Wirtschaft : Eine Achterbahn der Gefühle

Die Börsenkrise setzt auch die Lebensversicherungen unter Druck – die Überschüsse sinken, einige kämpfen ums Überleben. Die Kunden haben Angst.

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Von Veronika Czisi

und Heike Jahberg

Börsenkrise und kein Ende. Dabei hoffen nicht nur Aktionäre, dass sich die Aktienmärkte endlich wieder erholen und die Kurse steigen. Auch Menschen, die noch nie in ihrem Leben an der Börse spekuliert haben, fürchten jetzt um ihr Geld. Denn seitdem die Aktienkurse auf Talfahrt sind, stehen auch die Lebensversicherer unter Druck. Sie legen einen Teil des Kapitals, das sie von den Versicherten bekommen, an der Börse an. Statt satter Gewinne fahren die Versicherer derzeit jedoch vor allem Verluste ein. Das bekommen auch die Kunden zu spüren. Fast alle Unternehmen werden im nächsten Jahr die Überschussbeteiligung kürzen. Das gilt selbst für den Branchenprimus Allianz Leben. Vorsichtig deutete Vorstandsmitglied Zimmer vor wenigen Tagen an, dass man die Überschussbeteiligung von derzeit 6,8 Prozent im kommenden Jahr wohl zurückfahren müsse. Denn die Börsenkrise setzt auch der Allianz zu. Als der Dax unter 3200 Punkte rutschte, sanken damit die stillen Reserven der Versicherung unter Null.

Insgesamt haben die deutschen Lebensversicherer, schätzt Manfred Poweleit vom unabhängigen Branchen- und Ratingdienst Map, seit dem Jahr 2000 etwa 60 Milliarden Euro an Aktienwerten verloren. Hinzu komme ein hoher Abschreibungsbedarf auf Beteiligungen, deren Wert ebenfalls eingeknickt ist, sowie das niedrige Zinsniveau. Angesichts von Kapitalmarktzinsen, die nur im Ausnahmefall über fünf Prozent liegen, dürfte es manchem Versicherer nicht leicht fallen, befürchtet Poweleit, den gesetzlichen Garantiezins von 3,25 Prozent zu zahlen – geschweige denn eine Überschussbeteiligung.

Sollte sich das Blatt nicht wenden, könnte die Börsenkrise daher schon bald die ersten Versicherer in die Insolvenz treiben. Bis Jahresende könnten acht bis zehn der rund 120 deutschen Lebensversicherer in akute Schieflagen geraten, glaubt Poweleit. Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) räumt ein, dass „es bei einigen Versicherern in diesem Jahr noch Schwierigkeiten geben könnte".

„Für Panik gibt es aber keinen Grund“, sagt Michael Trommeshauser von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin). Droht eine Schieflage, schaltet sich die Aufsichtsbehörde ein und schickt dem Unternehmen notfalls einen Zwangsverwalter ins Haus. So geschehen bei der Detmolder Familienfürsorge, die immerhin 313 000 Verträge und eine Versicherungssumme von knapp 5,6 Milliarden Euro verwaltet. Der kirchliche Versicherer sei keineswegs insolvent, sagt Zwangsverwalter Kurt Wolfsdorf, verfüge aber nicht mehr über die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheits-Mittel. Das Unternehmen schiebt Abschreibungen in Höhe von 55,4 Millionen Euro vor sich her, die die Mindest-Verzinsung der Kundeneinlagen auf 2,9 Prozent gedrückt hätten. Nun will die Huk Coburg die Verträge des angeschlagenen Versicherers übernehmen und weiterführen.

In der Branche kursieren zahlreiche n weiterer Problemkandidaten. Im Branchenvergleich sehr niedrige Bewertungsreserven hat der Map-Report unter anderem bei den Versicherern Mannheimer, Inter, WGV-Schwäbische, Bayerische Beamtenversicherung, VPV, Europa, Süddeutsche und Quelle ausgemacht. Das Versicherungsanalyse-Unternehmen Morgen & Morgen hat nach einer Untersuchung der Reservestärken Engpässe vor allem bei BHW, Gutingia, Huk Coburg, Mannheimer, Neckura, Quelle, Stuttgarter, Universa, VPV und VGH Versicherungen festgestellt. Insgesamt hätten in diesem Jahr 75 Prozent der Lebensversicherer höhere Renditen versprochen, als sie verdient haben.

Versicherer wehren sich

Die vermeintlichen Wackelkandidaten weisen die Vowürfe jedoch weit von sich. So wehrt sich die Quelle Lebensversicherungs AG vehement gegen den Vorwurf, ihre Finanzdecke sei hauchdünn. Anders als viele Konkurrenten, so der Versicherer, habe man nicht von den 2001 neu eingeführten Möglichkeiten des Paragrafen 341 b im Handelsgesetzbuch Gebrauch gemacht. Danach können Aktienverluste als kurzfristig und nur vorübergehend erklärt werden und müssen nicht in der Bilanz abgeschrieben werden. Auch die Huk Coburg weist darauf hin, dass sie von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht hat und die Kursverluste bereits in der Bilanz berücksichtigt sind. Huk Coburg Sprecher Schnitzer warnt denn auch vor Hysterie: Die Huk habe keinerlei Schwierigkeiten, den Garantiezins zu zahlen. Und notfalls steht der Mutterkonzern hinter der Lebensversicherungstochter und schießt Geld zu. 69 Millionen Euro waren es im vergangenen Jahr, ob in diesem Jahr wieder ein Zuschuss fällig ist, muss sich zeigen. Auch die Mannheimer Lebensversicherung kann sich über einen warmen Regen freuen. Am Donnerstag gab die Mutter, die Mannheimer AG Holding, bekannt, dass der Lebensversicherer mit einem Bündel von Kapitalmarktmaßnahmen 88 Millionen Euro zusätzliches Eigenkapital erhalten wird.

Selbst wenn alle Rettungsmaßnahmen scheitern sollten, stehen die Versicherungskunden nicht mit völlig leeren Händen da. GDV und BAFin verhandeln derzeit über die Einzelheiten einer Auffanggesellschaft für insolvente Lebensversicherer. Die Grundzüge zeichnen sich jetzt schon ab: Sollte ein Versicherer tatsächlich Konkurs gehen, werden die Versicherungsverträge von der neuen Auffanggesellschaft übernommen. Die Kunden erhalten dann in jedem Fall den Garantiezins. Eines Tages könnte sogar wieder eine Überschussbeteiligung gezahlt werden, sagt GDV-Präsident Bernd Michaels. Verbraucherschützern geht diese Lösung jedoch nicht weit genug. Sie fordern einen Konkurssicherungsfonds (siehe Interview) ähnlich dem Bankgewerbe. Und auch im Verbraucherschutzministerium prüft man derzeit, ob nicht gesetzliche Maßnahmen nötig wären.

In einem Punkt sind sich Anbieter und Verbraucherschützer jedoch einig. Sie warnen davor, schwarze Listen mit Gesellschaften zu veröffentlichen, die angeblich in Schwierigkeiten stecken. Denn die dort genannten Kandidaten müssten befürchten, dass ihnen die Kunden davonlaufen. Und dann gerate die Versicherung wirklich in Not.

Hinzu kommt, dass die Stunde der Wahrheit für die meisten Unternehmen wohl erst am Jahresende schlägt. Dann nämlich, wenn die Wirtschaftsprüfer entscheiden müssen, welche Kursverluste endgültig und welche nur vorübergehend sind. An Richtlinien für die Beurteilung wird derzeit gearbeitet.

Wie stark die Kursverluste zu Buche schlagen können, haben die jüngsten Zahlen der großen Rückversicherer enthüllt. Marktführer Münchener Rück kündigte an, dass auch im zweiten Halbjahr 2002 erhebliche Abschreibungen nötig sein werden. In den ersten sechs Monaten hatte das Unternehmen bereits 1,5 Milliarden Euro auf seine Aktienbestände abschreiben müssen. Den Konzernüberschuss hat das um 865 Millionen Euro gedrückt. Die Swiss Re, Zweitgrößte der Branche, schockte Anleger und Börsen mit einem Gewinneinbruch von mehr als 90 Prozent - obwohl sich die Prämieneinnahmen deutlich erhöht hatten. Die Swiss Life nahm Wertberichtigungen in Höhe von 600 Milionen Franken vor und muss sich zudem über eine Kapitalerhöhung frisches Geld besorgen.

Auch Große betroffen

Auch die Allianz musste Federn lassen. Im zweiten Quartal wurde ein Verlust in Höhe von 356 Millionen Euro eingefahren - ebenfalls trotz steigender Umsätze mit Lebens- und Krankenversicherungen. Sein ursprüngliches Ziel, die Gewinne in diesem Jahr auf drei Milliarden Euro zu verdoppeln, hat der Versicherer angesichts der Schwäche an den Kapitalmärkten schon lange aufgegeben. Branchenexperte Poweleit bezweifelt denn auch, „dass alle Großen unbeschadet aus den aktuellen Turbulenzen kommen". Gerade die Big Player litten nicht nur am geschrumpften Wert der Eigenmittel, sondern vor allem auch am Wertverfall der Beteiligungen. Die Börsen teilen diese Sorgen offenbar. Der Kurs der Allianz-Aktie ist seit dem Hoch von 427 Euro auf knapp 100 Euro abgesackt. Dennoch weist man alle Gerüchte über Schieflagen oder gar geplante Kapitalerhöhungen weit von sich. Die Gesellschaft sei auch keineswegs gezwungen, unterhalb der 3200-Punkte-Grenze größere Aktienpakete auf den Markt zu werfen, sagt Allianz-Sprecher Oliver Santen. Im Gegenteil: Nach der Verringerung der Aktienquote auf 20 Prozent (erlaubt sind höchstens 35), stehe das Unternehmen „bei diesen Kursen auf der Käuferseite".

Auch bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht beruhigt man: Die Allianz habe Reserven „bis zum Abwinken", vor allem Immobilien und Anleihen. Das Risiko sei gut gestreut. Dennoch müssen die Kunden im nächsten Jahr wahrscheinlich Abstriche machen – wie die Versicherten anderer Unternehmen auch. Die Überschussbeteiligungen dürften im kommenden Jahr nur noch bei vier bis fünf Prozent liegen. Dabei gilt: Gerechnet werden die Gewinnbeteiligungen nur auf den Sparanteil der Prämie, Kosten für Verwaltung und Risikoschutz werden vorher abgezogen.

Überschussbeteiligungen, die in der Vergangenheit angefallen sind, sind sicher - egal, was mit dem Unternehmen passiert. Doch wie viel die Versicherung in Zukunft bringt, ist offen. Das hängt nicht zuletzt von den Börsen ab. Das Zittern geht weiter.

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