Wirtschaft : Erhöhung der Leitzinsen im Europaraum nicht ausgeschlossen

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Trotz des neuerlichen Rekordtiefs hat der Euro nach Ansicht einiger Analysten die Talsohle noch nicht erreicht. Die europäische Währung notierte am Donnerstag zeitweise bei 0,9935 Dollar, und damit so niedrig wie nie zuvor. Der Referenzkurs der Europäischen Zentralbank (EZB) notierte ebenfalls erstmals unterhalb der Parität. Er wurde bei 0,9976 Dollar festgelegt. Beigetragen hatten dazu auch Äußerungen von US-Notenbankchef Alan Greenspan aus, der vor dem Bankenausschuss des US-Senats von Wachstumsschwächen in Europa sprach.

Wie es aussieht, ist damit aber das Ende der Fahnenstange nicht einmal erreicht. In den nächsten Wochen ist nach Ansicht der Analysten sogar ein tieferer Fall möglich. Eine Erhöhung der Leitzinsen im Euroraum schon in der kommenden Woche wird nicht mehr ausgeschlossen.

Neil MacKinnon, Währungs-Stratege von Merrill Lynch, sagt, dass der Euro "sehr bald" die Marke von 0,95 Dollar erreicht. Die Analysten der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB) sind nur wenig pessimistischer. Sie sprechen davon, dass ein Wechselkursniveau von 97 Cents je Euro durchaus im Bereich des Möglichen liege.

Der gestrige Euro-Kurs markiert nur den vorläufigen Endpunkt eines längeren Siechtums. Seit mehr als zwei Monaten kommt die Währung nicht vom Fleck. Seit November pendelt sie zwischen knapp 1 Dollar und gut 1,03 Dollar hin und her. Die Gründe der Schwäche sind wohl bekannt. "Zinsunterschiede und die fundamentalen Daten unterstützen momentan kaum die europäische Währung", sagt Daniel Moreno, Stratege bei Dresdner Kleinwort Benson. So hat sich die Differenz zwischen dem zehnjährigen Bund Future am europäischen Rentenmarkt und amerikanischen Staatsanleihen bereits auf 130 Basispunkte ausgeweitet. Das Interesse am Dollar ebbt auch deshalb nicht ab, weil sich die US-Wirtschaft unvermindert stark entwickelt. CSFB erwartet ein Jahreswachstum von vier Prozent für die Vereinigten Staaten. Zwar stehe Europa mit einem erwartetem Wachstum von 3,5 Prozent dem nur wenig nach. Der Anstieg in Euroland sei jedoch vornehmlich exportgetrieben. Das könne genau dann nachteilig sein, wenn ein mittelfristiger Anstieg der Währung die Exporte und damit das kontinentale Wachstum drückt. Amerika hat es besser: Der Löwenanteil des Anstiegs dort geht nach wie vor auf hohen Inlandskonsum zurück.

Nun deutet sich für Europa auch noch ein überraschend starker Inflationsanstieg an. In Deutschland etwa legten die Preise im Januar um gut 1,7 Prozent im Jahresvergleich zu, im Dezember waren es noch 1,2 Prozent gewesen. Zwar beschwichtigt EZB-Chefvolkswirt Ottmar Issing noch immer, der kurzfristige Anstieg der Inflation beruhe auf höheren Ölpreisen und sei nur vorübergehender Natur. Dennoch schließen Marktbeobachter eine Zinserhöhung der EZB in der kommenden Woche nicht mehr aus.

Es gibt aber auch andere Stimmen zum Euro. Stefan Schneider von DB Research etwa sagt, der Euro bleibe nur kurz unter der Paritätsgrenze: Devisenhändler könnten damit den Stachel wider die EZB locken, um die Aussagen des belgischen Zentralbank-Chefs Guy Quaden zu überprüfen. Dieser hatte kürzlich erklärt, die Märkte seien "schlecht beraten", eine konzertierte Intervention zu Gunsten des Euro auszuschließen. Laut Moreno von Dresdner Kleinwort Benson aber sollte die Zentralbank schon deshalb nicht eingreifen, um nicht offenzulegen, wann sie zur Stützung bereit ist. Grundsätzlich einig sind sich die Analysten darin, dass eine EZB-Intervention allein der Währung nicht helfen werde. Da nicht abzusehen ist, dass die US-Wirtschaft einen kurzfristigen Einbruch erleidet, könne der Euro nur von einer erhöhten Volatilität an den US-Finanzmärkten profitieren. Daniel Moreno hat wenig Hoffnung: "So lange sich die Wachstumsdifferenzen zwischen den USA und Europa nicht verringern, gibt es kein Interesse, in Euro zu investieren."

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