Energie : Wenn sich tausend Räder drehen

In der schwedischen Tundra entsteht mit deutscher Beteiligung Europas größter Windpark. 1100 Windräder sollen dort 3500 Megawatt Leistung liefern - mehr als viele Atomkraftwerke.

Kevin P. Hoffmann
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Berlin - Windräder, jedes bis zu 200 Meter hoch, so weit das Auge reicht – und noch viel weiter. Ein Wanderer wird mehrere Tage lang, 50 Kilometer weit, durch die Tundra laufen können und immer noch nicht das letzte Rad gesehen haben, wenn der Park fertig ist. Das schwedische Unternehmen Svevind und der Anlagenbauer Enercon aus dem ostfriesischen Aurich errichten westlich der schwedischen Küstenstadt Piteå den größten Windpark Europas, wenn nicht sogar der Welt: 1100 Räder sollen dort kurz vor dem Nordpolarkreis bis zu 3500 Megawatt Leistung liefern, das ist mehr, als viele Atomkraftwerke schaffen.

Erste Testräder stehen schon seit einem halben Jahr, aber erst in der vergangenen Woche erteilte die Bezirksregierung im schwedischen Norrbotten dem Unternehmen Markbydgen Vind, an dem Svevind 75 und Enercon 25 Prozent halten, die abschließende Genehmigung zum Bau des ganzen Parks. Jetzt muss noch die schwedische Regierung grünes Licht erteilen, dann können die Arbeiten im großen Stil beginnen. Die Zustimmung gilt als Formsache, da die Stockholmer Regierung mit diesem Windpark auf einen Schlag ihr Ziel erreichen dürfte, bis zum Jahr 2015 zehn Terawatt Strom pro Jahr aus Windkraft zu gewinnen.

55 Milliarden Kronen (5,1 Milliarden Euro) wollen die beteiligten Unternehmen investieren. „Das ist eine großartige Entwicklung für die Windindustrie, zugleich wird die Produktion von Strom aus Windenergie in Schweden einen kräftigen Schub erhalten“, hatte Wolfgang Kropp, Hauptgesellschafter und Vorstand der Svevind bei der Vorstellung des Projektes im vergangenen Sommer gesagt.

Um es zu realisieren, braucht man neben Zeit und Geld vor allem Platz. Immerhin den gibt es in Nordschweden genug: Der Landstrich ist hügelig, bewachsen mit kniehohen Sträuchern, die in manchen Jahren auch im Frühsommer noch mit Schnee bedeckt sind. Es gibt dort auch lichte Fichtenwälder, allerdings werden die Nadelbäume von den Windrädern weit überragt. Insgesamt soll sich der Park über eine Fläche von 450 Quadratkilometern erstrecken. Es gibt eine Karte, auf der das Unternehmen die Standorte aller Windräder eingezeichnet hat, und es gibt eine Karte, in der mit Punkten dargestellt ist, wie viele Menschen heute in der Gegend wohnen. Man stellt fest: Im Jahr 2020, wenn die letzte Anlage errichtet sein soll, dürfte es dort mehr Räder als Menschen geben.

„Die Gegebenheiten in Norrbotten sind sehr gut geeignet für die Nutzung der Windenergie, wobei natürlich noch einiges an Infrastrukturen, unter anderem das Netz, sorgfältig geplant und realisiert werden muss“, sagt Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig. Zumindest in der Aufbauphase wird der Park die Region beleben. Enercon erhielt nicht zuletzt den Zuschlag, weil das Unternehmen versprach, vor Ort ein Werk aufzubauen, in dem Betonsockel für die Windräder gebaut werden sollen. Das gibt 150 bis 200 Menschen in Schweden Arbeit. Zudem werden auch nach der Aufbauphase langfristig Techniker mit Wartungsarbeiten beschäftigt sein.

Daher unterstützen die lokalen Politiker das Vorhaben nach Kräften. Das Projekt kann einer ganzen Region den Aufschwung bringen. Allerdings ist die Gefahr des Scheiterns nicht ganz ausgeräumt. Da genügt ein Blick nach England, wo der Bau des weltgrößten Hochseewindparks „London Array“ auf der Kippe steht, an dem mit Eon sogar ein viel größeres deutsches Unternehmen beteiligt ist.

Bei dem Vorhaben sollen in den kommenden drei Jahren 270 Windräder im Mündungsgebiet der Themse, 20 Kilometer vor der Küste, aufgestellt werden. Erst vergangene Woche sagte Paul Golby, Chef von Eon in Großbritannien, dass der sinkende Wert des Pfundes die Wirtschaftlichkeit des Projektes untergrabe. Der Import der Turbinen habe sich um 20 Prozent verteuert. Jetzt laufen angeblich Verhandlungen mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) über ein Rettungspaket für das Projekt, bei dem insgesamt drei Milliarden Pfund (3,3 Milliarden Euro) investiert werden sollen. Sollte die EIB wirklich helfen, steigen die Chancen, dass die EU auch den Schweden, die ebenfalls nicht in Euro zahlen, im Fall der Fälle unter die Arme greift.

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