Wirtschaft : Entwicklungsländer: Ärmeren Ländern droht der nächste Engpass

Daniel Birchmeier

Die meisten Entwicklungsländer dürften nach einem konjunkturell guten Jahr 2000 in den kommenden Monaten wirtschaftlich wieder arg unter Druck geraten. Diese Befürchtung äussern Ökonomen der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) in ihrem am Dienstag in Genf veröffentlichten Jahresbericht, dem "Trade and Development Report, 2001". Die Verfasser des Berichts warnen ausdrücklich davor, den Abschwung zu unterschätzen.

Dem vielerorts noch vorherrschenden Optimismus, die aktuelle wirtschaftliche Abschwächung könnte kurz und nicht allzu heftig ausfallen, halten sie entgegen, dass klare Prognosen angesichts der vielschichtigen Ungewissheit sehr gewagt seien. Die jüngst gesehene Kombination eines intensiven Wachstums mit einer zunehmenden Vernetzung der Wirtschaft sowie riesigen und raschen globalen Finanzflüssen sei etwas Neues und biete kaum Vergleichsmöglichkeiten mit früheren wirtschaftlichen Zyklen. Ob bloss ein regulärer zyklischer Abschwung erfolge oder eine andere Reaktion zu erwarten sei, wisse man noch nicht. Es sei jedenfalls überraschend und augenfällig, wie rasch die Trendwende erfolgt sei. "Das einzige, das im Jahr 2000 danach aussah, als ob es die (guten) Aussichten der Weltwirtschaft zu stören vermöchte, waren die steigenden Erdölpreise von bis zu 35 Dollar je Fass", erinnert die Unctad.

Die Unctad fordert deshalb die führenden Volkswirtschaften auf, "alle ihre Triebwerke gleichzeitig zu zünden", um einen möglichen Absturz zu verhindern. Besonders gefragt als neue Nachfrage-Lokomotive seien angesichts der Schwäche Japans die europäischen Länder, die von der Stärkung des Euros profitieren könnten. Dazu sei aber auch eine mutigere Zinspolitik nötig, die das Wirtschaftswachstum in die Nähe von drei Prozent bringen könnte.

Positiver klingt der Unctad-Bericht in jenem Teil, der auf das vergangene Jahr zurück blickt und eine erste verlässliche Bilanz über die globale wirtschaftliche Entwicklung in den einzelnen Regionen zieht. Profitieren konnten 2000 auch die Entwicklungsländer, die eine durchschnittliche Zunahme des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 5,5 Prozent verzeichneten. Bei den Übergangsländern Zentral- und Osteuropas lag die Wachstumssteigerung mit 5,6 Prozent gar noch minim höher. Dank dem in erster Linie von Deutschland ausgehenden positiven Handelsumfeld verzeichneten alle Länder der Region erstmals seit dem Mauerfall ein positives Wirtschaftswachstum. Noch dynamischer war die Situation einzig in Ostasien. Eine Schlüsselrolle spielten dabei die Exporte aus dem Hightechsektor in Richtung USA. Wie gross die Abhängigkeit vom US-Konjunkturverlauf Wirtschaftsmacht geworden ist, zeigt die Tatsache, dass die Ausfuhren in die USA etwa in Thailand und in Südkorea zehn beziehungsweise sieben Prozent des BIP ausmachen; in Malaysia sind es gar 20 Prozent.

0 Kommentare

Neuester Kommentar