Wirtschaft : Euro-Countdown: noch 28 Wochen: Jahrhundertprojekt lässt Deutsche kalt

Martina Ohm

Mit dem folgenden Beitrag startet der Tagesspiegel die Serie "Der Countdown läuft - Der Euro kommt". Bis zum Jahreswechsel werden wir jeweils am Sonnabend mit Berichten, Reportagen, Interviews und Standpunkten verschiedene Aspekte der Euro-Bargeldeinführung beleuchten.

Nur noch ein halbes Jahr trennt die Bundesbürger von der Einführung des Euro-Bargeldes. Doch immer noch lehnen 56 Prozent der Deutschen das neue Geld ab. Etwas weniger als im vergangenen Herbst, als das Mannheimer ipos-Institut eine Quote von 62 Prozent ermittelte, tröstet sich Manfred Weber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. Ein schwacher Trost. Hinter der Haltung der Deutschen steckt mehr als Gelassenheit. Die offenkundige Skepsis und Lethargie muss jedem zu denken geben. Nicht einmal TV-Moderator Günther Jauch konnte die Leute mobilisieren, ihre unzähligen Märker und Pfennige frühzeitig am Schalter abzuliefern. Die Mai-Werbekampagne "Her mit den Schlafmünzen" mit Frontmann Jauch war alles andere als ein durchschlagender Erfolg. "Dass die Menschen Schlange gestanden hätten, kann man nicht gerade behaupten," sagt Euro-Koordinator Andreas Goralczyk vom Bankenverband. Dabei gilt Jauch in der Werbebranche als Idealtyp - vertrauenswürdig und politisch korrekt. Nach Schätzungen der Banken horten die Deutschen in Sparstrümpfen, Flaschen und Spardosen nach wie vor Milliarden Münzen und tausende Geldscheine als stille Reserve. Würden die Barbestände zum Stichtag auf einen Schlag eingewechselt - das Chaos wäre perfekt. Die Bürger schreckt das nicht.

Wenn aber schon die Promis nichts ausrichten, ob dann neue TV-Spots, zusätzliche Broschüren, Faltblätter und Plakate oder mehr Werbegelder Begeisterungsstürme für Europas neue Währung entfachen können? Der Bankenverband hält der Regierung vor, an der falschen Stelle zu sparen. Die, sagt Weber, sei Mitschuld an der bislang nur mangelhaften Information der Bundesbürger. Zwar wird bundesweit mittlerweile jedes dritte Konto in Euro eröffnet, aber nur fünf Prozent der Firmenkonten sind auf Euro umgestellt. In Belgien und Frankreich sind es doppelt so viele. Vor allem aber: Die Hälfte der Deutschen hat sich über die Folgen der Geldumstellung bisher noch keine Gedanken gemacht.

"Angst vor dem Unbekannten"

Tatsächlich sind die 5,4 Millionen Euro, die die Bundesregierung in diesem Jahr für die Kampange ausgibt, im Vergleich zu anderen EU-Ländern nicht gerade üppig. Allein die bedeutend kleineren Niederlande geben für die Euro-Werbung sechsmal so viel aus. Selbst zuzüglich der Mittel, die aus den Brüsseler Töpfen fließen, rangieren die Deutschen mit ihrem Budget in der EU unter "ferner liefen". Anzeigenkampagnen des Euro-Gegners Bolko Hoffmann halten bei solchen Größenordnungen locker mit.

Immerhin können sich Bundesbank und Bundesregierung nicht über mangelhafte Nachfrage beklagen. Offenbar finden die vier Millionen Info-Faltblätter und eine halbe Million Werbeplakate, die die Bundesbank bislang unter die Leute brachte, "reißenden Absatz". "Wir müssen nachdrucken," versichert Peter Ruhenstroth-Bauer, Vize des Bundespresseamtes. Die Stimmung aber bleibt mies. Das Vertrauen gegenüber dem Euro ist auf dem Nullpunkt angelangt.

Wirtschaftspsychologen wetteifern um plausible Analysen. Der Münchner Managementberater Thomas Jendrosch redet von der "Neophobie, der Angst vor dem Neuen" und Stefan LerMer vom Institut für Persönlichkeit und Kommunikation aus München von der "typischen Zukunftsangst der Deutschen - der german angst". Der Berliner Psychologe Konrad W. Sprai spricht schlicht von "der Angst vor dem Unbekannten". Ein Blick auf die Monitore der Devisenhändler liefert eine einleuchtendere Erklärung: Der Kurs des Euro ist im Keller. Gegenüber der US-Leitwährung Dollar scheint der Euro keinen Fuß auf den Boden zu bekommen. Selbst die Tatsache, dass die US-Wirtschaft deutlich stärker zurückfällt als die Wirtschaft im Euro-Raum, konnte der Gemeinschaftswährung nicht helfen. Viele glauben, dass sich die Kursschwäche gegenüber dem Dollar auf Dauer nachteilig auf Deutschland auswirken wird. Zu allem Überfluss versuchen Deutschlands prominenteste Euro-Gegner - Wilhelm Hankel, Wilhelm Nölling, Karl Albrecht Schachtschneider und Joachim Starbatty -, mit ihrer neuesten Streitschrift "Die Euro-Illusion - Ist Europa noch zu retten?" das Projekt noch zu stoppen. Ihr Credo: Erst muss die politische Integration der EU vollendet sein, bevor das Projekt einer gemeinsamen Währung gelingen kann.

Dagegen anzukommen, ist selbst für einen trickreichen Werbeprofi schwer. Wer jetzt auf mehr Emotionen setzt und sich von TV-Spots mit Sabine Christiansen, Ulrich Wickert, Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt den Durchbruch verspricht, sollte also keine Wunder erwarten. Vielmehr gibt es durchaus überzeugende Fakten, die für den Euro sprechen. Nicht nur Anleger und Börsianer profitieren von mehr Übersichtlichkeit. Auch Urlauber können ihre Reisen besser kalkulieren, wenn es nur noch eine Währung gibt. Und die Exporteure hätten weniger Grund zur Freude, wäre der Euro dem Dollar deutlich überlegen. Vor allem aber hätten sich die Euro-Länder ohne das Ziel der Währungsunion längst nicht so viel Mühe gegeben: Ohne die Gemeinschaftswährung wären Inflation und Haushaltsdefizite wesentlich höher als sie heute sind.

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