Entwicklung : Wenn Hilfe nicht hilft

In Ländern wie Haiti herrscht seit Jahrzehnten große Not – anderen gelingt der Aufstieg. Die Regierungen haben es selbst in der Hand, sagen Forscher.

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Jetzt fließt das Geld. Die EU überweist Haiti für den Aufbau nach dem Erdbeben 400 Millionen Euro.Gut 100 Millionen kommen von den Vereinten Nationen, außerdem will die Weltbank einen Kredit geben. Auch ein erneuter Schuldenerlass ist im Gespräch. Zwei Milliarden Euro im Jahr sind nötig, damit das zerstörte Land eine neue Chance bekommt, glaubt Leonel Fernández, Präsident der benachbarten Dominikanischen Republik.

Chile hat seine Chance genutzt. Noch 1970 galt ein Großteil der Kinder als unterernährt, wie in einem Drittweltstaat. Heute liegt das Pro-Kopf-Einkommen bei einem Drittel des deutschen Niveaus, jüngst fand das südamerikanische Land sogar Aufnahme in den exklusiven Wirtschaftsklub OECD.

Haiti und Chile stehen für zwei Extreme: Der Karibikstaat gehört seit Jahrzehnten zu den ärmsten Ländern der Welt, ohne Hoffnung auf Besserung. Der Ex-Diktatur Chile gelang dagegen allmählich der Aufstieg, obwohl auch dort heftige Erdbeben für Rückschläge und großes Leid sorgten. Doch warum bleiben die einen bettelarm, trotz oft beständiger millionenschwerer Hilfen aus dem Ausland, während sich die anderen zu Wohlstand hocharbeiten?

An dieser Frage forschen Entwicklungsökonomen seit Jahren. Für Kritiker des westlichen Wirtschaftsmodells steht fest, dass die reichen Länder die armen ausbeuten und sie als billige Werkbank missbrauchen, ohne Chance auf eine nachhaltige Entwicklung. Dagegen steht der Erfolg der Globalisierung – die Zahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre halbiert. Vor allem in Asien ist die Armut massiv zurückgegangen, in Staaten, die auf privates Unternehmertum und Auslandsinvestitionen setzen. In Afrika verlief die Entwicklung entgegengesetzt, die Lage wird eher schlechter als besser – erst recht durch die Wirtschaftskrise. Von der „bottom billion“, der unteren Milliarde der Weltbevölkerung, die womöglich auf Dauer von der Entwicklung abgehängt sei, spricht Paul Collier von der Universität Oxford.

Als zuverlässige Entwicklungsbremse gilt paradoxerweise Reichtum – an Bodenschätzen. Nur wenigen Regierungen gelingt es, die Gewinne aus der Förderung von Öl, Gas, oder Edelsteinen sinnvoll zu verteilen. Korruption, interne Verteilungskonflikte, schlimmstenfalls Bürgerkriege sind oft das Ergebnis. „Wir sprechen auch vom ,Fluch der Rente’, weil sich die Staatsmacht oftmals die Gelder aneignet und sie nach Belieben verteilt“, sagt Christian von Haldenwang, Wissenschaftler am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Zu besichtigen ist dies im ölreichen Nigeria oder in der Demokratischen Republik Kongo mit seinen Diamantenminen. Eines der wenigen positiven Beispiele ist Chile: Das Land zahlt die Überschüsse aus der Kupferproduktion in einen Fonds ein, um für schlechte Zeiten vorzusorgen. „Unter anderem dieses Geld hat geholfen, die Finanzkrise in Chile abzufedern“, sagt von Haldenwang.

Auch das Klima und die Lage eines Landes spielen eine Rolle: Wüstenklima, Hochgebirge, eine Binnenlage oder die Nachbarschaft zu Chaos-Staaten sind nicht eben gute Voraussetzungen für Wohlstand. Und ist ein Staat erst einmal gescheitert, mit einer unfähigen Regierung, schwachen Institutionen und einer am Boden liegenden Wirtschaft, dauert es mehr als fünf Jahrzehnte, bis sich die Verhältnisse ändern, hat der Oxford-Ökonom Collier ausgerechnet.

Wichtig ist auch die Last der Geschichte – das Erbe des Kolonialismus. „Die Nuancen des kolonialen Unterdrückungssystems bestimmen, wie nachhaltig dieses Übel noch heute wirkt“, sagt Joachim von Braun, Ökonom am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Besonders ehemalige Kolonien Belgiens und Portugals hätten es heute schwer. „Dort wurde weder Bildung zugelassen noch eine Infrastruktur aufgebaut. Das haben die Briten in ihren Kolonien besser gemacht“, sagt von Braun.

Und was ist mit dem vielen Geld, das die reichen Länder den Armen überweisen? 120 Milliarden Dollar waren es 2008. Entwicklungshilfe hilft – aber nicht immer. „Länder entwickeln sich nicht, weil sie Unterstützung von außen bekommen, sondern weil sie eine gute Politik machen“, weiß Winfried Hamacher, Fachmann beim Deutschen Entwicklungsdienst. „Der Glaube, wir im Westen sind die Macher, die den Weg zum Wohlstand kennen, ist anmaßend.“ Es gebe keinen Beleg in der Geschichte, dass es so funktioniert. „Entwicklungspolitik allein kann keine günstigen Bedingungen schaffen, sie kann sie nur verstärken“, stimmt DIE-Forscher von Haldenwang zu. Aber nicht immer gelingt der Aufbau eines funktionierenden, demokratischen Staatswesens. Forscher sehen ein Pro-Kopf-Einkommen von 600 Dollar als Untergrenze an – darunter fehlen den Ländern die Mittel. Gerichte, Behörden, eine Staatsmacht, Gesetze sind aber die wichtigsten Voraussetzungen für Erfolg. „Für demokratische und gut geführte öffentliche Verwaltungen gibt es eine Rendite, das zeigen viele Studien“, sagt von Haldenwang.

Aufstieg funktioniert aber nur, wenn die reichen Länder die armen auch mitspielen lassen. Hier ist die EU kein Vorbild – sie subventioniert Agrarprodukte so stark, dass billiger produzierende Bauern aus Entwicklungsländern oft keine Absatzchance haben. Mitarbeit: mho

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