Wirtschaft : Entlastung, keine Entwarnung

Die Preise sind im Mai weniger stark gestiegen als im Vormonat – Volkswirte sehen aber keine Wende

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Berlin - Die Preise steigen – aber nicht mehr so stark wie vor einem Monat. Zum ersten Mal seit August 2010 ist die Inflationsrate in Deutschland im Vergleich zu einem Vormonat gesunken: von 2,4 auf 2,3 Prozent. Entwarnung wollen Experten dennoch nicht geben. Die am Freitag vom Statistischen Bundesamt gemeldete Teuerungsrate für Mai sei noch kein Grund, die Inflationsgefahr weniger ernst zu nehmen. Von stabilen Preisen spricht die Europäische Zentralbank (EZB) bis zu einer Rate von 2,0 Prozent. Mit 2,4 Prozent war im April der höchste Wert seit Oktober 2008 erreicht worden.

Viele Volkswirte erwarten, dass die Verbraucherpreise auch im Gesamtjahr 2011 in dieser Größenordnung steigen werden. Nach einem moderaten Preisauftrieb zum Jahresanfang – zuletzt gaben die Rohstoffpreise kräftig nach, auch Reisen wurden nach den Osterferien günstiger – könnte es demnach in der zweiten Jahreshälfte deutlich nach oben geben. Vor allem steigende Lebensmittel- und Energiepreise machen den Verbrauchern zu schaffen.

Das gefährdet den Konsumaufschwung: Das von den Nürnberger GfK-Marktforschern ermittelte Konsumklima trübte sich bereits den dritten Monat in Folge ein und sank auf ein Jahrestief, weil viele Waren des täglichen Bedarfs teurer geworden sind.

„Es kann noch keine Entwarnung an der Inflationsfront gegeben werden, das Thema ist noch lange nicht gegessen“, sagte Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. „In der zweiten Jahreshälfte dürfte die Inflationsrate an die Drei-Prozent- Marke heranreichen.“ Angesichts des robusten Aufschwungs mit sinkender Arbeitslosigkeit falle es den Unternehmen leichter, höhere Kosten auf die Verbraucher abzuwälzen.

Steigenden Preisen stehen häufig steigende Einkommen gegenüber. Denn die Unternehmen sind eher bereit, ihren Mitarbeitern mehr Lohn und Gehalt zu zahlen, weil sie glauben, die Personalkosten im Aufschwung schnell decken zu können. Im ersten Quartal beschleunigte die deutsche Wirtschaft ihre Aufholjagd nach der Rezession und wuchs um 1,5 Prozent. Die Gefahr dabei: Inflation und Löhne schrauben sich in einer Lohn-Preis-Spirale nach oben, die Konjunktur läuft heiß.

Auch die Commerzbank erwartet deutlich steigende Preise bis zum Jahresende. „Unser Inflationsmonitor zeigt gerade für Deutschland akute Inflationsgefahren an, so dass der zugrunde liegende Preisauftrieb weiter zunehmen dürfte“, erklärte Volkswirt Ralph Solveen am Freitag. Die Industriestaaten-Organisation OECD hatte für Deutschland eine durchschnittliche Teuerungsrate von 2,6 Prozent für 2011 vorausgesagt.

Bislang bedeuten die steigenden Verbraucherpreise für viele Arbeitnehmer noch Kaufkraftverluste, weil die Lohnerhöhungen in vielen Branchen unter der Teuerungsrate liegen. Auch für die gut 20 Millionen Rentner ist die Bilanz unerfreulich: Ihre Altersbezüge werden ab 1. Juli nur um 0,99 Prozent angehoben.

„Die Unsicherheit bleibt hoch“, sagte Stephan Rieke von der BHF-Bank. Viel hänge von der weiteren Entwicklung der Rohstoffpreise ab. „Es wäre zu früh, jetzt schon das Ende der Inflationsrisiken ausrufen.“ Man könne auch nicht davon ausgehen, dass die Entwicklung in den anderen europäischen Ländern genauso verlaufe wie in Deutschland.

Dies bringt die Europäische Zentralbank in ein Dilemma: Während Krisenländer wie Griechenland oder Portugal eher niedrige Zinsen brauchen, könnte das stark wachsende Deutschland höhere vertragen. „Früher hätte die Bundesbank mit der Zinskeule zugeschlagen, sobald es Anzeichen einer Lohn-Preisspirale gegeben hätte“, sagte Dekabank-Ökonom Andreas Scheuerle. Wären die Bundesbanker noch für die Zinsen in Deutschland zuständig, lägen die Raten wohl schon längst bei rund drei Prozent, schätzt Scheuerle. „Die EZB wird eher zu lasch bleiben für Deutschland, da sie auf den ganzen Euroraum schaut“, sagte auch der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen. Aktuell liegt der Leitzins für den Euro-Raum bei 1,25 Prozent. mit rtr

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