Wirtschaft : "Ein Demographiefaktor ist unverzichtbar" - Volkswirt Börsch-Supan im Interview

Die Regierung hat bei der Rente die Notbremse gezo

Axel Börsch-Supan ist Profesor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim.

Die Regierung hat bei der Rente die Notbremse gezogen. Zwei Jahre steigt sie nur in Höhe der Inflationsrate. Reicht das aus, um die Rentenkassen zu stabilisieren?

Es wird nicht ausreichen. Der Druck auf die Rentenkassen wird durch die Altersentwicklung so groß, dass man auf einen demographischen Faktor, oder wie immer er heißen mag, auf Dauer nicht verzichten kann. Im Übrigen war es fast gleichgültig, ob sich der Rentenanstieg am Nettolohn oder an der Preissteigerung orientiert hat. Das kam mehr oder weniger auf das Gleiche heraus. Die Aufregung in den letzen Monaten war also eher politischer Natur.

Arbeitsminister Walter Riester rechnet aber vor, dass durch die Maßnahme das derzeitige Rentenniveau von 67 Prozent bei Beiträgen von unter 20 Prozent bis 2020 zu halten ist. Sehen Sie das nicht so?

Bis zum Jahr 2015 ist das überhaupt kein Problem. Da gebe ich dem Arbeitsminister Recht. In der Jahren 2015 bis 2020 ist es reine Glücksache, wenn die Rechnung aufgeht. Aber von 2020 an wird es wegen der Alterung der Gesellschaft unmöglich sein, das Niveau und die Beiträge zu halten. Deshalb ist es unverantwortlich so zu tun, als ob man einen Demographiefaktor nicht bräuchte.

Was würde passieren, wenn ein solcher Faktor nicht in die Rentenformel eingebaut wird?

Dann haben wir bei Beiträgen von unter 20 Prozent bis 2035 ein Rentenniveau von etwa 55 Prozent. Oder man hält das Nivau von 67 Prozent stabil. Dann müssten aber die Beiträge auf 26 bis 28 Prozent steigen.

Berücksichtigt Herr Riester in seinen Modellrechnungen denn die veränderten Erwerbsbiographien?

Die meisten Modelle gehen vom so genannten Eckrentner aus. Einem Menchen also, der nach 45 Jahren ununterbrochener Erwerbsarbeit in Rente geht. Diese Menschen gibt es immer weniger. Es wird aber auch nicht darauf hinauslaufen, dass in 20 Jahren alle selbstständig sein werden. Ganz sicher ist aber, dass das heutige Umlageverfahren durch Veränderungen in der Alterstruktur der Bevölkerung und der Erwerbsbiographien aus dem Ruder laufen kann. Umso wichtiger scheint mir die private Vorsorge über das Kapitaldeckungsverfahren.

Die Rentenreform der rot-grünen Koalition sieht den Aufbau einer zusätzlichen kapitalgedeckten Altersvorsorge vor. Gehen die Pläne weit genug?

Die Modelle sind sehr vorsichtig gerechnet. Tatsache ist aber, wenn man auch über das Jahr 2020 bei Rentenbeiträgen von unter 20 Prozent das derzeitige Rentenniveau halten will, ist das nur über eine private Vorsorge möglich. Das würde aber beispielsweise von einem 30jährigen Arbeitnehmer verlangen, dass er schon heute zwei bis drei Prozent von seinem Bruttolohn zur Seite legt. Das muss man den Leuten sagen. Man muss ihnen auch sagen, dass sie 30 Jahre sparen müssen, um diese Lücke aufzufüllen. Fangen sie erst in 15 Jahren an, müssten sie aufgrund des Zinseszinses zwölf Prozent ihrer Bruttolöhne auf die hohe Kante legen.

Wäre nicht die beste Förderung der privaten Vorsorge, wenn das Sparen für das Alter von der Steuer befreit und erst die Renten besteuert würden? Was ist vom Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Besteuerung von Renten und Pensionen zu erwarten?

Richtig ist, dass die Besteuerung der Alterseinkünfte einen Anreiz bieten würde, verstärkt für das Alter zu sparen. Dabei muss aber sicher sein, dass das Geld tatsächlich für die Altersvorsorge benutzt wird. Das Bundesverfassungsgericht wird fordern, alle Renteneinkünfte vergleichbar zu besteuern. Denn das ist bisher nicht der Fall.

Die Regierung will außerdem eine Grundsicherung einführen. Was halten Sie davon?

Ganz sicher braucht man eine Sicherung gegen Altersarmut. Der Unterschied zur Sozialhilfe sollte aber nicht zu groß sein. Meiner Ansicht nach sollten die Renten auch künftig in wesentlichen Teilen weiter beitragsbezogen bleiben. Eine breite Grundsicherung ist zwar ein hübscher Wunschtraum, aber absolut nicht finanzierbar.Das Interview führte Karin Birk.

0 Kommentare

Neuester Kommentar