Wirtschaft : Erste Wahl in Krisenzeiten

UWE K.FROHNS (DM)

Das Auf und Ab der Harley-Aktie ist auf jedem Boulevard zu besichtigen.Ende der 60er chopperte Peter Fonda ("Easy Rider") mit dem mächtigen Zweizylinder über die Leinwand - Bike und Börsenkurs waren en vogue.Mitte der 80er verschwanden die störanfälligen Dinos von den Straßen - und die pleitegefährdete Herstellerfirma aus dem US-Dörfchen Sturgis beinahe vom Kurszettel.Zehn Jahre später ist Harley-Davidson wieder Kult: Junge Aufsteiger und erfolgreiche Mittfünfziger kaufen die Maschinen und - wenn sie clever sind - gleich ein paar Aktien dazu.Seit 1996 verdreifachte sich der Kurs.Und solange der Harley-Boom anhält, was keiner besser beurteilen kann als Fahrer und Fans, wird sich an dieser Tendenz auch wenig ändern.

So einfach können Aktiengewinne sein.Statt über komplizierten Charts oder fundamentalen Wirtschaftsdaten zu grübeln, reicht ein klarer Blick für die unmittelbare Umgebung.Firmen, die dort gut verkaufen, müssen auch an der Börse funktionieren.Der legendäre US-Fondsmanager Peter Lynch zeigt in seinen Büchern "Der Börse einen Schritt voraus" und "Aktien für alle" eine Fülle von Beispielen, in denen sich der Erfolg einer Aktie frühzeitig und auch für Laien offensichtlich ankündigte.

Wer zum Beispiel zu Beginn des Inline-Skater-Booms wußte, daß die führende Marke Rollerblades zum italienischen Mode-Konzern Benetton gehört, mußte nur die entsprechende Aktie kaufen: Benetton-Papiere sind heute dreimal so viel wert wie noch vor drei Jahren.Mitte der 90er Jahre wurde in Deutschland auch die Porsche-Aktie zur Kursrakete.1995 noch zu 500 Mark gehandelt, notiert sie heute bei 4500 Mark.Wer den Trend zum Luxusauto rechtzeitig erkannte, konnte reich werden - um sich heute selbst einen Porsche zu leisten.Auch EDV-Mitarbeiter hatten alle Chancen auf dicke Gewinne.Wer in einer Firma saß, die das neue Betriebssystem R/3 installierte, hätte konsequenterweise sofort die Aktien der Software-Schmiede SAP kaufen müssen.

Insider-Informationen werden um so wertvoller, je weniger davon wissen.So zählte beispielsweise Steuerberater Heiner Merk lange den Eiscreme-Fabrikanten Schöller zu seinen Klienten.Ende der 80er Jahre kaufte sich die bayerische Südzucker AG, eine bis dato von Rübenbauern geprägte Gesellschaft, bei den Eismännern ein.Merk entging nicht, daß sich hier eine lukrative Beziehung anbahnte.Also kaufte er Südzucker-Aktien, bevor Analysten Wind von der Sache bekamen.Ergebnis: 1988/89 stiegen Südzucker-Aktien von 200 auf 700 DM, heute notieren sie um die 1000 DM.

Chancen ähnlicher Art werden sich in einer dynamischen Wirtschaft immer wieder auftun.Aus den 90er Jahren sind Highflyer wie die beiden skandinavischen Handy-Produzenten Nokia und Ericsson noch in frischer Erinnerung.Mobilfunk, vor wenigen Jahren noch im Kommen, gehört heute zum Alltag.Deshalb ist es für einen Einstieg reichlich spät.Es müssen auch nicht immer, wie das Beispiel Südzucker zeigt, technische oder luxuriöse Güter sein, die den Anlageerfolg bringen.Hautpsache ist, daß ein Trend dahinter steckt.

Das können auch Aktien von Handelsketten sein, die nicht auf den eingefahrenen Wegen wandeln, sondern frischen Wind in die Einzelhandelslandschaft bringen.So zum Beispiel die amerikanische Textil-Kette Gap.An der US-Westküste seit vielen Jahren etabliert, expandiert die Firma seit Mitte der 90er Jahre auch in Europa.Das jugendlich-frische Konzept kommt an.Der Gap-Kurs schließt sich dem lückenlos an: Von 20 Dollar Mitte 1997 ging es in den vergangenen zwölf Monaten steil nach oben auf 64 Dollar.Daß die europäische Jugend für flotte Fummel zu erschwinglichen Preisen empfänglich ist, hatte schon die schwedische Kette Hennes & Mauritz vorgemacht, die zu einer der größten Erfolgs-Stories der 90er Jahre wurde.

Bei Mode-Aktien ist es für den Anleger allerdings nicht nur wichtig, den neuen Trend frühzeitig zu erkennen, sondern auch rechtzeitig wieder abzuspringen.SMH aus der Schweiz mit seinen Swatch-Uhren, die längst Konkurrenten wie Fossil neben sich spüren, ist nur ein Beispiel.Ein anderes ist der beinharte Kampf zwischen Sportschuhproduzenten wie Adidas, Nike, Puma und Reebok.Hier sind die Gewinne schon abgeschöpft.

Manchmal sind es wirklich Allerwelts-Produkte, die überragenden Geschäfts- und Anlageerfolg bringen.Einer der prominentesten Vertreter ist die Gillette-Aktie.Der Produzent von Naßrasierern schafft es bislang immer wieder, mit innovativen Scher-Systemen dickes Geld zu verdienen.Es ist kein Zufall, daß der berühmte und erfolgreichste US-Investor, Warren Buffett, seit Jahren schon nicht von der Aktie läßt.Gleichzeitig hält Buffett eisern an seinem Grundsatz fest, keine Aktie aus einer Branche zu kaufen, von der er nichts versteht.Deshalb besitzt er auch weder Computer- noch Software-Aktien, sondern hält sich an Banken, Versicherungen - und eben Rasierer.Einige Aktien von Firmen, die man aus Beruf und Freizeit gut kennt und die sich besonders profitabel zeigen könnten

W.E.T.Automotive: Die seit Ende April am Neuen Markt notierte Aktie profitiert vom Trend, daß Zubehör, das früher Nobelkarossen vorbehalten war, zum Standard in der Mittelklasse zählt.Der Hersteller beheizbarer Autositze aus Odelzhausen ist Weltmarktführer in seiner Sparte.

Boiron: Der französische Konzern setzt auf homöopathische Produkte und die Wirksamkeit pflanzlicher Heilkräfte.Die Aktie gibt es auch im Berliner Freiverkehr.

Tege: Einiges an Vorschußlorbeeren steckt im Kurs der Schweizer Aktie.Das Unternehmen hat Pommes-Frites-Automaten entwickelt.Bleibt die Frage, wann der Appetit auf die Neuerung sich auf den Kurs auswirkt.

Refugium: Der stetig wachsende Anteil älterer Menschen spricht für die Aktie des Seniorenheim-Betreibers aus Königswinter.Zu den bisher mehr als 45 Pflegezentren sollen kontinuierlich weitere hinzukommen - nicht nur in Deutschland.Es könnte sich auszahlen, die am Neuen Markt notierte Aktie auf lange Sicht zu kaufen.

Phonak: Mehr als 50 Prozent Kursgewinn erzielte der Titel im ersten Halbjahr.Innovative Mikro-Computer fürs Ohr dürften auch künftig für steigende Gewinne sorgen - und vielleicht für steigende Kurse in Zürich.

Intershop: Noch ist es Wunsch und Plan, daß Menschen vor dem Computer einkaufen.Wann Intershop damit Geld verdient, können potentielle Anleger im Freundes- und Bekanntenkreis feststellen: Sage mir, wie Du einkaufst, und ich sage Dir, was mit dem Intershop-Kurs am Neuen Markt passiert.UWE K.

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