Wirtschaft : Editorials: Schröders Renten-Triumpf

Aus dem Wall Street Journal. Übersetzt,ge

Vor einigen Jahren sorgte der Finanzchef der Schering AG, Klaus Pohle, für Überraschung, als er vor einem Berliner Auditorium eröffnete, wie er wichtige geschäftliche Entscheidungen trifft: "Ich fliege nach Boston und statte Mrs. Firestone einen Besuch ab. Sie sagt mir dann, was ich tun sollte." Zu jener Zeit war Karen Firestone die Portefeuille-Managerin der amerikanischen Investmentfontgesellschaft Fidelity Investment. Die Deutschen fanden es damals etwas kurios, dass ein Mitglied der Chefetage eines der größten Unternehmen im Lande dem Rat einer Fondmanagerin soviel Aufmerksamkeit beimaß. Doch seit vergangener Woche hat sich auch die deutsche Regierung höchstpersönlich dazu bekannt, den Blick stärker auf die Aktienmärkte zu lenken. Willkommen im Klub.

Freitag vor einer Woche setzte sich Bundeskanzler Gerhard Schröder endlich gegen die Opposition durch und verabschiedete nach langem Tauziehen die historische Rentenreform, die unter anderem die staatlich geförderte Privatvorsorge als Ergänzung zur Sozialrente vorsieht. Von Januar 2002 an werden die Deutschen dann ein halbes Prozent ihres Bruttolohns in Aktien investieren können, bis 2008 werden es sogar bis zu vier Prozent sein.

Das sind gute Aussichten. In Ländern wie Schweden, Großbritannien und den USA, in denen der Durchschnittsbürger bereits beachtliche Kontingente an Aktien besitzt, konnte man unlängst beobachten, dass sich die Einstellung zu Wirtschaft und Politik mit steigender Zahl an Anteilseignern sichtlich ändert: "Europa hat sich zu einer Plattform mit wachsender Aktionärsaktivität entwickelt", schreibt Robert G. Monks in seinem Buch "Die neuen globalen Investoren". Bisher blieb diese Aktivität vorwiegend auf Länder beschränkt, in denen Unternehmensbeteiligungen bereits gang und gäbe waren. Nun will auch Deutschland diesem florierenden Klub beitreten.

Positiver Nebeneffekt ist, wie gesagt, dass die Aktienkultur die Politik neu formen wird. Wähler, die stolze Aktienbesitzer sind, werden statt für neue Regierungsprogramme für niedrige Steuern und schnelles wirtschaftliches Wachstum plädieren. Das wird durch eine Fülle von Forschungsberichten auf beiden Seiten des Atlantiks bestätigt.

Die Rentenreform ist ein Gewinn für Schröders rot-grüne Regierung - und sie wird der Ruin der paralysierten rechten Mitte sein. Die Opposition der Christdemokraten hat über viele Monate hinweg das neue Rentenpaket im Bundesrat boykottiert. Um also die weitreichendste Rentenreform seit 1945 auf den Weg zu schicken, sah sich Kanzler Schröder gezwungen, weiteren Fördermaßnahmen für die neuen Bundesländer bis 2011 zuzustimmen. Die CDU machte ihre Zustimmgun zur Rentenreform somit von der Zusage weiterer Gelder abhängig. Das war den Konservativen wichtiger als sich für die Deregulierung der Sozialversicherung einzusetzen. Die Konservativen haben die Gunst des Augenblicks sichtlich verpasst. Ihnen bleibt nunmehr nichts anderes zu tun, als auf Wähler mit einem schlechten Erinnerungsvermögen zu hoffen.

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