Wirtschaft : Ernährungswirtschaft: Spezialitäten auf einem gesättigten Markt

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Die europäische Ernährungswirtschaft steht unter erheblichem Anpassungsdruck. Auf der einen Seite können selbst etablierte Markenhersteller kaum der Marktmacht der europa- oder weltweit agierenden Handelsunternehmen entfliehen, andererseits fördern neue Technologien wie elektronische Marktplätze die Europäisierung des Einkaufs. So erholt sich selbst ein Unternehmen wie Nestlé Chocoladen ("Smarties"), die deutsche Süßwarensparte der Schweizer Nestlé AG, nur langsam von einer Auslistung aus dem Sortiment des deutschen Discounters Aldi.

Der europäische Markt für Nahrungsmittelhersteller ist weitgehend gesättigt. In der Europäischen Union wächst die Nachfrage nur schwach. Bei weiter sinkender Tendenz werden nur noch zehn bis 20 Prozent der privaten Einkommen für Nahrungsmittel ausgegeben. Innerhalb der EU weisen die einzelnen Länder hinsichtlich ihrer Nahrungsmittelproduktion sehr unterschiedliche Spezialisierungsmuster auf. So sind die deutsche und die französische Ernährungsindustrie besonders stark auf alkoholfreie Getränke, die italienische und britische unterdessen auf Dauerbackwaren - das sind Backwaren, die mindestens einen Monat haltbar sind - spezialisiert. In Frankreich, Italien und den Niederlanden haben Milchprodukte einen hohen Stellenwert.

Dass eine starke Spezialisierung und Ausrichtung auf den Export auch ein höheres Risiko bedeuten kann, erfahren jetzt die Unternehmen der niederländischen und der dänischen Fleischwirtschaft. Nach den Landwirten trifft sie die BSE-Krise und die in weiten Teilen Europas grassierende Maul- und Klauenseuche als nächste. Wachstumspotenziale sehen die Experten vor allem in den Ländern Mittel- und Osteuropas. "In den nächsten Jahren werden 24 Prozent der in Europa neu entstehenden Nahrungsmittelnachfrage auf Mittel- und Osteuropa entfallen", prognostizieren die Experten der DG-Bank, obwohl der Anteil dieser Region an der Kaufkraftzunahme in Europa nur etwa zehn Prozent betrage.

Außerdem ist ein kontinuierlicher Fluss von Produktinnovationen erforderlich. In der Vergangenheit haben bereits die verzehrfertigen, so genannten ConvenienceProdukte und Lebensmittel mit einem gesundheitlichen Zusatznutzen ("Functional Food") deutlich Marktanteile gewinnen können. Bio-Lebensmittel erleben seit der BSE-Krise einen selbstläuferischen Boom. Nachdem nun der EU-Agrarausschuss und das Europäische Parlament der EU-Kommission empfohlen haben, die Regelungen der Zuckermarktordnung für weitere fünf Jahre beizubehalten, können die Unternehmen der Zuckerindustrie bis 2006 praktisch mit garantierten Gewinnen rechnen. Nicht nur deshalb stehen die deutsche Südzucker AG (Schöller-Eiskrem, Eismann) und der dänische Zuckerhersteller Danisco A/S auf der Empfehlungsliste der Analysten der Schweizer Vontobel Equity Research.

An Danisco reizt die Analysten der Cash-flow von 34 Prozent des Umsatzes und die aktive Rolle des Unternehmens bei der Markt-Konsolidierung. Der europäische Marktführer Südzucker unterdessen hat schon früh die Zeichen der Zeit erkannt und seine Position in Osteuropa ausgebaut. Auch der italienische Milchproduktehersteller Parmalat SpA hat das Interesse der Schweizer Analysten geweckt, denn er ist derzeit einer der billigsten Werte (Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11) unter den Kaufgelegenheiten im Lebensmittel- und Getränkebereich. Italienische Analysten hoffen jedoch, dass Parmalat "etwas transparenter gegenüber dem Markt wird", so Ester Brizzolara vom Wertpapierhandelshaus Caboto in Mailand.

Lehman Brothers hat unterdessen seine Kaufempfehlung ("Strong Buy") für die Aktien des dänischen Braukonzerns Carlsberg A/S bekräftigt. Über einen kurz- und mittelfristigen Zeitraum schätzt Lehman Brothers das Risiko für Anleger als gering ein. Von dem britischen Getränkekonzern Cadbury Schweppes Plc erhoffen sich die Analysten der Schweizer Vontobel-Bank höhere Margen durch ein Kostenreduzierungsprogramm, das Mitte dieses Jahres greifen soll. Für eidgenössische Analysten schon selbstverständlich sind die Aktien der Nestlé AG nach wie vor ein Kauf. Nach Ansicht der Experten von UBS Warburg ist der Titel Branchenfavorit und zählt dabei gleichzeitig noch zu den sichersten Titeln des Aktienmarktes.

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