Wirtschaft : Ein Selbstversuch. Banker geben sogar Tipps für den Transfer über die Grenze.

Peter Brors

Auf der Visitenkarte, die der Banker über den polierten Schreibtisch schiebt, steht nur sein Name und eine Telefonnummer. Das Logo seines Arbeitgebers UBS Union Bank of Switzerland fehlt ebenso wie seine Berufsbezeichnung. "Merken Sie sich Namen und Nummer, und vernichten Sie die Karte so schnell wie möglich", rät der Anlageberater gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Der junge Banker des größten Schweizer Kreditinstituts hat sofort verstanden, worum es geht: "Unsere Kunden aus Deutschland kommen fast alle aus dem gleichen Grund zu uns", sagt er mit einem Augenzwinkern. "Sie wollen hier vor allem eins: Steuern hinterziehen." Doch weil das so unschön klinge, heiße das im Sprachgebrauch der Bank: "Vermögen optimieren".

Teil eins eines Selbstversuches, der in die Schweiz, später auch nach Luxemburg führen wird. 285 000 Mark Schwarzgeld sollen am deutschen Fiskus vorbei in den Steueroasen angelegt werden. Angeblich stammt der Betrag aus dem Erbe meines Patenonkels. Der hatte das Bargeld in einer schwarzen Kasse seines inzwischen aufgelösten Handwerksbetriebs gesammelt. Papiere, die meine Angaben belegen würden, existieren nicht. Dafür gute Gründe, das Geld außer Landes zu schaffen: In Deutschland würden rund 50 000 Mark Erbschaftsteuer fällig. Dazu kämen etliche Tausend Mark Nachzahlung an Einkommen-, Umsatz- und Gewerbesteuer. Aber wie schwer ist es wirklich, das Geld im Ausland zu waschen? Immerhin sind die Kreditinstitute in allen drei Ländern dazu verpflichtet, Gelder, die aus Straftaten stammen, zu melden. Steuerdelikte werden von dieser Regelung allerdings nicht erfasst.

Der jungenhafte Anlageberater mit seiner fast weißen Visitenkarte ist froh, dass ich aus Köln bin und nicht aus Moskau. Denn von dort kämen oft Gelder aus Drogen- oder Waffengeschäften, was man selbst in Zürich nicht so gerne sehe. "Aber aus Deutschland - alles kein Problem", lächelt er mir triumphierend zu. An der schönen Geschichte vom reichen Onkel ist der Banker nicht interessiert - und konsequenterweise auch nicht an einem schriftlichen Beleg über die Herkunft des Geldes. Wenn ich wollte, könnte ich schon binnen einer Stunde das Geld in bar auf ein neu eröffnetes Nummernkonto einzahlen, sagt er stattdessen und erwähnt ganz nebenbei das legendäre Schweizer Bankgeheimnis. "Hier ist Ihr Geld absolut sicher. Von uns erfahren die deutschen Steuerbehörden nichts." Zur Kontoeröffnung genüge ein Personalausweis. Im vergangenen Jahr, so schätzen Experten, lagerten 3000 Milliarden Franken an ausländischen Geldern auf Schweizer Konten - darunter eine ständig wachsende Summe aus Deutschland.

Weil ich mich vorher angemeldet und am Telefon von einem "sechsstelligen Anlagebetrag" gesprochen habe, werde ich auch beim UBS-Konkurrenten Crédit Suisse (CS) wie ein Kunde erster Klasse empfangen. Die Dame am Empfang geleitet mich schnell in eines der vielen Separées mit den blickdichten Rollos. Keine zehn Minuten später habe ich mich für einen der gängigen Fonds entschieden. Was mich indes viel mehr interessiert: Wie bringe ich das Geld risikolos in die Schweiz, vorbei an den Kontrollen des Zolls? Für die charmante Beraterin kein Grund zur Sorge. "Schrauben Sie sich einen Ski-Koffer auf das Autodach und mischen Sie sich unter die Wintergäste. Oder noch besser, nehmen sie die Fähre über den Bodensee." Egal, für welche Transportmöglichkeit ich mich entscheide, "das Risiko einer Kontrolle lässt sich weiter minimieren: Rufen Sie nie mit dem Handy oder von zu Hause aus bei uns an, sondern immer von öffentlichen Telefonapparaten. Kommen Sie nicht im dunklen Mercedes oder BMW, und tragen Sie wenig Schmuck." Immerhin hat sich die CS-Beraterin die rührende Geschichte vom verstorbenen Onkel vollständig erzählen lassen - und sie auf der Stelle für glaubwürdig befunden. "Dann ist aus unserer Sicht mit dem Geld ja alles klar", sagt sie.

Aber nicht überall sind die Bankberater so freigiebig mit Tipps, wie der deutsche Kunde sein Geld über die Grenze bringen soll. Bei der Zentrale der Deutschen Bank in Luxemburg verrät niemand den besten Schleichweg. "Lassen Sie sich was einfallen, aber lassen Sie mich mit diesem heiklen Thema bitte in Ruhe", sagt die zuvor so freundliche Beraterin im blauen Kostüm. Scheu, das Geld anzunehmen, hat sie allerdings keine.

Der Anlageberater bei der Dresdner Bank in Luxemburg hält nicht hinterm Berg: "Am sichersten ist der Weg über Belgien. Kontrollen gibt es fast nur im Raum Trier und an den Grenzübergängen Grevenmacher und Wasserbillig." Trotz aller Probleme mit Steuerfahndern in Deutschland - in der luxemburgischen Zentrale ist man an Schwarzgeldern aus Deutschland offenbar noch immer sehr interessiert. Als ich meinem Banker auf Nachfrage die Geschichte vom Onkel erzähle, hat er die "für diesen Fall absolut beste Geldanlage" parat. "Zahlen Sie das Geld auf eines unserer Konten ein. Von dort aus überweisen wir jedes Jahr einen bestimmten Betrag in eine Lebensversicherung", erklärt er. "Nach 15 Jahren sind Steuerdelikte verjährt. "Sie können dann steuerfrei über das gesamte Geld verfügen, sogar in Deutschland - und noch dazu auf einen Schlag. Auf diese Weise", sagt er gewinnend, "wird Ihr Geld absolut weiß gewaschen."

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