Wirtschaft : Ein Kampfblatt namens „Motorwelt“

Am ADAC-Magazin kommt keiner vorbei, auch nicht die Mitglieder

Matthias Bartsch

Die „ADAC-Motorwelt“ hat eine Auflage, von der andere Zeitschriften nur träumen können. Kein Wunder, wird sie doch seit ihrer Gründung im Jahr 1925 nahezu jedem ADAC-Mitglied zugeschickt. Mit 13,468 Millionen Exemplaren ist die „Motorwelt“ Europas auflagenstärkste Zeitschrift. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum es Chefredakteur Michael Ramstetter an Selbstbewusstsein nicht mangelt.

Zum Beispiel, wenn der 49-Jährige darauf hinweist, dass das erste Kanzlerduell nicht in der „Bild“ und auch nicht in der „Süddeutschen“ stattgefunden habe. Vielmehr traten Kanzler Gerhard Schröder und der damalige Kandidat Edmund Stoiber erstmals in seinem Blatt gegeneinander an – immerhin lebt in jedem vierten deutschen Haushalt ein ADAC-Mitglied.

Doch wie viele der mehr als 13 Millionen gedruckten Hefte tatsächlich gelesen werden, da scheiden sich die Geister. Während der ADAC von annähernd 18 Millionen Lesern ausgeht und dabei auf die unabhängigen Zahlen der Media-Analyse verweist, sprechen böse Zungen von einem Zwangsabonnement, das regelmäßig vom Briefkasten ins Altpapier wandert. Für das Magazin zahlt jedes Mitglied automatisch mit dem Jahresbeitrag 3,40 Euro. Das Wort Kundenzeitschrift mag Ramstetter, der zugleich für die Öffentlichkeitsarbeit des ADAC zuständig ist, dennoch nicht gelten lassen. „Aktuelles Clubmagazin“, das schon eher. Auch als Kampfblatt könnte man die Zeitschrift bezeichnen. Wie aus der aktuellen Jubiläumsausgabe zum Beispiel hervorgeht, hat nicht etwa der Staat, sondern der ADAC vor 90 Jahren die ersten Verkehrsschilder aufgestellt.

Damals wie heute dient die „Motorwelt“ als Sprachrohr des ADAC, um die Regierung unter Druck zu setzen. So setzte er sich erfolgreich für die Einführung von Katalysator und bleifreiem Benzin ein, wetterte jedoch vergeblich gegen die Ökosteuer. Und jeder Stadtrat hat Angst, dass das Blatt ausgerechnet bei ihm schlaglochübersäte Straßen entdeckt oder längst überfällige Umgehungsstraßen anmahnt. Mehr noch muss die Autoindustrie vor der „Motorwelt“ zittern. Zwar können positive Autotests die Absatzzahlen steigern, für Montagsautos verleiht die Zeitschrift jedoch die „Silberne Zitrone“. Die Trophäe, die aussieht wie eine vergammelte Zitrone, zerstört auch das beste Image.

Eine Zeitschrift, die so viele Leser hat und so viel Aufmerksamkeit genießt, müsste in Anzeigen schwimmen. Wie andere Zeitschriften auch musste die „Motorwelt“ 2002 Einbußen hinnehmen: insgesamt waren es fast 20 Prozent weniger als im Vorjahr.

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