Wirtschaft : Energiekunden kritisieren Strombörse

Unternehmen werfen der Leipziger EEX Marktmanipulation vor – und fordern mehr Transparenz

Anselm Waldermann

Berlin - Die Leipziger Energiebörse EEX gerät immer stärker in die Kritik. Nachdem bereits Verbraucherschützer und industrielle Kunden über die Explosion der Strompreise geklagt haben, erhebt nun erstmals auch ein Energieunternehmen schwere Vorwürfe. „In Deutschland gibt es nur eine Hand voll Kraftwerksbetreiber“, sagte Marc Ehry, Geschäftsführer des mittelständischen Stromversorgers PCC Energie, dem Tagesspiegel. „Es liegt in der Natur der Sache, dass diese wenigen Erzeuger maßgeblich den Handel an der EEX bestimmen.“ Ähnlich sieht man das beim Bundesverband Neuer Energieanbieter (BNE), der die Interessen von Newcomern auf dem Energiemarkt vertritt. „Bei der Transparenz hinkt die EEX im europäischen Vergleich eindeutig hinterher“, sagte BNE-Geschäftsführer Robert Busch.

Die Strompreise an der EEX waren in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Kostete eine Megawattstunde (MWh) im Januar noch 25 Euro, sind es derzeit rund 50 Euro. Mehrere industrielle Energiekunden kritisierten deshalb die Strompreisbildung an der EEX. Der Vorstand des Kupferkonzerns Norddeutsche Affinerie, Werner Marnette, sprach von einem „manipulierten Markt“. Auch Alfred Richmann, Geschäftsführer des Verbands der industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), beklagte ein „äußerst schädliches Oligopol in der Stromwirtschaft“. Bei den Verbraucherzentralen wiederum hieß es, für die stetig steigenden Strompreise gebe es „keinen sachlichen Grund“.

Bisher war diese Kritik nicht überraschend – schließlich kam sie von Seiten der Stromkunden. Doch nun meldet sich auch ein Unternehmen zu Wort, das selbst mit Strom handelt. „Die großen Kraftwerksbetreiber sind sich ihrer Marktmacht voll bewusst“, sagte Ehry. Dies gehe nicht nur zu Lasten der Abnehmer, sondern auch der unabhängigen Energieunternehmen. Vor allem die deutschen Konzerne Eon, RWE und Vattenfall Europe sowie das Schweizer Energieunternehmen EGL und das Londoner Handelshaus Sempra beherrschten das Geschehen an der EEX.

Diese so genannten Market Maker sind Ehry zufolge oft die Einzigen, die Kauf- und Verkaufsgebote abgeben. „So können sie den Preis bestimmen.“ Die Wirkung ist groß: Denn auch im außerbörslichen Handel – etwa über Broker oder bei bilateralen Geschäften – orientieren sich die Marktteilnehmer am EEX-Preis. Indirekt sind so alle unabhängigen Stromhändler betroffen. „Dabei müssen sich die großen Player nicht einmal absprechen“, sagte Ehry. „Es genügt ein gleicher unternehmerischer Wille, und der ist, einen möglichst hohen Preis zu erzielen.“

So sieht das auch Hans-Peter Schwintowski, Direktor des Instituts für Energie- und Wettbewerbsrecht an der Berliner Humboldt-Universität. „Die Kraftwerksbetreiber halten ihre Strommengen bewusst knapp“, sagte er dem Tagesspiegel. „Vorhandene Kapazitäten werden einfach nicht genutzt – oder sogar vorsätzlich stillgelegt.“ So lasse sich der Preis in die Höhe treiben. Die Bundesnetzagentur, die seit kurzem den Energiemarkt überwacht, kann dagegen nichts tun: Sie ist allein für die Stromnetze zuständig – der Stromhandel und die Kraftwerke gehören nicht zu ihren Aufgaben.

Die etablierten Konzerne weisen die Kritik zurück. „Die Strompreise unterliegen den Regeln von Angebot und Nachfrage“, sagte Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Elektrizitätswirtschaft (VDEW). Außerdem sei Strom auch an anderen europäischen Börsen teurer geworden. Die EEX selbst kommentiert Preise generell nicht, weil dies gegen das Börsengesetz verstoße. Allerdings erklärte das sächsische Wirtschaftsministerium als Aufsichtsbehörde, dass es „keinerlei Hinweise auf Manipulationen“ gebe.

Dennoch bleibe ein ungutes Gefühl, heißt es beim BNE. Um sämtliche Vorwürfe aus der Welt zu räumen, fordert der Verband die EEX nun auf, für mehr Transparenz zu sorgen. Sämtliche relevanten Informationen müssten „endlich allen Marktteilnehmern zeitgleich zur Verfügung gestellt werden“.

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