Wirtschaft : „Es bringt nichts, wenn ich den Teufel an die Wand male“

Rainer Hertrich, Chef des Luftfahrtkonzerns EADS, über den Krieg, den Militärtransporter A400M und die deutsch-französische Freundschaft

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Herr Hertrich, als die EADS vor drei Jahren als deutschfranzösisch-spanisches Unternehmen gegründet wurde, gab es Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Franzosen. Geht es heute besser?

Wir haben viel Zeit, Geld und Management-Kapazitäten darauf verwendet, um die Leute zusammenzubringen und deutsche und französische Arbeitsweisen zusammenzuführen. Heute kann ich sagen: Unsere industrielle Integration ist ein Erfolg. Die Angst vom Anfang, dass man von der anderen Seite über den Tisch gezogen wird, ist weg.

Das Unternehmen wäre nicht profitabler, wenn es nur eine Kultur, nur einen Vorstandschef und nur eine Zentrale gäbe?

Irgendwann wird die EADS bestimmt nur noch einen Vorstandschef haben. Aber nur eine Kultur, das wäre schlecht. Ein gemeinsamer Firmensitz würde nicht viel bringen, weil wir ja keine Stelle doppelt besetzt haben. Andersherum: Wenn wir eine gewisse deutsche oder französische Identität nicht mehr im Unternehmen hätten, wäre das viel schädlicher.

Wenn es nur noch einen Vorstandschef gibt: Wäre das ein Deutscher oder ein Franzose?

Entscheidend ist doch, was den Markterfolg eines Unternehmens sichert. Heute hat die EADS eine Doppelspitze – sie ist notwendig und sie funktioniert. Oder glauben Sie, wir wären in Europa schon soweit, dass mein französischer Kollege Philippe Camus in Berlin den Eurofighter und ich in Paris den Tiger verkaufen kann?

Aber die Franzosen sind schon jetzt dominierend im Konzern. Werden sich die Deutschen langfristig behaupten können, wenn die Bundesregierung bei jedem Konflikt die weiße Fahne hisst und anschließend den Etat für die Bundeswehr kürzt?

Ich teile weder Ihre Befürchtungen noch Ihre Prämissen. Richtig ist nämlich, dass die Bundeswehr unser größter Einzelkunde ist. Und wir alle wissen, dass Dominanzstreben unseren Markterfolg gefährdet.

Weshalb ist die Balance denn wichtig?

Weil wir sonst Gefahr laufen, die politische Unterstützung einer der beiden Seiten zu verlieren, und die ist in unserem Geschäft unverzichtbar. Da geht es auch um die Haltung der Politik zu unserem Unternehmen.

Das Verhältnis zwischen der Politik und EADS ist wegen der ewigen Debatte um den Militärtransporter A400M angespannt. Weil die Bundesregierung ihre Bestellung deutlich reduziert hat, müssen Sie neu verhandeln.

Ich rechne damit, dass wir Anfang April den Vertrag unter Dach und Fach haben werden.

Es geht immer noch um den Preis?

Wir führen die Gespräche nicht über die Zeitung. Aber natürlich müssen wir eine Lösung dafür finden, dass wir die Entwicklungskosten jetzt auf weniger Flugzeuge umlegen müssen. Die Industrie hat es abgelehnt, die Mehrkosten zu tragen. Und die Streitkräfte wollen die Preiserhöhung so gering wie möglich halten. Das ist die Aufgabe.

Verteidigungsminister Struck will höchstens ein Prozent mehr bezahlen.

Die Fachleute prüfen derzeit eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Man könnte zum Beispiel weniger Varianten des A400M ausliefern oder an der Ausstattung etwas sparen. Ich bin sicher, dass wir eine Lösung finden, mit der alle leben können.

Die Bundesregierung hat sich auch in der Irak-Frage in Europa sehr exponiert. Was bedeutet das für EADS?

Die Beziehungen zu den Nachbarländern, aber auch zu den USA sind seit dem Zweiten Weltkrieg gut und stabil. Wenn heute ein Land nicht die gleiche Meinung vertritt wie die anderen, wird deshalb die Beziehung als solche nicht mehr in Frage gestellt. Trotzdem ist es auch für uns wichtig, dass wir den transatlantischen Dialog intensivieren.

Sie wollen den Anteil des Rüstungsgeschäfts bei EADS ausbauen. Warum?

In unserer Branche garantiert nur eine gesunde Mischung aus zivilem und militärischem Geschäft wirtschaftliche Stabilität und technologische Innovationskraft. In den letzten Jahren ging es darum, das vorhandene Geschäft ertragsfähig zu machen. Das ist gelungen, auch in der Verteidigungselektronik haben wir 2002 den Turnaround geschafft. Wir schreiben wieder schwarze Zahlen. Jetzt wollen wir den Anteil der Verteidigung an unserem Geschäft von 20 auf 30 Prozent erhöhen. Ich denke dabei an einen Zeitraum von fünf bis sieben Jahren.

Ihre Konkurrenten in den USA sind wegen der großen politischen Bedeutung der Verteidigung viel stärker als EADS. Wie wollen Sie sich gegen die durchsetzen?

Auf den Verteidigungsmärkten gelten andere Spielregeln als im zivilen Bereich. Trotzdem sind wir im vergangenen Jahr in den USA mit verschiedenen Aufträgen ein gutes Stück vorangekommen. Langfristig werden wir auf dem US-Markt ohne Joint Ventures oder Zukäufe aber nicht auskommen. Dasselbe gilt für Großbritannien.

Die Raumfahrtsparte steckt in den roten Zahlen. Warum hält EADS überhaupt daran fest?

Raumfahrt ist und bleibt ein Kerngeschäft der EADS. Gerade im militärischen Bereich gewinnt Satellitentechnologie immer mehr an Bedeutung. Die militärischen Einsätze auf dem Balkan und in Afghanistan haben gezeigt, dass Satelliten die Schlüsselrolle für die Aufklärung, die Führung der Truppen und die Kommunikation spielen.

Das Satelliten-Geschäft ist wegen der Flaute auf dem Telekommunikations-Markt aber dramatisch eingebrochen. Wie wollen Sie diesen Bereich wieder stärken?

Der Markt für Telekommunikationssatelliten ist auf ein Drittel abgestürzt. Das trifft uns viel härter als unsere amerikanischen Wettbewerber, denn die leben fast ausschließlich von Militär- oder NASA-Aufträgen. Und jetzt kommt noch hinzu, dass im laufenden Jahr die deutschen Forschungsmittel in diesem Bereich nochmals um 25 Prozent gekürzt werden sollen. Dabei gibt es keine Zukunft in der Hochtechnologie ohne Investitionen. Zukunftsinvestitionen sind auch der Schlüssel, um wieder auf den Wachstumspfad zu kommen. Deshalb habe ich für solche Kürzungen kein Verständnis.

Sie sprechen bereits mit der französischen Alcatel Space über eine Fusion.

Wir sprechen mit vielen Partnern, Alcatel ist nur eine Möglichkeit. Wegen der außerordentlichen strategischen Bedeutung des Geschäfts können wir uns allerdings keine Minderheitsbeteiligung vorstellen.

Die Flaute bei den Satelliten wirkt sich auch auf das Geschäft mit den Trägerraketen, das Ariane-Programm, aus. Nachdem die Ariane5 abgestürzt ist, sieht es nicht so aus, als würde das Geschäft bald wieder anspringen.

Das Ariane-Programm müssen wir grundsätzlich neu ordnen. Neben dem Markteinbruch leiden wir vor allem unter einer dramatischen Wettbewerbsverzerrung mit amerikanischen und anderen Wettbewerbern. Deshalb müssen wir jetzt gemeinsam mit der Politik eine Perspektive für die Ariane erarbeiten. Was die Rolle der Staaten und was die Aufgaben der Industrie sind, muss neu definiert werden. So kann es nicht Aufgabe der Industrie sein, Europa den Zugang zum All zu finanzieren. Auch müssen politisch bestimmte Industriestrukturen geändert werden, um zu wirklicher Effizienz zu kommen. Wir wollen dazu bereits sehr bald Vorschläge machen und mit den Regierungen in die Diskussion eintreten.

Im zivilen Airbusgeschäft wollen Sie mit 300 Maschinen Boeing in diesem Jahr erstmals überholen. Ist Ihre Prognose angesichts eines drohenden Irak-Kriegs zu halten?

Heute weiß niemand, ob es wirklich zu einem militärischen Konflikt kommt. Und niemand weiß, wie lange er dauern würde. Deshalb kann auch niemand die Folgen abschätzen. Was würde es da bringen, wenn ich heute den Teufel an die Wand malte?

Müsste Airbus dann Stellen abbauen?

Das kann niemand völlig ausschließen. In der Vergangenheit haben wir auch vor einschneidenden Maßnahmen nicht Halt gemacht, wenn es zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit von Airbus notwendig war. Ich bleibe aber optimistisch. Denn wir haben seit Jahren alles daran gesetzt, unsere Fertigung von Flugzeugen in hohem Maße zu flexibilisieren.

Deutschland und Frankreich feiern am Mittwoch den 40. Jahrestag des Elysée-Vertrags. Welche Bedeutung hat das für EADS?

Deutschland und Frankreich waren immer der Motor der Integration in Europa. Das gilt für die politische Einigung wie auch für die wirtschaftliche. Dass die EADS gegründet wurde, war ein besonderes Anliegen beider Regierungen. Ich bin sehr froh, dass auch in jüngster Zeit beiderseitig so viele Initiativen angeregt worden sind. Europa hat unheimlich viel Potenzial – das müsste noch viel mehr genutzt werden.

Was heißt das für den Verteidigungsbereich?

Dass man mehr zusammen macht. Der Rüstungsmarkt in Europa ist immer noch fragmentiert. Ich bin davon überzeugt, dass die Streitkräfte erhebliche Mittel sparen könnten, wenn wir statt nationaler Beschaffung auf gemeinsame Programme setzen würden. Dazu wären eine gemeinsame Verteidigungs- und Beschaffungspolitik, aber auch gemeinsame Export-Richtlinien notwendig. Es macht auch militärisch Sinn, gemeinsam zu beschaffen. Denn gemeinsame Produkte stärken die Fähigkeit der Streitkräfte , im Einsatz zusammen zu arbeiten.

Das Gespräch führten Nicole Adolph und Ursula Weidenfeld.

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