Erwerbstätigkeit : 3,16 Millionen ohne Arbeit

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist so niedrig wie zuletzt 1992. Im Herbst könnte die Marke unter drei Millionen Arbeitslose fallen. Der positive Trend zeigt sich auch in Berlin.

Yasmin El-Sharif
Arbeitslos
Immer weniger. Die Zahl der Menschen, die zur Arbeitsagentur müssen, nimmt von Monat zu Monat ab.Foto: ddp

BerlinDie Lage auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland ist derzeit so gut wie seit fast 16 Jahren nicht mehr. Im Juni ging die Zahl der Erwerbslosen im Vergleich zum Vormonat überraschend stark um 123.000 auf 3,16 Millionen zurück, teilte die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Dienstag in Nürnberg mit. Noch weniger Menschen ohne Job hatte es zuletzt im Dezember 1992 gegeben.

Rechnet man die jahreszeitlichen Effekte heraus, sank die Zahl der Arbeitslosen im Juni ebenfalls, und zwar um 38.000. Für BA-Chef Frank-Jürgen Weise ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass die wirtschaftliche Situation weiterhin robust ist und sich der positive Trend im Verlauf der kommenden Monate, wenn auch langsamer als bisher, fortsetzen wird. "Es ist sogar durchaus möglich, dass die Arbeitslosenzahl im September unter die Drei-Millionen- Marke fällt", sagte Arbeitsmarktexperte Martin Werding vom Münchner Ifo-Institut dem Tagesspiegel. Damit ist der Experte in etwa auf einer Linie mit dem BA- Chef, der die Wahrscheinlichkeit dafür bei 50 Prozent sieht.

Arbeitslosenkarte
Die Zahl der Erwerbslosen sinkt stetig.

Keine zyklische Entwicklung



Bemerkenswert ist Ifo-Fachmann Werding zufolge, dass es sich bei dem momentanen Rückgang der Arbeitslosigkeit nicht nur um eine rein zyklische Entwicklung handelt, sondern auch die Sockelarbeitslosigkeit, die sich in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter aufgebaut hat, stetig abschmilzt. Das belegen auch die aktuellen Daten der Bundesagentur: So ist der Rückgang der Erwerbslosigkeit bei Arbeitslosengeld-II-Empfängern (Hartz IV) im Juni mit 65.000 stärker ausgefallen als bei Kurzzeitarbeitslosen mit 58.000. Zugleich wächst die Beschäftigung weiter, während die Nachfrage nach Mitarbeitern der BA zufolge unverändert hoch bleibt. So stieg die Erwerbstätigenzahl im Mai auf 40,27 Millionen - das waren 155 000 mehr als im April und 618.000 mehr als vor einem Jahr. Davon waren 27,34 Millionen sozialabgabepflichtig beschäftigt und damit rund 600.000 mehr als im vergangenen Jahr.

Der positive Juni-Trend zeigt sich in allen Bundesländern. Überall fiel die Zahl der Arbeitslosen, so auch in Berlin und Brandenburg. Insgesamt waren in der Region im Juni erstmals seit 13 Jahren weniger als 400.000 Menschen bei den Agenturen als arbeitslos registriert. Das waren rund 60.000 weniger als vor einem Jahr. In Berlin liegt die Arbeitslosenquote mit 13,6 Prozent dennoch im bundesweiten Vergleich auf dem zweitletzten Platz. Nur Sachsen-Anhalt hat mit 13,8 Prozent eine noch schlechtere Quote (siehe Grafik).

Politiker rufen zu mehr Engagement bei der Bildung auf

Berlins Arbeitssenatorin Heidi Knake- Werner (Die Linke) bezeichnete die Zahlen am Dienstag daher auch als "nach wie vor viel zu hoch". Sie forderte die ansässigen Unternehmen dazu auf, mehr in Ausbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter zu investieren.

Politiker auf Bundesebene riefen ebenfalls zu mehr Engagement bei der Bildung auf. Mehr und bessere Bildung sei der Schlüssel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, sagte Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD). Schritt für Schritt könne so das Ziel der Vollbeschäftigung erreicht werden.

Der Gewerkschaftsbund DGB dämpfte am Dienstag aber die optimistischen Erwartungen. Vorstandsmitglied Claus Matecki bezifferte die momentane Unterbeschäftigung in Deutschland auf fünf Millionen. Denn neben den 3,16 offiziell gemeldeten Arbeitslosen gebe es noch mehr als 1,1 Millionen Menschen, die wegen Altersteilzeit, Ein-Euro-Jobs oder anderer arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen aus der Statistik fielen.

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