Wirtschaft : Ein Puzzle für 176544 Arbeitsplätze

VW will mit verschiedensten Maßnahmen die Arbeitskosten bis 2011 um 30 Prozent senken

Alfons Frese

Wolfsburg - Das Ganze muss man sich wie ein Puzzle vorstellen. Verschiedene Teile ergänzen sich zu einem Bild. Und das Bild heißt „Tarifpolitik 176544“. Peter Hartz, Personalvorstand von VW, hat sich das ausgedacht. 176544 – das ist die Zahl der Mitarbeiter, die der VW-Konzern Ende vergangenen Jahres in Deutschland hatte. Und genau diese Arbeitsplätze will Hartz mit seinem neuesten Projekt wetterfest machen – indem er die Personalkosten bis 2011 um ein Drittel drückt. „Die Arbeitskosten bei VW liegen deutlich über denen unserer deutscher Wettbewerber“, sagt Josef-Fidelis Senn, Personalchef von VW. Senn wird im September mit der IG Metall das Puzzle verhandeln. „Die Standortvorteile in Deutschland werden die Standortvorteile im Ausland übertreffen, wenn wir die Personalaufwendungen bis zum Jahr 2011 um 30 Prozent verringern“, sagt Senn im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Das geht ans Geld.

Neue Vergütungsstruktur:

Andere Entgeltgruppen sollen den VW- Haustarif in die Nähe der Löhne der Auto 5000 GmbH bringen; in der dortigen Touran-Fertigung liegen die Arbeitskosten um gut ein Fünftel unter dem Niveau von VW insgesamt. „Für die heute Beschäftigten wird es nach aller Erfahrung aus der Vergangenheit Besitzstandssicherung geben“, sagt Senn. Doch die 30 Prozent bis 2011 sind in der Welt. Auch weil die Löhne im Osten nur langsam steigen. Senn: „Die Disziplin der Lohnabschlüsse in Osteuropa ist erstaunlich. Die Menschen dort haben verstanden, dass sie ihren heutigen Vorteil nicht aus der Hand geben dürfen.“

Variables Entgelt:

Nach den Vorstandsplänen schwanken künftig bis zu 30 Prozent des Jahreseinkommens: Je nachdem, wie die persönliche Leistung bewertet wird und der Konzerngewinn ausfällt, gibt es eine Prämie.

Job Familie:

Damit die Mitarbeiter optimal qualifiziert werden, hat Hartz die Job-Familie erfunden. Konzernweit sollen Tätigkeiten vernetzt werden „um die Excellence weiter zu entwickeln und die Technologieführerschaft zu behalten“, wie Senn sagt. Dazu trägt auch die neue Auto-Universität in Wolfsburg bei.

Co-Investment für Beschäftigung:

Mit diesem Puzzle-Stück meinen die VW-Manager die Möglichkeit zu längerer Arbeitszeit: Wenn sich ein Werk im Rahmen einer konzernweiten Ausschreibung zum Beispiel für ein neues Modell oder einen neuen Motor bewirbt, dann soll es seine Chancen mit längeren Arbeitszeiten erhöhen dürfen. VW will sich im Rahmen des Haustarifvertrages die Möglichkeit schaffen, die der Metall-Flächentarifvertrag seit Februar einräumt. VW geht also denselben Weg wie Siemens und Daimler-Chrysler.

Flexibelstes Autounternehmen der Welt:

Die Ausweitung der Arbeitszeitkonten verspricht mehr Flexibilität zu geringeren Kosten. Bislang dürfen die Konten nicht stärker als 200 Stunden von der Nulllinie abweichen, Senn will 400 Stunden. Das spart Überstundenzuschläge und lässt die Fabrik noch stärker atmen: Wenn die Auftragslage gut ist, können bis zu 400 Stunden Mehrarbeit angesammelt werden und in der Flaute geht es bis minus 400 runter. „Ein erstklassiges Instrument zur Beschäftigungssicherung“, sagt Senn über die Arbeitszeitkonten, weil auch in einer schwierigen Marktlage die Mitarbeiter an Bord bleiben können.

Wertschöpfende Arbeit:

VW will Pausen nicht länger bezahlen. Senn zufolge kommt ein Autobauer im Drei-Schicht-Betrieb derzeit auf rund eine Stunde bezahlter Pause pro Schicht. Auch bei diesem Punkt ist das Arbeitszeitmodell der Auto 5000 GmbH das Vorbild: Von wöchentlich drei Stunden, die beim Schichtwechsel oder für Qualifizierung anfallen, zahlt das Unternehmen nur 1,5 Stunden.

Gesundheitsbaustein:

Hier sollen die jährlichen Krankheitskosten – im Schnitt sind drei bis vier Prozent der VW-Beschäftigten krank gemeldet – den Arbeitnehmern in Rechnung gestellt werden; sie bekommen weniger Geld oder arbeiten länger. Dafür wiederum gibt es Gesundheitspunkte, die jeder nach Bedarf ausgeben kann: Für Versicherungsleistungen von VW (etwa Zahnersatz, Krankengeld), medizinische Leistungen wie Rückenschule oder Wellness- und Fitnesskurse.

Wettbewerbsfähige Ausbildung :

Nach Tarifvertrag muss VW heute alle Azubis nach der Ausbildung übernehmen – unabhängig von deren Können. Das nervt die Konzernchefs ebenso wie die Höhe der Ausbildungsvergütung, die nach Senns Angaben um 20 Prozent über anderen Metallberufen liegt. VW will nun die Vergütung kürzen, die Übernahmeverpflichtung kippen und dafür 20 Prozent mehr Lehrstellen anbieten. „Wir haben der IG Metall ein sehr moralisches Angebot gemacht“, sagt Senn.

Demografische Arbeitszeit:

Bei VW gibt es bereits das Zeitwertpapier: Ein Teil des Lohns wird auf dem Zeitkonto verbucht und im Laufe der Jahre baut sich ein Vermögen auf, dass dem Beschäftigten ein früheres Ausscheiden aus dem Beruf ermöglicht. Derzeit haben die VWler rund 500 Millionen Euro angespart. Zu wenig, wie Senn meint: „Das neue System würde frühzeitig einsetzen und wäre – anders als das bisherige – verpflichtend.“ Und Senn blickt über 2010 hinaus: „Wenn das Altersteilzeitgesetz ausläuft, kann man nur über diesen Weg früher aussteigen.“

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