Wirtschaft : E-Business: Jungen Softwarehäusern geht das Geld aus

jkn/tnt

Die Absatzkrise im E-Business verschlingt die Kapitalreserven von vielen jungen Herstellern von Unternehmenssoftware. Nimmt man den Kapitalverbrauch im ersten Quartal als Basis, dann gehen Unternehmen wie Intershop oder Broadvision im kommenden Frühjahr die Barreserven aus. Massive Verluste in den ersten beiden Quartalen des laufenden Jahres könnten die bisherigen Pläne, die rettende Gewinnschwelle ohne frisches Kapital zu erreichen, im Laufe der nächsten Monate zur Makulatur werden lassen.

Millionen Dollar verbrannt

Ein Präzedenzfall für andere Unternehmen ist der US-Spezialist für elektronische Marktplätze, Commerce One. Für die ersten drei Monate des laufenden Geschäftsjahres musste das Unternehmen der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC einen Abfluss in Höhe von 112 Millionen Dollar (rund 250 Millionen Mark) melden. Sollte es nicht gelingen, diese so genannte Cash-Burnrate zu reduzieren, ergibt sich auf dieser Grundlage ein Kapitalverbrauch von 450 Millionen Dollar im laufenden Jahr. Voraussichtlich zum Jahresende wäre der US-Firma damit das Geld ausgegangen. Doch dann hat Commerce One geschafft, wovon viele Softwarehersteller aus der zweiten Reihe träumen: Vor rund einem Monat hat sich der Softwareriese SAP für 225 Millionen Dollar in bar an dem Unternehmen beteiligt. Denn der Walldorfer Hersteller von Unternehmenssoftware macht trotz der Krise glänzende Geschäfte und nutzte die niedrige Bewertung, um sich beim neuen Partner einzukaufen.

Vor ähnlichen Problemen wie Commerce One vor der SAP-Finanzspritze steht die Jenaer Software-Schmiede Intershop. In der Hoffnung auf weiter expandierende Märkte hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr Personal und Büroflächen aufgestockt. Doch die erhofften Umsatzzuwächse blieben aus. Stattdessen fressen nun hohe Kosten die Liquidität. "Die Verkaufszyklen für E-Commerce-Software sind länger geworden", sagt Intershop-Chef Stephan Schambach. So verzögern viele Unternehmen wegen der schwachen Konjunktur Investitionen. Zwar will Intershop immer noch ohne zusätzliches Kapital die Gewinnschwelle erreichen. Doch hinter den Kulissen wird bereits nach Wegen gesucht, um an neues Geld zu kommen.

Das ist auch dringend notwendig, denn im ersten Halbjahr 2001 verbrauchte der Anbieter von E-Commerce-Software (Enfinity) umgerechnet fast 54 Millionen Dollar. Bei gleich bleibendem Kapitalverbrauch wären auch hier die Reserven Ende des Jahres aufgezehrt. Allerdings will Intershop mit den vorhandenen Mitteln länger über die Runden kommen. "Die begonnene Restrukturierung wird in den folgenden Quartalen die Kosten weiter drücken", sagt Intershop-Vorstand Wilfried Beeck.

Spezialisten nicht gefragt

Besonders hart trifft es kleine Nischenanbieter wie den Betreiber von Online-Marktplätzen Purchase Pro oder Vertical Net, ein Spezialist für Online-Communities von Unternehmen. "Je kleiner und spezialisierter die Unternehmen sind, desto größer sind ihre Schwierigkeiten", sagt André Köttner, Fondsmanager bei Union-Investment. Denn die Möglichkeiten, über den Kapitalmarkt Geld aufzutreiben, sind begrenzt. Zwar haben die Aktionäre Intershop eine Wandelschuldverschreibung bis 500 Millionen Euro genehmigt, doch haben solche Kapitalmaßnahmen derzeit schlechte Chancen.

"Neue Aktienpakete sind bei institutionellen Investoren zurzeit kaum zu platzieren", sagt Peter Barkow von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Noch schwieriger seien Anleihen, weil Investoren nur Emissionen von sehr großen Unternehmen akzeptieren würden, bei denen die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung hoch ist. Auch Risiko-Kapital-Gesellschaften winken ab: "Ist ein Unternehmen erst einmal an der Börse, sind die Möglichkeiten, steuernd auf das Management einzuwirken, nicht mehr gegeben", begründet Andreas Kochhäuser, Mitglied der Geschäftsführung beim Risikokapitalgeber 3i, das fehlende Interesse.

Ein Erfolg versprechender Ausweg wäre die Beteiligung oder Übernahme durch ein anderes Unternehmen. Doch Experten sind zurückhaltend: "Der Zukauf und die Integration fremder Software ist schwierig", sagt Köttner von Union-Investment. Grundsätzlich ausschließen will der Fondsmanager die Möglichkeit aber nicht. Denkbar sei, dass wie bei Commerce One etablierte Softwarefirmen das rettende Geld bereitstellen.

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