Ein Jahr Sanktionen : Wie sich die deutsche Wirtschaft um Russland bemüht

Die Beziehungen zwischen deutschen Firmen und ihren russischen Kunden sind seit Beginn der Sanktionen heikel. Insbesondere die Maschinenbauer sind betroffen.

Annika Graf,Jörg Schurig, dpa
Kurbelwellen für Schiffsdieselmotoren soll diese Maschine eigentlich seit Monaten in Russland bearbeiten. Doch wegen der Sanktionen steht sie noch immer in Chemnitz.
Kurbelwellen für Schiffsdieselmotoren soll diese Maschine eigentlich seit Monaten in Russland bearbeiten. Doch wegen der...Foto: Jan Woitas/dpa

Es ist alles bereit. Die Maschinen sind fertig zum Abtransport. Allein die Ausfuhrpapiere fehlen. Das allerdings nun seit Monaten.

Ende Juli 2014 verschärfte die EU die Sanktionen gegen Russland und machte die Ausfuhr für Maschinen, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke dienen können, praktisch unmöglich. Deshalb stehen die Werkzeugmaschinen der Firma Niles-Simmons Industrieanlagen (NSI) noch heute in Chemnitz. Das Bundesamt für Ausfuhrkontrolle verweigerte die Genehmigung.

Ostdeutsche Maschinenbauer besonders betroffen

Nachdem die EU als Reaktion auf die Ukraine-Krise Sanktionen erließ, ist das Geschäft der Maschinenbauer mit den Russen ins Stocken geraten. Bundesweit brachen die Exporte der Maschinenbauer nach Russland im vergangenen Jahr um 17 Prozent ein. Bis Mai gingen sie noch einmal um 30 Prozent zurück.

Die ostdeutschen Maschinenbauer litten aufgrund ihrer traditionellen Nähe zu Russland besonders. „Die Firmen sind kleiner und können nicht einfach auf andere Märkte ausweichen“ sagt der Geschäftsführer des VDMA Ost, Reinhard Pätz.

Modernisierung als große Chance

Auch NSI pflegte gute Beziehungen zu russischen Partnern - bis vor einem Jahr. In den 1990er Jahren hatten die Russen die Industrie noch vernachlässigt. Unter Wladimir Putin erfolgte eine Rückbesinnung. „Deshalb ergaben sich für uns riesige Chancen, an der Modernisierung der russischen Wirtschaft teilzunehmen“, sagt Bernhard Pause, Technischer Geschäftsführer bei NSI.

Das Ausfuhrverbot für Gütern, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke eingesetzt werden können, traf NSI besonders. „Ich kann bei einer Kurbelwellenfräsmaschine nicht unterscheiden, ob die Kurbelwelle beim Militär oder im zivilen Bereich verwendet wird“, macht Pause das Dilemma deutlich.

Der Kundenstamm verändert sich

Doch selbst wenn die Produkte unproblematisch sind, gibt es unter Umständen Schwierigkeiten. „Früher lief viel über große Konzerne. Das ist schwierig geworden, weil in dem Geflecht von Beteiligungen häufig ein Rüstungsbezug zu finden ist“, sagt Reinhold Groß, Vertriebsleiter beim Werkzeugmaschinenbauer Trumpf in Ditzingen (Baden-Württemberg).

Inzwischen hat Trumpf kleinere Firmen als Kunden gefunden. In Gesprächen mit den Kunden wird die politische Situation tot geschwiegen. „Wir haben eine Handvoll Kunden, die sauer auf uns Europäer sind. Ein paar Kundenbeziehungen sind daran zerbrochen.“

Der Wertverfall des Rubels macht es schwer

Der Rubel verliert an Wert.
Der Rubel verliert an Wert.Foto: dpa

Zu den Sanktionen komme der Rubel-Verfall. Selbst wenn die Kunden also bei deutschen Herstellern kaufen wollen und dürfen, ist ihr Rubel nichts mehr wert. Trumpf hat deshalb seine russische Tochter mit Finanzmitteln ausgestattet. „Auf diese Weise kann sie, wenn nötig, einen Zahlungsaufschub von bis zu zwölf Monaten gewähren“, sagt Groß. „Ich schätze aber, dass eine Entspannung frühestens in zwei Jahren eintritt.“ Für Trumpf ist die Lage nicht kritisch. Das Russland-Geschäft macht nur einen einstelligen Anteil am Umsatz aus.

NSI hingegen konnte das darbende Russland-Geschäft auf anderen Märkten nicht ausgleichen. Die Firma befindet sich sogar in einer doppelten Zwickmühle. Russland setzte NSI auf eine Embargoliste, die es russischen Firmen verbietet, von bestimmten Unternehmen Maschinen zu beziehen. Denn Russland wolle seine Abhängigkeit vom Ausland reduzieren und Investitionen vor Ort forcieren, heißt es beim VDMA.

Neue Konkurrenz - China stößt in die Lücke

Doch es gibt noch ein weiteres Problem: Beim Pressen-Hersteller Schuler aus Göppingen (Baden-Württemberg) nimmt man Empfehlungen staatlicher Stellen und Kreditgeber an Kunden und Interessenten wahr, sich nach Lieferanten aus Asien umzusehen. Angesichts der wachsenden Stärke des chinesischen Maschinenbaus eine reale Bedrohung. Der Chef der Auslandshandelskammer (AHK) befürchtet vor allem Konkurrenz, wenn die Sanktionen verlängert werden sollten.

Auch Michael Bröse, Geschäftsführer von Dürr Russland, hat solche Drohungen von patriotischen Kunden schon gehört. Allerdings: „Die Chinesen können bestimmte Dinge wie beispielsweise anspruchsvolle Auswuchtmaschinen überhaupt nicht anbieten“, sagt Bröse. Ein chinesischer Kunde, der die Idee hatte, Dürrs Anlagen mit chinesischen Maschinen in Russland einzusetzen, habe den Plan schnell aufgegeben und sei bei Dürrs Anlagen geblieben. „Die Bestimmungen sind dort sehr komplex.“ Den Chinesen sei das zu heikel gewesen.

"Kalten Krieg braucht keiner"

NSI fürchtet dagegen sehr wohl, dass die staatlich verordnete Konkurrenz Millionen an Umsatz kosten könnte. „Die Kunden sagen schon: Wenn ihr die Maschinen nicht liefern könnt oder dürft, dann suchen wir uns einen anderen Partner. Die Grundlage des Business, das gegenseitige Vertrauen, wird beschädigt“, sagt Geschäftsführer Pause. Es sei den Russen nicht zu verübeln, wenn sie nun mit japanischen, taiwanesischen und chinesischen Partnern kooperierten und ihren Bedarf an Maschinen dort deckten.

Pause wünscht sich deshalb lieber heute als morgen ein Ende der Sanktionen. „Schwierigkeiten muss man am Verhandlungstisch lösen. Kalten Krieg braucht keiner.“

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