Wirtschaft : EM.TV: Kirch und Haffa wollen Formel 1 kontrollieren

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Die Kirch-Gruppe will nach dem Einstieg bei EM.TV die Kontrolle über die Formel 1 übernehmen. Leo Kirch werde wie im Dezember 2000 vereinbart maßgeblichen Einfluss auf das angeschlagenen Medienunternehmen ausüben und damit auch auf die Formel-1-Holding Slec, teilte EM.TV in München nach einer Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat mit. Die Börse reagierte zunächst positiv, die gebeutelte EM.TV-Aktie legte deutlich zu. Am Nachmittag fiel der Kurs allerdings wieder.

Ausschlaggebend für die Einigung zwischen der Kirch-Gruppe und EM.TV sei die Zustimmung von Rennsport-Chef Bernie Ecclestone gewesen, der Kirch nun in den Slec-Gesellschafterkreis aufrücken lässt. Der Schulterschluss mit EM.TV erfolge ohne Abstriche zu den vor zehn Wochen ausgehandelten Eckdaten, sagte ein Kirch-Sprecher auf Anfrage. Demnach erwirbt die Kirch-Gruppe 16,74 Prozent der EM.TV-Anteile, 25,1 Prozent der Stimmrechte sowie 24,9 Prozent der Slec, die sich zur Hälfte im Besitz der EM.TV befindet. EM.TV erhält im Gegenzug eine Finanzspritze von 1,2 Milliarden Mark und lässt sich von Kirch komplett eine Kaufoption über weitere 25 Prozent der Slec-Anteile finanzieren.

Diese Option, nach deren Ausübung das Duo Kirch/EM.TV drei Viertel der Formel 1-Dachgesellschaft in Händen hält, werde Ende Februar zum vereinbarten Fixpreis von knapp zwei Milliarden Mark ausgeübt, erklärten die beiden Münchner Konzerne. Finanziert werde der Deal über Kredite, betonte ein Kirch-Sprecher. Der Verkauf von Geschäftsanteilen aus dem Firmenimperium des Münchner Medienkaufmanns Leo Kirch, über den zuletzt spekuliert worden war, sei nicht nötig.

Die Slec, die neben den Kinderfilmlizenzen der EM.TV das Hauptmotiv für den Einstieg Kirchs beim einstigen Börsenliebling ist, soll zusammen mit Ecclestone und den in der Formel 1 engagierten Automobilherstellern geführt werden. Die Verteilung der Anteile steht noch nicht fest. "Die Tür ist offen", sagte ein EM.TV-Sprecher an die Adresse der Autohersteller.

EM.TV selbst kann nach dem Einstieg Kirchs wieder auf eine bessere Zukunft hoffen. Auch an der Börse wurde die Einigung zunächst mit Erleichterung aufgenommen, der Kurs schoss kurzzeitig um mehr als ein Drittel in die Höhe. Doch Analysten warnten vor übertriebener Euphorie, und ein Großteil der Gewinne schmolz wieder dahin. "Es gibt noch zuviele offene Fragen, um ein endgültiges Urteil über die zukünftige Entwicklung von EM.TV zu treffen", sagte ein Analyst. Am Abend lag der EM.TV-Kurs nur noch mit rund sieben Prozent im Plus.

Beobachter rechnen damit, dass die Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen auch personelle Konsequenzen haben werden. Aufsichtsratschef Nickolaus Becker wird demnach in den nächsten Tagen seinen Rücktritt erklären. Auch die Zukunft von Thomas Haffa, Gründer und Chef von EM.TV, gilt als noch nicht gesichert. Haffa hatte vor kurzem eingeräumt, innerhalb einer vereinbarten Haltefrist eigene Papiere verkauft zu haben. Becker spielte den Gegenpart zu Haffa. Er soll mit Herbert Kloiber, dem Chef der Münchner EM.TV-Beteiligung Tele München Gruppe (TMG), versucht haben, den Kirch-Einstieg zu verhindern.

Der nun unterschriftsreife Deal mit Kirch sei eine "Weichenstellung," sagte ein EM.TV-Sprecher. Das Unternehmen werde nun reorganisiert und auf das Kerngeschäft konzentriert. Wie dieser Umbau aussehen könnte, wurde nicht erklärt. Es werde nun "jeder Stein umgedreht", sagte der Sprecher. Als wahrscheinlich gilt, dass EM.TV die 45-prozentige Beteiligung an der TMG sowie eventuell die jüngst erworbene US-Firma Jim Henson Company ("Muppets-Show") wieder abgibt. Damit würden die großen Zukäufe der jüngsten Vergangenheit, die EM.TV verbunden mit Managementfehlern an den Rande des Abgrunds geführt hatten, fast vollständig wieder rückgängig gemacht. Die nun bindenden Vereinbarungen mit der Kirch-Gruppe sollen bis zum 15. März vorbehaltlich einer kartellrechtlichen Genehmigung in einem Vertrag fixiert werden.

Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wertete den Einstieg Kirchs positiv. Die Unternehmensstruktur des TV-Rechte-Händlers müsse grundsätzlich geändert und vor allem eine interne Kontrolle eingesetzt werden, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker in Berlin. Ihm zufolge prüft die DSW derzeit, ob sie Klage gegen Firmenchef Haffa persönlich einreicht. Es läuft bereits eine Strafanzeige der Aktionärsschützer gegen die Unternehmensführung wegen Falschinformation der Anleger.

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