Wirtschaft : Enron-Chef muss 24 Jahre hinter Gitter

Bilanzbetrug ließ US-Energiekonzern zusammenbrechen – und nahm Beschäftigten die Altersrente

Christoph von Marschall

Washington - Wegen Bilanzfälschung und Verschwörung, die zum Bankrott des US-Energiekonzerns Enron und einem Milliardenschaden führten, muss der frühere Topmanager Jeffrey Skilling 24 Jahre und vier Monate hinter Gitter. Es ist die zweithöchste Haftstrafe für Wirtschaftskriminalität in der US-Geschichte. Eine höhere Gefängnisstrafe, 25 Jahre, erhielt nur Worldcom-Gründer Bernard Ebbers, ebenfalls im Zusammenhang mit Bilanzfälschung und betrügerischem Bankrott. Die beiden Skandale veranlassten den US-Kongress 2002, die Strafen für Wirtschaftskriminalität zu verschärfen.

Dem 52-jährigen Skilling wurde am Montag noch im Gerichtssaal in Houston, Texas, wegen Fluchtgefahr eine elektronische Fessel angelegt. Mit ihr lässt sich sein Aufenthaltsort überwachen. Das Gericht hatte ihn und Enron-Gründer Kenneth Lay bereits im Mai in 19 Fällen des Betrugs, der Verschwörung und des Insiderhandels für schuldig befunden. Die Strafe wird in den USA bei schwer wiegenden Delikten in einem zweiten, abgetrennten Teil des Verfahrens festgelegt. Im Juli war Lay an Herzversagen gestorben.

Die Aussagebereitschaft des früheren Enron-Finanzchefs Andrew Fastow hatte die Anklage erleichtert. Er hatte geschildert, mit welchen Methoden die Bilanzen frisiert wurden; im Gegenzug für sein Geständnis erhielt er nur sechs Jahre Haft. Skilling und Lay bezeichneten sich dagegen als unschuldig. Die Firma sei nicht wegen Bilanzfälschung Bankrott gegangen, behauptete Skilling, sondern wegen eines Liquiditätsengpasses. Nach seinem abrupten, erzwungenen Abgang im August 2001 hätten Investoren das Vertrauen verloren und Kapital schneller abzogen, als Enron refinanzieren konnte.

Die Enron-Pleite nahm tausenden Mitarbeitern ihre Altersvorsorge. In dem zum Teil hochemotionalen Gerichtsverfahren waren viele Angestellte aufgetreten, die schilderten, wie sich ihr Leben durch den Zusammenbruch der Firma veränderte und sie jede Sicherheit verloren hatten. Dawn Powers Martin, zum Beispiel, der 22 Jahre dort gearbeitet hatte, nannte Skilling im Gerichtssaal einen „Lügner, Dieb und Trinker, der mich und meine Familie um die Rente betrogen hat“. Richter Simeon Lake anerkannte, dass Skilling die Energiebranche zuvor in eine neue Ära geführt hatte, sagte aber: „Ihre Leistung kann nicht ausgleichen, dass Sie Hunderte, wenn nicht Tausende zu lebenslang verurteilt haben: zu lebenslanger Armut.“

In den USA sind Angestellte für ihre Altersvorsorge in doppelter Weise vom Erfolg ihrer Firma abhängig. Große Konzerne haben eigene Rentenversicherungen. Deren Kapital wird immer wieder bei Kapitalengpässen missbraucht, wie jetzt in der US-Autoindustrie. Das zweite Standbein sind in der Regel Aktien des Unternehmens. Geht die Firma pleite, gehen sowohl die Betriebsrente als auch der Aktienfonds komplett verloren.

Im Prozess sagten aber auch Mitarbeiter aus, die Skilling für ein Genie halten, dem Unrecht geschieht. Sherri Sera, seit mehr als 20 Jahren in der Firma, zuletzt in Skillings direkter Umgebung, schilderte ihn als „Visionär, der den Energiehandel revolutioniert hat“ und umarmte nach dem Urteil weinend dessen Frau.

Enron war in den 80er und 90er Jahren durch den Zusammenschluss und das Aufkaufen von Unternehmen zum größten Händler mit Erdgas und Betreiber von Pipelines in den USA und Großbritannien aufgestiegen, zählte am Ende zu den zehn größten Unternehmen der USA und beschäftigte 20 000 Mitarbeiter.

Die jahrelangen Verfahren, in denen ein halbes Dutzend Enron-Manager zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren, eröffnen auch neue Dimensionen an Prozesskosten. Zur Strafe gehört, dass Skilling den Großteil seines Privatvermögens abgeben muss. Die 45 Millionen Dollar sollen zwar Opfern der Enron-Pleite zugute kommen. Millionen sind aber bereits in Anwaltshonorare und Gebühren geflossen. US-Medien sprechen vom „teuersten Prozess“ in Amerikas Geschichte. Die Anwaltskanzlei O’Melveny & Myers habe bereits mehr als 40 Millionen Dollar von Skilling und dessen Rechtsschutzversicherungen kassiert. Seine Haft soll Skilling in einem Gefängnis mittlerer Sicherheitsstufe in North Carolina absitzen.

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