Wirtschaft : Euro im freien Fall: Da helfen nur Reformen (Leitartikel)

Rainer Hank

Kanzler und Altkanzler haben gut reden. "Aufhören mit dem Euro-Gejammer", sagt Helmut Schmidt. "Vorübergehende Schwächeerscheinung", kommentiert Gerhard Schröder. Das sollen sie den Menschen erzählen, die ihr Geld vor einem Jahr in der neuen europäischen Währung angelegt haben. Oder den Hausbesitzern, die jetzt den Heizöltank für den Winter füllen.

2 Mark und 25 Pfennig musste der Reisende gestern für einen Dollar zahlen. Dass die amerikanische Währung in den sechziger Jahren schon einmal 4 Mark kostete, ist ein schwacher Trost. Vor drei Jahren gab es den Greenback schon für 1 Mark 50. Allenfalls für die Touristen ein Grund zur Beunruhigung, so lautete bisher die gängige Antwort. Sie ist heute nicht mehr akzeptabel. Denn eine Verteuerung der Einfuhrgüter, darunter das ohnehin teure Öl, sind Signale für die Gefahr einer importierten Inflation. Das heißt: Auch die Binnenstabilität des Euro ist gefährdet - wenngleich noch nicht dramatisch. Aber der Zinsschritt der Europäischen Zentralbank aus der vergangenen Woche zeigt: Die Währungshüter mussten auf die Gefahr der Teuerung reagieren. Womöglich taten sie es sogar zu zaghaft.

Internationale Währungsdifferenzen kann man interpretieren wie Kurse an der Börse. Danach steht die amerikanische Währung bei den großen institutionellen Anlegern weiterhin hoch im Kurs, der Euro dagegen weniger. Selbst Asien scheint ein größeres Potenzial zu bergen als der Euroraum; denn auch der Yen gewinnt gegenüber dem Euro. Dass kann man bedauern, missbilligen oder auf Psychologie von Spekulanten zurückführen, die sich - Tieren gleich in einer Herde - nicht vom Mainstream entfernen wollen. Ändern kann man es aber nicht. Gesundbeten schon gar nicht, es sei denn um den Preis, den Euro nur noch schwächer zu reden.

Man mag es als Ungerechtigkeit empfinden, wenn die Anleger nicht honorieren, dass Kontinentaleuropa - Frankreich und Deutschland - neben ordentlichen Wachstumszahlen auch erste strukturelle Reformen ihrer Steuersysteme auf den Weg gebracht haben. Doch hier gilt: Das Bessere ist der Feind des Guten. Und im Wettbewerb der Standorte, dem Benchmarking um die Gunst der Anleger, sind die USA eben besser. Denn dort gibt es nicht nur höhere Zinsen, sondern auch - gegen viele Prognosen - ein robustes Wachstum der Wirtschaft. Die gebesserte US-Produktivität zeigt, dass Amerika sich jenseits kurzfristiger Schwankungen der Konjunktur an den Auswirkungen der technischen Revolution des Internet und der New Economy erfreut. Zugleich zahlen sich die schmerzhaften Reformen der Arbeitsmärkte und Sozialsysteme aus. Auch daraus leitet sich offenbar ein größeres Vertrauen der Anleger in den Dollar ab.

Was kann man gegen den Verfall des Euro tun? Nicht viel. Interventionen der Notenbanken, die Euro kaufen und Dollar verkaufen müssten, wären keine gute Idee. Denn die Märkte würden dagegen wetten - und wahrscheinlich gewinnen. Dass die Euroskeptiker jetzt die Währungsunion für das Desaster verantwortlich machen, kann man ihnen nicht verübeln. Politisch realistisch freilich ist ein Abschied von Maastricht nicht. Übrig bleibt nur ein einziger Weg der Euro-Therapie: Europa muss sich rasch auf jenen Reformweg machen, den Amerika längst gegangen ist. Das heißt: Mehr Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten, bei den sozialen Sicherungssystemen und zwischen den Ländern und Gebietskörperschaften. Weil die Bundesregierung dies nicht will, übt sich der Bundeskanzler lieber im Hersagen wirkungsloser Beschwörungsformeln.

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