Erntehelfer : Hauen und Stechen

Am Montag beginnt die Spargelsaison. Aber ob genug Erntehelfer kommen, ist offen. Die Konkurrenz ist groß

Kevin Hoffmann
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Spargelernte in Brandenburg. Ohne Arbeitskräfte aus Polen läuft nichts. Doch viele von ihnen bleiben lieber zu Hause, weil sie...Foto: dpa

BerlinNachdem die angeblich besten Analysten der Welt kläglich versagten, als es darum ging, die Gefühlslage US-amerikanischer Hauskäufer zu ergründen, und damit die aktuelle Bankenkrise auslösten, darf man jetzt auch nicht erwarten, dass die Experten ein noch größeres Rätsel lösen: Was geht vor in den Köpfen der polnischen Erntehelfer? Dabei drängt die Frage ganz akut: In dieser Woche beginnt die Spargelsaison.

Das in den vergangenen Jahren immer erfolgreichere Geschäft mit dem blassen Gemüse – der Konsum ist in den vergangenen fünf Jahren um 25 Prozent gestiegen – könnte 2008 endgültig unrentabel werden. Schuld daran ist nicht das Wetter, eher schon die Bundesregierung: Das von Olaf Scholz (SPD) geführte Arbeitsministerium wies auch die jüngsten flehentlichen Bitten der Bauernverbandes ab, die Arbeitsbeschränkungen für Erntehelfer aus Osteuropa aufzuheben.

„Zwar haben sich diesmal rund 1000 Arbeiter bei mir um die 700 Stellen beworben – die meisten aus Polen und ein paar Rumänen. Aber ich freu’ mich erst, wenn die auch wirklich bei mir auf dem Feld erscheinen“, sagt Ernst-August Winkelmann, Geschäftsführer von Buschmann & Winkelmann in Klaistow, einem der größten Spargelanbaubetriebe in Brandenburg. Denn dass die Helfer in der nötigen Zahl kommen, ist mehr als ungewiss.

Winkelmann ist ein gebranntes Kind. Im vergangenen Jahr ließen ihn Arbeiter, die ihm jahrelang von April bis Juni die Treue gehalten hatten, buchstäblich im Regen stehen. Viele versuchten ihr Glück in Großbritannien oder Irland, wo Arbeiter aus Osteuropa fast ohne Beschränkungen arbeiten dürfen und zudem Mindestlöhne verdienen.

Deutschland aber schottet seinen Arbeitsmarkt weiter ab: Arbeiter aus den östlichen EU-Beitrittsländern dürfen hier höchstens vier Monate tätig sein. Ukrainer oder Weißrussen, die den harten Job – Spargelstechen ist Handarbeit – wohl noch billiger machen würden als Polen, dürfen praktisch gar nicht nach Deutschland einreisen.

Vier Monate Arbeitserlaubnis für EU-Ausländer: Das wäre für Spargel-Fürst Winkelmann theoretisch genug. Aber dann gibt es ja noch all die Äpfel, Erdbeeren, Kopfsalate bei seinen Kollegen. Daher fordert der Bauernverband, dass die fremden Helfer neun statt vier Monate bleiben dürfen. Es gibt viel zu tun. 1995 vermittelten die Arbeitsämter noch 220 000 ausländische Saisonarbeiter. In diesem Jahr werden 300 000 gebraucht.

Vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosigkeit hatte die Bundesregierung zum Januar 2006 eine Eckpunkteregelung eingeführt. Demnach sollen 20 Prozent aller Erntehelfer Einheimische sein. Nur in Regionen mit relativ niedriger Arbeitslosigkeit müssen nur zehn Prozent der Kräfte auf dem deutschen Markt rekrutiert werden. Allerdings stellte sich heraus, dass kaum ein Berliner oder Stuttgarter bereit ist, auf dem Feld den Buckel krumm zu machen.

Lange bekannt ist unter Obst- und Gemüsebauern auch, dass Polen auch bei sich im Land immer leichter Jobs finden, bei denen sie mehr als die 4,50 bis 7,00 Euro verdienen, die in dieser Saison auf deutschen Feldern gezahlt werden. Davon gehen oft noch Pauschalen für Wohnen und Essen ab. Der polnische Wirtschaftsboom hat zudem den Nebeneffekt, dass der Zloty sich stärker entwickelt als der Euro. Für jeden hart verdienten Euro erhalten die Polen zu Hause aktuell 3,48 Zloty. Vor genau einem Jahr waren es noch zehn Prozent mehr. „Ich kann in diesem Jahr aber nicht mehr Geld zahlen als 2007“, sagt Winkelmann. 1200 bis maximal 3000 Euro brutto könne ein Erntehelfer bei ihm verdienen, sagt er.

Dabei ist die Erntemenge in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2007 brach der Spargel fast alle Rekorde: Auf gut 18 500 Hektar Fläche wurde das Gemüse angebaut, das war so viel wie noch nie, wie aus den Statistiken der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle für Agrarerzeugnisse (ZMP) hervorgeht. Vor fünf Jahren wuchs er nur auf gut 14 000 Hektar. Auch die Erntemenge erreichte mit 94 000 Tonnen Rekordniveau – 2002 waren es nur 57 000 Tonnen. Dem entsprechend sanken die Spargelimporte aus dem Ausland in diesem Zeitraum von gut 40 000 Tonnen auf 26 000 Tonnen jährlich. Deutschland exportiert seinen Spargel sogar, wenn auch nur 2 100 Tonnen. Allein auf den Beelitzer Feldern von Winkelmann wurde mehr geerntet.

„Aber unser Betrieb kann und will erstmal nicht mehr wachsen“, sagt der Landwirt. Denn die Saison steht schon unter schlechten Vorzeichen – nicht nur wegen der Unsicherheit um die Saisonhelfer. „Spargel noch wenig gefragt“ meldete die ZMP vergangene Woche. Das bezog sich auf die Absatzzahlen der Spargelimporteure, die derzeit auf ihrer Ware sitzen bleiben. 4,86 Euro je Kilo kostete das Gemüse im vergangenen Jahr im Durchschnitt.

Haben die Deutschen den Appetit verloren, liegt es am Wetter? Für die Agrarexperten sind die deutschen Kunden fast noch schwieriger zu durchschauen als ihre polnischen Erntehelfer.

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