Wirtschaft : Ein Holländer für die Energiewende

Peter Terium löst Jürgen Großmann an der Spitze von RWE ab / Ergebnisprognose weiter nach unten korrigiert

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Alles im Lot? RWE-Chef Jürgen Großmann (links) und sein Nachfolger Peter Terium bei einem Auftritt in Essen 2008. Foto: dpa
Alles im Lot? RWE-Chef Jürgen Großmann (links) und sein Nachfolger Peter Terium bei einem Auftritt in Essen 2008. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Eine spannende Woche begann für die Energiewirtschaft erwartungsgemäß: Der Aufsichtsrat von RWE bestellte den Niederländer Peter Terium zum neuen Vorstandsvorsitzenden. Terium löst Anfang Juli 2012 Jürgen Großmann ab, der drei Monate vor dem Auslaufen seines Vertrags den Chefposten räumt. Neben der Personalie befasste sich der Aufsichtsrat am Montag mit dem Geschäft. Wegen der Energiewende der Bundesregierung korrigierte der Konzern seine Ergebnisprognose nach unten und kündigte zusätzliche Verkäufe von Beteiligungen an. Darunter fallen auch die 24,95 Prozent, die RWE an den Berliner Wasserbetrieben hält. Ferner kündigte RWE eine Kapitalerhöhung an, die 2,5 Milliarden Euro bringen soll. Solche Maßnahmen verwässern in der Regel den Besitz der Altaktionäre; an der Börse verlor die Aktie 5,6 Prozent.

Der Niederländer Terium arbeitet seit vielen Jahren für den zweitgrößten deutschen Energiekonzern, seit knapp zwei Jahren als Chef der niederländischen RWE-Tochter Essent. Dem neuen Vorstandsvorsitzenden zur Seite gestellt wird Rolf Martin Schmitz, bislang im Vorstand zuständig für die „Operative Steuerung der Konzerngesellschaften“, und dann ab Mitte kommenden Jahres stellvertretender Vorstandsvorsitzender.

Das Duo an der Spitze spiegelt die Präferenzen des Aufsichtsrats unter Führung des früheren Bayer-Chefs Manfred Schneider. Schneider, Großmann und die Mehrheit der Kapitalvertreter im Aufsichtsrat waren für Terium, der dagegen bei einigen Vertretern der Ruhr-Kommunen auf Vorbehalte stieß. Die Kommunen halten 20 Prozent an RWE, und sie hätten den 54-jährigen Schmitz vorgezogen. Auch deshalb, weil bei manchen der neue Mann Erinnerungen an Harry Roels weckte: Der Vorgänger Großmanns an der RWE-Spitze ließ keine Gelegenheit zum Streit mit den Kommunen aus. Und da Terium als Roels’ Zögling gilt, gab es Bedenken bei Aufsichtsräten, zu denen zum Beispiel die Bürgermeister von Dortmund und Mülheim an der Ruhr gehören.

Am Ende setzte Schneider seinen Kandidaten durch. Der Aufsichtsratschef würdigte Teriums „internationale und operative Erfahrung“. Er werde den „eingeleiteten Wandel des Unternehmens in einem sich stark verändernden Umfeld weiter vorantreiben“.

Zur Finanzierung des Wandels von einem Akw- und Kohlekonzern zu einem Ökostromanbieter beschloss der Aufsichtsrat den Verkauf eigener Aktien und eine Kapitalerhöhung. Auf diesem Weg will der mit knapp 28 Milliarden Euro verschuldete Konzern 2,5 Milliarden Euro einnehmen. Außerdem soll das Verkaufsprogramm erweitert werden. Bisher wollte sich RWE von Randgeschäften im Volumen von acht Milliarden Euro trennen, nun werden elf Milliarden Euro angepeilt. Namentlich genannt wurden der tschechische Gasnetzbetreiber Net4gas, die Beteiligung an Berlinwasser, RWE Dea sowie „einige Kohle- und Gaskraftwerke“. Vor wenigen Wochen erst hatte sich RWE mit dem staatlichen russischen Gaskonzern Gazprom auf eine Kooperation zum Bau von Gas- und Kohlekraftwerken verständigt.

Schließlich werden die Investitionen bei maximal fünf Milliarden Euro gedeckelt und ein „Effizienzsteigerungsprogramm“ aufgestockt. Details des Programms sollen im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden. Das Betriebsergebnis wird voraussichtlich in diesem Jahr um ein Viertel unter dem Vorjahresniveau bleiben, im Februar noch war von minus 20 Prozent die Rede gewesen. Als Gründe nennt der Konzern die „anhaltend niedrigen Margen im Strom- und Gasgroßhandel“. Und „die unvorhergesehenen Belastungen aus der deutschen Energiewende“. Großmann erklärte am Montag, „die Einschnitte beim Ergebnis entstehen ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem das größte Investitionsprogramm der Unternehmensgeschichte auf der Zielgeraden ist“. Die nun beschlossenen Maßnahmen seien notwendig, „um die Kapitalbasis zu stärken und gleichzeitig unsere Investitionsspielräume für künftiges Wachstum zu sichern“.

RWE muss ebenso wie Eon, EnBW und Vattenfall Alternativen zur Atomkraft ausbauen. Daran wird der 47 Jahre junge Terium gemessen werden. Der Buch- und Steuerprüfer verantwortete unter Roels das RWE-Konzerncontrolling. Nach Stationen im Vertrieb und Handel kümmerte sich Terium um den Kauf von Essent. Am Dienstag will RWE die Zahlen für das zweite Quartal vorlegen. Ebenfalls am Dienstag befasst sich der Aufsichtsrat von Marktführer Eon mit einem Sparprogramm. Zuletzt war über einen Abbau von bis zu 10 000 der 85 000 Eon-Arbeitsplätze spekuliert worden.

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