Wirtschaft : Eine starke Bindung

Nirgendwo leben so viele vernachlässigte Kinder wie in Berlin. Helfen können Familienhebammen

 Anja Martin

Überglückliche Eltern umhätscheln ein fröhlich kreischendes Baby, auf das bereits seit Monaten ein liebevoll eingerichtetes Kinderzimmer wartet. Die Strickomas der Familie haben die Nadeln klappern lassen, während der erwartungsfrohe Papa mit dem Schreinern der Wickelkommode die aufkommende Nervosität zu verscheuchen suchte. Nun ist die ganze Familie verliebt in den kleinen Neuankömmling und nichts könnte wichtiger sein als ihm einen guten Start ins Leben zu geben. Soweit das Klischee, doch Hebammen kommen in ihrer Arbeit nicht immer in solche Bilderbuchfamilien. Denn in mancher Lebenssituation kann der Nachwuchs für die Eltern vor allem eine enorme zusätzliche Belastung sein.

Wie gehen Alkoholabhängige, Drogensüchtige, chronisch Kranke, stark Depressive oder Behinderte mit der neuen Verantwortung um? Wie stellt sich die Situation für Teenagerschwangere dar, wie für Prostituierte? Wie findet ein Baby seinen behüteten Raum im kriminellen Milieu, in einer Umgebung mit geringer Schwelle zur Gewalt? Sei es nur die Aussichtslosigkeit einer andauernden Harz-IV-Situation, die sich durch Missmut und Verzagtheit wie ein schlechtes Omen auf das frisch begonnene Leben legt. Hebammen, die in solchen Familien arbeiten, sind in alle Richtungen gefordert. Sie müssen im psychosozialen Bereich genauso viel Hilfe leisten wie im medizinischen. Oft geht es schon darum, die scheinbar so selbstverständliche Bindung zwischen Mutter und Kind zu knüpfen, drohende Vernachlässigung zu verhindern. Dafür können sich Hebammen spezialisieren, in einer Weiterbildung zur Familienhebamme.

Einen solchen Weiterbildungskurs hat im letzten Jahr in Berlin auch Susanna Rinne-Wolf abgeschlossen. Nun arbeitet die freiberufliche Hebamme für dreißig Stunden im Monat zusätzlich als Familienhebamme in der Drogenhilfe Nord der Stiftung SPI (Sozialpädagogisches Institut Walter May) in Reinickendorf. Je nach Betreuungsbedarf kümmert sie sich um eine wechselnde Anzahl an Familien, in denen verschiedene Suchtprobleme auftreten, kommt zu ihnen nach Hause. Unter den Schwangeren oder jungen Müttern gibt es „Amphetaminabhängige, Substituierte die Heroin genommen hatten oder auch in Anführungszeichen nur Kiffende“, wie sie aufzählt. „Häufig geht es um Mischkonsum oder Beikonsum. Und Rauchen tun eigentlich alle.“

Zur Weiterbildung hatte sie sich nach sieben Jahren klassischer Hebammentätigkeit entschlossen, weil sie schon in ihrem ganz normalen Arbeitsalltag öfter in problematischen Familien zu tun hatte und sich ein entsprechendes Rüstzeug zulegen wollte. Was begeistert die 34-Jährige an ihrer Familienhebammenarbeit? „Es ist faszinierend zu sehen, wie Frauen, die bisher ihre eingefahrenen Mechaniken hatten, mit der neuen Situation umgehen. Wie sie Muster brechen und Energien freisetzen, weil sie es für einen anderen Menschen besser machen möchten. Man kann hier so leicht so viel zum Positiven verändern.“

Mehr als 1200 ausgebildete Familienhebammen gibt es in Deutschland. Wie viele davon auch als solche arbeiten, gibt die Statistik nicht her. In Berlin braucht man allerdings nicht lange zu zählen: Susanna Rinne-Wolf ist eine von nur zwei tätigen Familienhebammen in der Hauptstadt. Damit ist Berlin deutschlandweit Schlusslicht – obwohl es die Stadt mit den meisten vernachlässigten Kindern in Deutschland ist. So jedenfalls die Einschätzung der Stiftung „Eine Chance für Kinder“, die sich dabei auf die Aussagen der Jugendämter stützt. „Berlin leistet sich den Luxus, so zu tun, als bräuchte man Familienhebammen nicht“, kommentiert Rinne-Wolf, die auch Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands ist. Rund dreißig Hebammen, die in Berlin bereits einen Weiterbildungskurs absolviert haben, warteten bislang vergebens auf eine Möglichkeit, als Familienhebammen zu wirken. Anders als die originäre Hebammentätigkeit kann diese Arbeit nicht einfach über die Krankenkassen abgerechnet werden. Nötig wird eine Festanstellung oder ein Einsatz auf Honorarbasis, meist über Projektfinanzierungen.

Ab nächsten Monat hat das Warten für neun von ihnen ein Ende. Sie dürfen in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Mitte zur Tat schreiten, und zwar für zehn Stunden in der Woche. Drei weitere werden ab 2012 in Steglitz-Zehlendorf beschäftigt sein. Möglich gemacht hat das „Eine Chance für Kinder“ mit Bettina Wulff als Schirmherrin. Die Stiftung engagiert sich seit 2000 für den Einsatz von Familienhebammen – zuerst in Niedersachsen, nun in Berlin und vielleicht als nächstes auch in Bayern, wie der Vorstandsvorsitzende Adolf Windorfer in Aussicht stellt. Der Einsatz der Berliner Familienhebammen, die eng mit dem Jugendamt zusammenarbeiten, ist auf drei Jahre begrenzt. Man hofft, dass die Stadt merkt, was sie an diesen Mitarbeiterinnen hat und die Finanzierung später übernimmt. Immerhin sparen sich die Ämter manch teure Fremdunterbringung von Kindern, die sonst aus den Familien herausgenommen werden müssten – so das Argument.

Tatsächlich gibt es Familienhebammen schon seit 1980 in Deutschland, lange bevor an eine Fortbildung zu denken war. Der Grund für ihren Einsatz war die hohe Säuglingssterblichkeit gerade in sozial schwachen Familien. „Man versuchte ein Frühe-Hilfe-Netzwerk zu installieren“, erzählt die Britin Jennifer Jaque-Rodney, die seit fast zwanzig Jahren in Nordrheinwestfalen als Familienhebamme arbeitet. „Ein Baustein war unsere Arbeit. Wir sind an der Quelle, wo Frauen die Bindung zu ihrem Kind aufnehmen. Wir nutzen unsere Hebammenkunst, um die Frauen dort abzuholen wo sie sind. Und sie sind in erster Linie schwanger.“ Dreißig Jahre nach dem Einsatz der ersten Familienhebamme in Bremen, unzähliger Modellprojekte und der Einführung eines Curriculums zur Angleichung der Weiterbildungskurse vor fünf Jahren hat nun im letzten Monat in Hannover ein Pilotkurs begonnen, aus dem tatsächlich die ersten staatlich anerkannten Familienhebammen hervorgehen werden. Anderthalb Jahre lang dauert die Schulung, Träger ist „Eine Chance für Kinder“, in Kooperation mit dem Hebammenverband Niedersachsen. Ein bis zwei Kurse pro Jahr sind geplant. Man hofft, dass andere Bundesländer mit der Anerkennung nachziehen. Auch bei der Bundespolitik ist die Familienhebamme inzwischen angekommen. Mit dem neuen Kinderschutzgesetz werden ab 2012 30 Millionen Euro pro Jahr konkret ins Konzept Familienhebamme gesteckt. Wohin sie fließen und wie sie verteilt werden, wurde allerdings noch nicht benannt.

Ob diese Spezialisierung für die Hebammen selbst die Lösung ihrer finanziellen Probleme sein kann, ist fraglich. Vielleicht geht es dabei nicht so sehr um eine Neuorientierung als um eine Zusatzqualifikation, die das Repertoire der Verdienstmöglichkeiten erweitert. Eine Taktik, die sich Hebammen schon lange zu eigen machen müssen. So bieten viele Yoga oder Babymassagekurse an, um sich neben den Kassenleistungen noch Einnahmequellen zu erschließen. In der Tat geht es dem Berufsstand schlecht. Die Sätze für alle Dienste rund um die Geburt stagnieren und im letzten Jahr haben nach Auskunft des Deutschen Hebammenverbands bereits 15 Prozent wegen der ins Unbezahlbare gestiegenen Versicherungsprämien die Geburtshilfe aufgegeben. Vergangege Woche sind anlässlich des Internationalen Hebammentags dann auch wieder in Berlin und in anderen deutschen Städten viele Vertreterinnen der Zunft auf die Straße gegangen, um für bessere Bedingungen und einen würdevollen Start ins Leben zu demonstrieren.

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