Wirtschaft : „Es gibt keinen schöneren Standort als Deutschland“

Reinhard Uppenkamp, Vorstandsvorsitzender des Pharmaunternehmens Berlin-Chemie, über gute Unternehmer und Abitur mit 16

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Herr Uppenkamp, Sie sind so etwas wie das Gegenbild einer Heuschrecke: BerlinChemie investiert Millionen in Berlin, Sie schaffen viele neue Arbeitsplätze. Ärgern Sie sich über die Kapitalismuskritik?

Natürlich ärgere ich mich über diese pauschalen Vorwürfe und über Überschriftendiskussionen. Es gibt Unternehmen, die sich sehr sozial verhalten, es gibt aber auch andere, die es nicht tun. Wenn die Politik Diskussionen anzettelt, über Probleme, die uns alle bewegen, dann sollte sie auch Konzepte anbieten. Noch kann ich die nicht erkennen.

Wird in Deutschland der Shareholder Value, die Interessen des Aktienmarktes, zu sehr in den Vordergrund gerückt?

Wir haben eine klare Auffassung zum Shareholder Value. Für unser Unternehmen ist es wichtig, zunächst an die Kunden zu denken – das sollte für andere genauso gelten. Außerdem haben wir Mitarbeiter, die das auch umsetzen können. Erst an dritter Stelle sollten die Eigentümer stehen, die dann aber auch zeigen müssen, dass Sie das Kapital wieder ins Unternehmen stecken.

Sie haben leicht reden: Berlin-Chemie ist ein Familienunternehmen. Sie müssen keine Rücksicht auf den Kapitalmarkt nehmen.

Stimmt, wir müssen nicht in Drei-Monats-Zyklen denken, sondern können langfristig planen. Aber natürlich sehe auch ich, dass im Zeitalter der Globalisierung weltweit bestimmte Forderungen an Unternehmensführungen gestellt werden, denen sie sich schwer entziehen können. Dabei denken Manager vielleicht nicht mehr darüber nach, was das Beste für das eigene Land ist. Familienunternehmen, die nicht börsennotiert sind, müssen sich darüber keine Gedanken machen.

Berlin-Chemie ist in den vergangenen Jahren zweistellig gewachsen. Werden Sie das auch in Zukunft durchhalten können?

Ja, wir wollen zweistellig wachsen, auch in Deutschland. Nach den ersten vier Monaten liegen wir gut auf Kurs.

Woher soll das Wachstum kommen?

Wir kennen die osteuropäischen Märkte sehr genau und sind das umsatzstärkste Pharmaunternehmen in Russland. Außerdem sind wir dabei, neue Märkte wie Indien und China zu erschließen. Schon jetzt machen wir 60 Prozent des Umsatzes im Ausland und 40 Prozent in Deutschland. In den nächsten zwei Jahren wollen wir ein Verhältnis von 70 zu 30 erreichen.

Warum produzieren Sie nicht auch im Ausland, zu deutlich geringeren Kosten?

Die Löhne werden sich innerhalb weniger Jahre anpassen. Es wäre daher zu kurzfristig gesprungen, wenn ich für fünf Jahre in einem osteuropäischen Land produziere. Ich muss qualifizierte Produkte herstellen, dazu brauche ich qualifizierte Mitarbeiter. Die finde ich hier. Es gibt doch keinen schöneren Standort als Deutschland – und Berlin.

Mit dieser Meinung stehen Sie offenbar ziemlich allein da. Im jüngsten Städte-Ranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft schneidet Berlin miserabel ab.

Für uns ist dieser Standort mit seinen Universitäten, Fachhochschulen, Instituten und vielen jungen Menschen ideal. Aber die Vernetzung fehlt. Um ein Netzwerk aufzubauen, braucht man mindestens 20 Jahre Zeit. Wir brauchen Beharrlichkeit.

Fehlt allzu vielen Investoren diese Beharrlichkeit?

Es gibt enorm viele Beispiele dafür, dass ausländische Investoren Kapital in Deutschland zur Verfügung gestellt haben. Das machen wir schon seit Jahren konsequent. Wir steigern den Unternehmenswert. Das ist uns wichtiger, als jedes Jahr die Dividende aus dem Unternehmen herauszunehmen. Und dahin müssen wir wieder zurück.

Und wie soll das gelingen?

Wir haben genügend qualifizierte Köpfe in Deutschland. Wir müssen uns darauf besinnen, dass Investitionen in Bildung und Gesundheit die Märkte der Zukunft sichern. Kapital kann man weltweit herumschicken. Aber über den PC qualifizierte Köpfe zu verschicken, das hat noch keiner geschafft. Daher brauchen wir massive Investitionen aller Beteiligten in Bildung.

Mit welchem Ziel?

Wir brauchen eine schnellere und damit wettbewerbsfähigere Ausbildung: Abitur mit 16, Erststudiumsabschluss mit 21. Von zehn Schulabgängern müssen fünf Abiturienten sein. Das sind die Forderungen für die Jahre 2015 und danach. Wir müssen Talente konsequent suchen und fördern – das fängt schon in der Kita an. Darum müssen wir den Zugang zu Kitas gebührenfrei machen. Damit können wir in Berlin anfangen – und damit eine Modellregion für Deutschland schaffen.

Nicht nur Berlin, auch der Bund sieht sich mit den notwendigen Investitionen in Bildung überfordert. Muss sich die Wirtschaft stärker engagieren?

Wenn der Staat Studiengebühren erheben würde, hätte er genug Geld, um Talente in Kindergärten zu fördern. Aber auch die großen Unternehmen vor Ort müssen ihr Engagement in dieser Bildungsinitiative zeigen, durch Patenschaften mit Schulen und Kitas. Die Unternehmen müssen lernen, den Standort zu lieben. Aber die Politik muss auch lernen, die Unternehmen, die da sind, zu lieben. So einfach ist das.

Sehen Sie positive Ansätze?

In Berlin werden – auch als Reaktion auf die schlechten Pisa-Ergebnisse – bereits die ersten Schulklassen zusammengelegt und auch die Schülerzahlen pro Lehrer gesenkt. Das ist ein guter Anfang.

Das Gespräch führte Maren Peters.

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