Wirtschaft : Eisiger Wind am Arbeitsmarkt

OLM

Ende 1998 knapp 600 000 Arbeitslose erwartet / Januar: 57 800 Menschen mehr ohne JobVON OLM BERLIN.Die Talsohle der sich dramatisch verschlechternden Arbeitsmarktsituation in Berlin und Brandenburg ist auch mit dem neuen Negativstand von insgesamt 544 800 gemeldeten Arbeitslosen im Januar noch nicht erreicht.Der Präsident des Landesarbeitsamtes, Klaus Clausnitzer, geht davon aus, daß sich die Situation im Laufe des Jahres noch weiter verschärft.Bei Vorlage der aktuellen Arbeitsmarktdaten sagte Clausnitzer am Donnerstag, er rechne bis Ende 1998 mit knapp 600 000 Arbeitslosen in der Region. Während vor den festverschlossenen Eingangstüren des Landesarbeitsamtes in der Friedrichstraße von protestierenden Arbeitslosen lautstark die Abwahl des Bundeskanzlers und die Einführung der 30-Stunden-Woche gefordert wurde, nannte der Arbeitsamtspräsident die Gründe für die nach seinen Worten "bedrückende Situation".Neben der in den Wintermonaten üblichen Saisonflaute habe der Kündigungstermin für Angestellte zum Jahresende und das Auslaufen des Weihnachtsgeschäfts zu vermehrten Entlassungen geführt. Eine Trendwende sei bei weiterhin strukturellen Problemen und der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung in der Region nicht in Sicht, sagte Clausnitzer.Um eine Wende auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen, fehlten rund 700 000 neue Arbeitsplätze. Zu den Forderungen der protestierenden Arbeitslosen, die eingeführte Meldepflicht und den Bewerbungszwang wieder zurückzunehmen und gleichzeitig die Bezüge für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger um 200 DM aufzustocken, wollte der Präsident im Detail nicht Stellung nehmen.Bei allem Verständnis für die Reaktion der Arbeitslosen halte er aber das Landesarbeitsamt nicht für die geeignete Adresse von Protesten.Seine Behörde tue alles, um zusammen mit den elf Arbeitsämtern in den einzelnen Bezirken mit den vorhandenen Mitteln und den technischen Möglichkeiten zu helfen.Man werde sich auf keinen Fall damit abfinden, daß zur Zeit in Berlin bei einer Quote von 17 Prozent rund 290 000 Menschen und in Brandenburg 255 000 Menschen (20,6 Prozent) ohne Arbeit sind. Um eine weitere Eskalation zu verhindern - von Januar 1997 bis Januar 1998 stieg die Zahl der Arbeitslosen in Berlin und Brandenburg um 57 800 oder 1,9 Prozent - müsse es mehr Kooperation aller Beteiligten am Arbeitsmarkt geben.Clausnitzer warnte in diesem Zusammenhang davor, die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik zu überschätzen.Die eigenen Anstrengungen könnten immer nur eine Brückenfunktion darstellen.Dennoch sei mit Hilfe der Fördermaßnahmen schon viel erreicht worden. Hinter den 8470 Mitarbeitern der Arbeitsämter steht eine Erfolgsbilanz im zurückliegenden Jahr von insgesamt 290 000 Vermittlungen.Davon konnten die meisten der Betroffenen in festen Arbeitsverhältnissen untergebracht werden. Die anhaltenden Pfeifkonzerte vor seiner Behörde in der Friedrichstraße hielt Clausnitzer schon deshalb für die falsche Reaktion, weil am Anfang des Haushaltsjahres 1998 mehr Mittel zur Verfügung stehen, um aktiv in die Arbeitsmarktpolitik einzugreifen.Mit insgesamt 4,4 Mrd.DM sind die Fördertöpfe der Region gut gefüllt.Rund eine Mrd.DM ist für Strukturanpassungen vorgesehen, der größte Teil der übrigen Mittel fließt in die berufliche Weiterbildung und gezielte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.Da auch die Vorruhestandsregelung inzwischen ausgelaufen ist, rechnet Clausnitzer für die nächsten Monate damit, daß sich die Entlastung auf dem Arbeitsmarkt stabilisiert. An einer weiteren Zunahme der Arbeitslosigkeit in der Region, die in etwa auf dem Gesamtniveau der neuen Bundesländer liegt, aber scheint kein Weg vorbeizuführen.Treffen die Prognosen Clausnitzers ein, wird die Zahl der Arbeitslosen Ende 1998 knapp die Grenze von 600 000 und damit einen neuen Höchststand seit Kriegsende erreichen.Im Januar nahm die Arbeitslosigeit nach Auswertung der statistischen Daten vor allem bei den witterungsabhängigen Außenberufen, den Bürokräften und den Warenkaufleuten zu.

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