Wirtschaft : Drei Berliner Lehrlinge berichten :"Am Anfang stellt man sich halt ziemlich dämlich an"

Julia Raabe

Für die meisten Menschen ist der 1. September ein ganz normaler Tag. Für viele Jugendliche ist er der erste Schritt in einen neuen Lebensabschnitt - der erste Tag der Ausbildung. Das ist ziemlich aufregend: Ein unbekannter Betrieb, eine unbekannte Tätigkeit, unbekannte Kollegen - und auf einmal ein Chef, der einem sagt, wo es langgeht. Kein Wunder, dass da so manch einer weiche Knie bekommt.

So erging es auch Andrea Puhlmann, die am vergangenen Mittwoch ihre Lehrstelle bei Siemens antrat - als Mechatronikerin. Dieser Beruf verbindet die Bereiche Mechanik und Elektronik. "Natürlich war ich wahnsinnig aufgeregt", berichtet die 16-jährige von ihrem ersten Tag. "Ich hatte Angst, ein Außenseiter zu sein - vor allem als Mädchen. Ich habe gedacht: Hoffentlich bin ich nicht die einzige." War sie dann auch nicht. In der 24köpfigen Klasse sind zwei weibliche Auszubildende. Mit den männlichen Kollegen versteht sie sich aber genauso gut: "Die sind uns gegenüber sehr aufgeschlossen und akzeptieren uns."

Auf den Beruf des Mechatronikers ist Andrea Puhlmann zufällig gekommen, über das Arbeitsamt. "Die haben mir Vorschläge gemacht. Mechatroniker war auch dabei." Da passte es prima, dass Andrea schon die Richtung wusste, in die sie beruflich gehen will: "Ich wollte etwas Technisches machen. Da habe ich wenigstens etwas Richtiges zu tun."



Erst einmal Feilen und Sägen

Bis sie wirklich mitarbeiten darf, dauert es aber noch eine Weile. "In den ersten Tagen haben wir uns das Gelände angeguckt und die Arbeitsklamotten anprobiert." Jetzt muss sie in der Berufsschule die Grundlagen ihres künftigen Berufs erlernen. "Wir durften schon eine Bohrplatte feilen", erzählt Andrea stolz. "Wir haben drei Stunden gebraucht. Am Anfang stellt man sich halt ein bisschen dämlich an."

Die Aufregung des ersten Tages ist längst verflogen. "Man kann jederzeit zu den Lehrern und Betreuern gehen, wenn man Hilfe braucht", sagt Andrea. "Die Atmosphäre ist echt gut. Nur die vielen Namen kann ich mir noch nicht so ganz merken - das wird wohl noch ein paar Wochen dauern."

Seine "Traumlehrstelle" hat Steve Wiedelmann bei der Tischlerei Häfner in Friedrichshain ergattert, als Tischlerlehrling. Die Konkurrenz war stark: Rund 40 Bewerbungen flattern jährlich auf den Tisch des Geschäftsführers Dieter Häfner. Drei bis vier Lehrstellen bietet er an. "Beim Arbeitsamt wurde mir gesagt, dass es sehr schwer ist, an eine Tischlerlehre zu kommen", erinnert sich der 16-jährige Azubi. Steves Vorteil: Er kannte die Firma schon. "Ich habe hier vor einem Jahr ein zweiwöchiges Praktikum gemacht. Das hat viel Spaß gemacht." Eine Lehrstelle ist dann aber doch etwas anderes: "Die ersten Tage waren ganz schön hart", erzählt der Hellersdorfer. "Daran muss man sich erst einmal gewöhnen: Früh aus dem Bett und den ganzen Tag stehen."

Bis Weihnachten hat er nur eine Aufgabe: Lernen, wie die Grundwerkzeuge Säge und Hobel funktionieren. Und sie zu beherrschen - ganz ohne Maschinen. Das ist der erste Schritt hin zu seinem Ziel, "die großen Stücke" machen zu können, "die da draußen stehen".

Ihre Wunschlehrstelle hat auch Linda Holtmann bekommen: eine Ausbildung als Hotelfachfrau im Nobel-Hotel Kempinski. Für diesen Job hat sie ihre Heimat Rügen verlassen - und die väterliche Pension, in der sie schon vier Jahre lang mitgearbeitet hat. "Ich wurde sofort ins kalte Wasser geschmissen", sagt die 19-jährige über ihre erste Ausbildungswoche. Servieren, aufräumen, Tisch decken - und immer freundlich bleiben, auch wenn der Stress wächst. Wem das nicht von Anfang an gelingt, der kann sich Rat und Hilfe holen. Jeder Auszubildende bekommt einen Paten, der hilft, wenn Probleme auftauchen - vorausgesetzt, er findet ihn: Eine Umstellung war für Linda vor allem die Größe des Hotels. "In den ersten Tagen habe ich mich ständig verlaufen."

Bis Oktober ist Linda im Bankettsaal des Hotels für den Service bei Veranstaltungen zuständig und macht "auch sonst alle Arbeiten, die gemacht werden müssen". Nur die Kasse ist Sache der Kellner. Sicherer ist sie auch schon geworden: "Vor dem Englisch-Sprechen hatte ich besonders Angst. Ich dachte, ich verstehe nichts mit meinem Schulenglisch. Aber das geht besser als erwartet."



Auslands-Aufenthalt in Russland

Die Internationalität nämlich war eigentlich der Grund, warum sich Linda bei Kempinski beworben hat. "Nach der Lehre möchte ich zwei Jahre in Moskau arbeiten", sagt die angehende Hotelfachfrau. Schließlich sollen sich die sechs Jahre Russisch, die sie in der Schule gelernt hat, auch lohnen.

Als besonders positiv empfindet Linda die Atmosphäre. "Ich dachte eigentlich, in den großen Hotels gibt es viele Intrigen und Lästereien, aber das ist gar nicht so. Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit." Ungetrübtes Glück? "Naja, nur der Raumservice wird wohl nicht so mein Ding sein", gibt sie zu. "Das hängt aber immer von den persönlichen Vorlieben ab. Außerdem gewöhnt man sich daran."

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