Wirtschaft : Ein neuer Dreh

Bis Juli plant die Regierung ein Modell zur privaten Finanzierung von Filmen – trotz leerer Kassen

Henrik Mortsiefer

Berlin - Das Jahr 2006 könnte für die deutsche Filmwirtschaft zum Drama werden – oder zu einem Heimatstück mit Happy-End. Glaubt man Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), soll der Streifen ein gutes Ende haben und schon im Sommer fertig sein. Bis dahin will die schwarz-rote Bundesregierung eine neue Geldquelle für die notorisch unterfinanzierte deutsche Filmbranche erschließen. Die Filmschaffenden können es kaum erwarten: „Seit Jahren fordern die Produzenten es nicht nur, sondern haben es mit seriösen ökonomischen Studien belegt: Wir brauchen ein Anreizmodell für Investitionen in die Filmproduktion in Deutschland“, sagte Georgia Tornow, Generalsekretärin von film20, der Interessenvereinigung deutscher Film- und Fernsehproduzenten, dem Tagesspiegel am Sonntag.

Der in der Branche geschätzte Kulturstaatsminister hat die Signale vernommen. Und auch die Koalition setzt sich unter Zeitdruck. Bis zum 1. Juli 2006 sollen „mit anderen EU-Ländern vergleichbare steuerliche Bedingungen geschaffen werden, um privates Kapital für Filmproduktionen in Deutschland zu mobilisieren“. So steht es im Koalitionsvertrag. Am Donnerstag tagte zum ersten Mal die Arbeitsgruppe, in der alle Beteiligten – von den Produzenten bis zum Finanzministerium – bis Ende Juni ein Ergebnis aushandeln wollen.

Es geht um viel Geld, und es besteht Handlungsbedarf. Ex-Finanzminister Hans Eichel (SPD) schaffte Ende 2005 Steuersparfonds ab – darunter auch Filmfonds –, um Schlupflöcher seines Haushalts zu stopfen. Ein Nachfolgemodell hinterließ Eichel nicht. Viele Freunde in der deutschen Produzentenszene fanden die Fonds in ihrer alten Konstruktion ohnehin nicht. Denn: Deutsche Anleger investierten zwar nach Branchenangaben jährlich bis zu zwei Milliarden Euro. Das Geld wurde aber fast vollständig in Hollywood-Filme investiert. Ein neues Modell soll deshalb einen „german spend“ – die Verpflichtung, einen Teil der Investitionen in Deutschland zu tätigen – beinhalten. „So können auch Budgetgrößen wie beispielsweise im französischen Markt realisiert werden, die unsere Produktionen auch international konkurrenzfähig machen“, glaubt Wolf Bauer, Produzent und Geschäftsführer der Ufa Film & TV Produktion. Immerhin haben die alten Kapitalsammelstellen für Gutverdiener gezeigt, wie viel privates Geld für den Film hierzulande mobilisiert werden kann – wenn die Anreize stimmen. Kompliziert wird es, weil das Kapital nicht aus Liebe zum Film, sondern aus steuerlichen Gründen zusammenkam. Deshalb spricht Eichels Nachfolger Peer Steinbrück (SPD) ein gewichtiges Wort in der filmfinanzpolitischen Debatte mit. „Natürlich wissen wir, dass bei leeren Staatskassen nicht mit der Wünschelrute herumgefuchtelt werden kann“, sagt Georgia Tornow. „Aber wir wissen auch, dass wir dem Finanzminister Mehreinnahmen bringen können.“

Auf der am kommenden Donnerstag beginnenden Berlinale (9. bis 19. Februar) dürften die Positionen auch öffentlich deutlich werden. Dabei könnte ein Diskussionsbeitrag des Film- und Fernsehstandortes Bayern die Debatte in Schwung bringen. In einem von der engagierten CSU-Filmkommission in Auftrag gegebenen Konzept, das dem Tagesspiegel am Sonntag vorliegt, werden so genannte „Film Investment Trusts“ als Nachfolgemodell für die Filmfonds vorgeschlagen. Die Idee: Anleger beteiligen sich an dem Investment-Trust, der in einen oder mehrere Filme investiert. Der Trust erwirbt nach Fertigstellung des Films für eine begrenzte Zeit einen „virtuellen Anteil“ daran – und zwar nur in Höhe der Produktionsausgaben, die in Deutschland getätigt wurden. Erlöse aus der Filmverwertung fließen später anteilig an den Trust zurück. Der Investor kann seine Einlage steuermindernd geltend machen, muss spätere Erlöse aber beim Fiskus angeben. Größter Vorteil: Ohne eigentums- oder urheberrechtliche Probleme aufzuwerfen, wird es für kleine und große Investoren attraktiver, in Deutschland Filme zu produzieren, was wiederum – trotz des Steuerstundungseffekts – die direkten Steuereinnahmen und die Beschäftigung steigert. Nach weniger als einem Jahr, so die Autoren, würden die Steuermindereinnahmen überkompensiert. Ob sich Peer Steinbrück von dieser Rechnung beeindrucken lässt, ist noch nicht klar. Das Trust-Modell ist selbst in der CSU noch nicht abgestimmt. Kommende Woche geht es durch die Gremien der Partei.

Alle Beteiligten ahnen, dass der inzwischen international auch kommerziell erfolgreiche deutsche Film innovative Finanzierungsformen braucht. Dennoch fällt es manchem – zumal in der Politik – schwer, jenseits der 250 Millionen Euro (2004) öffentlicher Filmförderung in den Kategorien moderner Finanzmarktinstrumente zu denken. Alexander Thies, Geschäftsführer der Berliner NFP Neue Filmproduktion, zieht Parallelen zu anderen High-Tech-Branchen. „Was unterscheidet ein Filmlizenzrecht von einem Computerlizenzrecht oder Patent? Eigentlich nur die Einstellung zum Film. Er wird einfach nicht als innovativ gesehen.“ Glaubt man Beobachtern, ist zumindest der politische Wille vorhanden, dies im Verlauf der aktuellen Diskussion zu ändern.

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