Wirtschaft : EnBW braucht Geld

Rot-grüne Regierung in Stuttgart will keine Kapitalerhöhung

M.-W. Buchenau / J. Flauger (HB)
Teurer Ausstieg. Die Stilllegung der Akw Philippsburg I (Foto) und Neckarwestheim I kostet EnBW bisher 600 Millionen. Foto: dapd Foto: dapd
Teurer Ausstieg. Die Stilllegung der Akw Philippsburg I (Foto) und Neckarwestheim I kostet EnBW bisher 600 Millionen. Foto: dapdFoto: dapd

Stuttgart/Düsseldorf - Als Baden-Württemberg im vergangenen Dezember überraschend bei der EnBW einstieg, ließ sich der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) für „ein Stück moderne Industriepolitik“ feiern. Ein halbes Jahr später ist Mappus' Deal für die grün-rote Nachfolgeregierung nur noch ein Ärgernis. Durch den Atomausstieg, der zwei von vier Kernkraftwerke des Konzerns unmittelbar stilllegte, musste die EnBW im ersten Halbjahr einen Verlust von knapp 600 Millionen Euro verkraften. Damit ist die Dividende für 2011 und die Finanzierung des Kaufpreises von rund fünf Milliarden Euro, die Mappus an Electricité de France überwies, gefährdet.

Jetzt erwägt EnBW-Chef Hans-Peter Villis eine Kapitalerhöhung. Das Land soll zusätzliches Geld zuschießen, um den Umbau des Konzerns zu finanzieren. Es werde „über Kapitalmaßnahmen nachgedacht“, teilte das Unternehmen bei der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen mit. Noch seien keine konkreten Maßnahmen beschlossen, betonte ein Sprecher. In der vorangegangenen Aufsichtsratssitzung sei mit den Großaktionären – neben dem Land hält auch der kommunale Zweckverband OEW 46,5 Prozent – aber schon über eine Finanzspritze gesprochen worden, hieß es in Unternehmenskreisen.

Die Landesregierung lehnt die Forderung ab. „Sie können sich vorstellen, dass meine Begeisterung nicht groß ist, noch mehr ins Risiko zu gehen“, sagte Baden- Württembergs Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid (SPD), der auch im Aufsichtsrat sitzt, dem „Handelsblatt“. Die OEW hielt sich auf Anfrage bedeckt. Beim Land würde eine milliardenschwere Kapitalspritze aus Steuergeldern die gesamte Finanzplanung über den Haufen werfen. Pumpt das Land Milliarden in die Energiewende, verliert sie jeglichen Spielraum.

Ob Baden-Württemberg bei der Ablehnung bleiben kann, ist aber fraglich. Die EnBW braucht Milliarden für Investitionen in erneuerbare Energien, um den Atomstrom zu ersetzen. Eine Fremdfinanzierung alleine ist nicht möglich, weil sonst das Rating in Gefahr gerät. Ein schlechteres Rating hätte höhere Zinszahlungen zufolge, die bei der in den vergangenen sechs Monaten von 8,1 auf 8,7 Milliarden Euro gestiegenen Verschuldung heftig zu Buche schlagen würden.

Angesichts dessen wächst offenbar auch die Unzufriedenheit mit der Ausrichtung des Energiekonzerns und der Strategie von Konzernchef Villis. Schmid sieht „erheblichen Veränderungsbedarf“. Die EnBW werde nicht nur durch den Atomausstieg, sondern auch durch die Beteiligungen belastet. Der Versorger musste mehr als eine Milliarde Euro durch den Atomausstieg verkraften und den Wert der Beteiligungen am Oldenburger Regionalversorger EWE um 370 Millionen Euro sowie die Beteiligung an der österreichischen EVN um 245 Millionen Euro berichtigen.

Besonders die Probleme bei der EWE werden im Aufsichtsrat Villis angekreidet. Der hatte vor drei Jahren 2,1 Milliarden Euro für ein 26-Prozent-Paket bezahlt. Der Kaufpreis war nur zu rechtfertigen, weil Villis hoffte, über die EWE die Kontrolle am ostdeutschen Gasgroßhändler Verbundnetz Gas (VNG) zu erlangen. Der Plan ist aber gescheitert, weil sich die anderen VNG-Aktionäre sperren. Ärger droht Villis auch mit den Arbeitnehmervertretern. Wegen der Energiewende muss er das Sparprogramm aufstocken. Bisher war geplant, die Kosten bis 2013 um 300 Millionen Euro zu senken. Jetzt solle das Programm „mindestens verdoppelt werden“, hieß es in Firmenkreisen. Für Villis kommen die Probleme zur falschen Zeit. Sein Vertrag läuft im September 2012 aus. Die Verhandlungen über eine Verlängerung dürften schwierig werden.M.-W. Buchenau / J. Flauger (HB)

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