblich Ausschau. Weder Dorint noch Steigenberger noch Lindner, um nur drei renommierte Marken zu nennen, sind notiert. Genauso wenig die anderen größeren Ketten.

Lediglich der klangvolle Name Kempinski findet sich in den Charts, ist aber keinem namhaften Analysten einen Kommentar wert - nicht zuletzt wohl, weil das Unternehmen zu gut 83 Prozent in der Hand des thailändischen Großaktionärs Dusit Sindhorn Ltd. ist. Und der, forderten die wenigen Kempinski-Kleinaktionäre kürzlich auf der Hauptversammlung, müsste dem kapitalschwachen Konzern eine ordentliche Finanzspritze verpassen. Doch bis jetzt blieb es eher bei höchstens halbherzigen Verlautbarungen.

Obwohl zumindest die gehobene Hotellerie in Deutschland sich nach langer Durststrecke wieder im Aufwind sieht, hat das Hotelgewerbe bei den Banken offenbar keinen großen Stellenwert. Diese Erfahrung jedenfalls machte die Astron Hotels & Resorts AG, die trotz eines Umsatzsprungs von über 40 Prozent im letzten Jahr das angepeilte Going Public verschieben musste, weil sie von den Banken konservativ, sprich: niedrig bewertet worden war.

Und so dachte Vorstandschef Dieter Müller bereits laut über einen Börsengang in London nach - wo mehr als zwei Dutzend Hotelgruppen notiert sind. Seit Mai diesen Jahres wird dort ein Papier mit bekanntem Namen gehandelt: die Hilton Group. Dahinter verbirgt sich die frühere Hotel- und Kasino-Kette Ladbroke Group. Die Umfirmierung war die Konsequenz aus der 1997 begonnenen Annäherung mit der auf dem US-Markt tätigen Hilton Hotels Corp., die zu Kooperationen im Buchungsgeschäft und zum gemeinsamen Markenauftritt führte.

Noch vor der Umfirmierung übernahm die britische Gesellschaft im Frühjahr den Wettbewerber Stakis plc. und tritt nun global als Hilton International mit über 220 Hotels in 50 Ländern an. "Kaufen" oder "Halten" ist die übereinstimmende Empfehlung an der Londoner Börse, wo die Aktie derzeit - nach einer Talfahrt im letzten Herbst - beständig zulegt und vom Rekordhoch des Frühjahres 1998 nicht mehr weit entfernt ist. Sarah Ellis, Analystin bei Dresdner Kleinwort Benson, setzt auf die Integration der 54 Stakis-Häuser in die renommierte Marke: "Wir erwarten, dass der Name Hilton schon etwas bringen wird." Ellis ist zudem davon überzeugt, dass die Übernahme zu Synergien auf der Kostenseite führen wird.

Der Spitzenplayer in der Hotelbranche wird in Paris gehandelt - die Accor-Gruppe, Weltmarktführer im Übernachtungs-Business. Hinter ihr verbergen sich neben 2700 Hotels weltweit auch die Carlson-Wagonlit-Reisebüros, die 50-Prozent-Beteiligung am Autovermieter Europcar, Ticketrestaurants, Speisewagendienste, Kasinos.

Die Franzosen, auch in Deutschland mit den Marken Sofitel, Novotel, Mercure, Ibis, Etap und Formule 1 und rund 180 Häusern größter Hotelbetreiber, wollen am erwarteten Betten-Boom mit aggressivem Wachstum teilhaben. In den kommenden drei Jahren stehen drei Milliarden Euro für die Expansion zur Verfügung; weltweit verfolgt Accor über 450 neue Hotelprojekte. So übernahm der Konzern, der 1998 5,6 Milliarden Euro Umsatz und einen Reingewinn von 279 Millionen Euro erzielte, im August den im Niedrigpreis-Segment angesiedelten amerikanischen Hotelkonzern Red Roof für 1,1 Milliarden Dollar. Wenig später kamen sechs Hotels in Dänemark dazu.

Bei den Analysten steht die Accor-Aktie, die mit rund 230 Euro an den Höchststand von Anfang Mai mit über 250 Euro schon fast wieder anschließt, nach erheblichen Sprüngen in den Vorjahren überdurchschnittlich gut im Ansehen. Marie-Aline Perrier von Goldman, Sachs & Co. in London etwa setzt Accor ebenso auf ihre Liste der hausinternen Top-Empfehlungen wie Anne Meilhac von der Banque Nationale de Paris.

Zu den heller strahlenden Sternen zählt auch die in Madrid notierte Sol Meliá, mit 250 Hotels und einem Umsatz von rund 100 Milliarden Peseten (rund 600 Millionen Mark) eine der größten europäischen Gesellschaften. Sie gehörte zu den wenigen Gewinnern des in den letzten Monaten eher matten spanischen Aktienmarktes. Ende vergangenen Jahres war ein Großteil der Marktbeobachter sehr skeptisch gewesen, als sich die Hotelgesellschaft im Zuge einer konzerninternen Transaktion zwei Schwestergesellschaften aus dem Immobilienbereich einverleibte. Die Skepsis ist verklungen. Société Générale beispielsweise empfahl vor wenigen Tagen: "Kaufen", die Caja Madrid Bolsa sogar "Übergewichten".

Oft verstecken sich große Hotelunternehmen in Mischkonzernen. So ist der britische Getränkekonzern Bass plc. weltweit einer der führenden Hotelanbieter. Zum Konzernteil Bass Hotels & Resorts gehören etwa die Inter-Continental-Hotels und die Holiday Inn-Herbergen mit annähernd 1800 Betrieben weltweit. Sie haben das Konzernergebnis des letzten Geschäftsjahres mit kräftigen Gewinnen verschönt und werden von Analysten mit guten Noten bewertet. Die Aktie der Schweizer Mövenpick Holding wird trotz eines Rekordgewinns im abgelaufenen Geschäftsjahr eher zurückhaltend beurteilt. Der Grund: das schlechte Restaurantgeschäft.

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