Wirtschaft : Euro-Countdown: noch 24 Wochen: Fälscher nutzen die Gunst der Stunde

Karin Birk

"Der Countdown läuft - der Euro kommt." Bis zum Jahreswechsel wird der Tagesspiegel jeweils am Sonnabend mit Berichten, Reportagen, Interviews und Standpunkten verschiedene Aspekte der Euro-Bargeldeinführung beleuchten.

Wochenende. Der Regionalzug von Berlin nach Neustrelitz ist voll. Der Schaffner bahnt sich seinen Weg durch die Reihen. Der eine oder andere muss noch nachlösen. Doch trotz Hitze und Gedränge lässt sich der Schaffner nicht aus der Ruhe bringen. Ganz im Gegenteil. Als er die Geldscheine entgegennimmt, wirkt er besonders konzentriert. Er faltet den 50-Mark-Schein sauber auseinander, befühlt ihn und hält ihn gegen das Licht. Der Mann ist gewissenhaft. Er hat es nicht nur auf Schwarzfahrer abgesehen, auch falschen Geldnoten ist er auf der Spur. "In den vergangenen Monaten sind zu viel Blüten aufgetaucht." Warum das so ist, weiß er auch nicht so recht: "Wahrscheinlich hat das mit dem Euro zu tun. Die Leute wollen noch schnell ihr DM-Falschgeld los werden."

Das Berliner Landeskriminalamt registriert bereits ein höheres Aufkommen von Blüten. "Im ersten Halbjahr haben wir 50 Prozent mehr Falschgeld erfasst, als vor einem Jahr", sagt Ute Kadow, Leiterin der Falschgeldstelle. "Wir haben jetzt schon eine halbe Million Mark eingesammelt," sagt sie. Und im Bundesgebiet sieht es ähnlich aus. "Der Renner sind falsche 20-Mark-Scheine", sagt Jürgen Bartholomäus von der Falschgeldstelle der Bundesbank in Frankfurt am Main. Der Grund: Ihr Sicherheitsstandard ist deutlich geringer als bei 50-, 100- oder 200-Mark-Banknoten. Diese waren vor ein paar Jahren die Lieblinge der Geldfälscher, woraufhin die Bundesbank die Scheine mit metallfarbenen Hologrammen sicherer gemacht hatte. Und noch ein anderer Grund spricht für 20-Mark-Scheine. "Der Betrag ist zu gering, als dass die Verbraucher die Scheine genau unter die Lupe nehmen", sagt Kadow. Anders bei der Bundesbank. Dort werden die Falschgeld-Scheine ganz haargenau untersucht. "Wir stellen exakt fest, wie und mit welcher Technik die Banknoten gefälscht wurden", erzählt Bartholomäus. Und die Prüfer hätten es ständig mit neuen Techniken zu tun. "Es ist also nicht so, dass die Geldfälscher jetzt ihre Lagerbestände abstoßen - es ist neues Falschgeld", sagt er.

Das Geschäft mit den Blüten scheint sich ganz einfach zu lohnen. Dies gilt vor allem für Geldfälscher aus Osteuropa, so die Erfahrung der Falschgeldstellen in Berlin und Frankfurt. "Zur Zeit ist beispielsweise ein gefälschter 1000-Mark-Schein mit erstaunlicher Druckqualität aus Bulgarien im Umlauf", sagt Kadow. Bei hohen Banknoten sollten sich Händler, Bankangestellte und Verbraucher deshalb nie nur auf ein Sicherheitsmerkmal verlassen. "Den UV-Licht-Test können manche schon sehr gut fälschen", sagt Bartholomäus. Gerade bei 500 und 1000 Mark-Scheinen rät er deshalb allen noch zum Kippeffekt: Ist die Banknote echt, verändert die große Wertzahl auf der Vorderseite des Geldscheines die Farbe von Rotgold nach Olivgrün, je nachdem, wie man den Geldschein hält. "Bei Fälschungen können sie dagegen soviel kippen wie sie wollen."

Bis Jahresende, da sind sich die Experten einig, wird die Zahl der falschen Banknoten noch weiter steigen. Wenn Einzelhändler, Banker und Verbraucher mit der Umstellung zum Euro alle Hände voll zu tun hätten, ließen sich Blüten gut unter das Volk bringen. Dabei gehe es auch nicht nur um Mark- und Euro-Falschgeld. "Wir werden uns auch mit falschen Francs, Lira oder Escudos auseinandersetzen müssen."

Dennoch sieht die Bundesbank keinen Anlass zur Panik: Selbst wenn bis zum Jahresende die Zahl der Fälschungen von rund 20 000 im vergangenen Jahr auf rund 30 000 steigen werde, sei das immer noch verschwindend wenig. Schließlich seien Banknoten im Wert von 2,6 Milliarden Mark im Umlauf. "Falschgeld ist ein relativ kleiner Fisch." Der Verlust liege vielleicht bei vier oder sechs Millionen Mark im Jahr. Anders sehe es dagegen bei Kreditkarten aus. Hier belaufe sich der Missbrauch auf rund 100 Millionen Mark jährlich. Auch Reinhold Rickes vom Deutschen Sparkassen- und Giro-verband und Sprecher für die gesamte Kreditwirtschaft in Sachen Euro-Einführung sieht es so. Zwar kann auch er die Verlockung für viele Geldfälscher in der heißen Umtauschphase nicht von der Hand weisen. Andererseits weis er aber auch von den vielen Sicherheitsmerkmalen für den Euro. "Das ist der höchste Standard, den man sich vorstellen kann", sagt er. Aus gutem Grund würden die Merkmale auch erst Anfang September bekannt: "In der kurzen Zeit bis zur Umstellung, dürfte es schwer sein, Euro gut zu fälschen", sagt er.

Ab September werden die Bundesbank und die Landeskriminalämter verstärkt Mitarbeiter von Banken und aus dem Handel schulen und mit den Merkmalen des Euro vertraut machen. Um den Schaden durch Falschgeld gering zu halten, plant der Einzelhandelsverband auch die Einführung eines Falschgeldfrühwarnsystems, sagt Monika Dürer, vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). Entdeckt ein Händler Falschgeld, meldet er dies sofort im System und warnt so die Kollegen.

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