Euro-Krise : Im Sog der Schulden

Das Drama um Griechenland ist erst der Anfang – die Abhängigkeit von immer neuen Krediten treibt den Westen in die Enge. Er zahlt nun den Preis für die Entfesselung der Finanzmärkte in den vergangenen 30 Jahren.

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Fliehkraft. Binnen einer Dekade haben sich die Schulden der Welt verdoppelt. Findet die Politik keinen Ausweg, droht Inflation.
Fliehkraft. Binnen einer Dekade haben sich die Schulden der Welt verdoppelt. Findet die Politik keinen Ausweg, droht Inflation.Foto: picture-alliance/ dpa

Mit großen Zahlen haben es die meisten Menschen nicht so. Von der Höhe eines Jahresgehalts haben viele noch eine Vorstellung, auch vom Preis eines Einfamilienhauses, hat der Bonner Neuroökonom Armin Falk herausgefunden. Dann ist aber Schluss. Milliarden, Billionen, Trilliarden, all das bleibt nur eine ungefähre Größe für das Hirn des Durchschnittsbürgers.

Doch derlei Zahlen werden den Lauf der Welt in den kommenden Jahren bestimmen. Die Lage wird immer bedrohlicher: Der gesamte Westen steckt bis zum Hals in Schulden. Wenn Europas Regierungschefs an diesem Donnerstag in Brüssel versuchen, Griechenland von einem Teil seiner Last zu befreien, gehen sie nur einen winzigen Teil des Problems an. Vor allem die Industriestaaten haben sich in eine brenzlige Lage manövriert. Am Ende könnte eine Kernschmelze stehen, die das ganze System infrage stellt.

Mit rund 50 Billionen Dollar steht die Welt in der Kreide – das ist eine Zahl mit 14 Nullen. Der größte Teil davon entfällt auf die USA (14 Billionen) und Europa (12,5 Billionen). Binnen eines Jahrzehnts haben sich die Verbindlichkeiten mehr als verdoppelt. Ein Abbau dieses Schuldenbergs ist nicht in Sicht. Die meisten Länder kämpfen noch mit der Spätfolge der Finanzkrise, die dafür gesorgt hat, dass aus privaten Schulden öffentliche Schulden wurden. Selbst im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik ist jeder Bürger statistisch gesehen im Gegenwert eines Mittelklassewagens verschuldet.

Bislang konnten die meisten Staaten darauf vertrauen, dank steten Wachstums und parallel steigender Steuereinnahmen als solvente Schuldner zu gelten. Spätestens seit der Finanzkrise funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr. 2010 lagen die Verbindlichkeiten der Industriestaaten erstmals so hoch wie ihre Wirtschaftskraft. Ab diesem Punkt, haben Ökonomen herausgefunden, wird es gefährlich: Die roten Zahlen bremsen den Wohlstand, die Geldgeber – Banken, Fonds, Versicherungen – werden skeptisch und verlangen höhere Risikoprämien. Weil viele nationale Haushalte nichts mehr hergeben, finanzieren die Notenbanken beiderseits des Atlantiks die Staatsdefizite – und riskieren so die Geldstabilität in der Zukunft.

Der Westen zahlt nun den Preis für die Entfesselung der Finanzmärkte in den vergangenen 30 Jahren. Ralf Dahrendorf hat schon vor einem Vierteljahrhundert auf den Wandel vom „Sparkapitalismus“ zum „Pumpkapitalismus“ hingewiesen: Standen früher Arbeit und wachsende Produktivität im Zentrum der Marktwirtschaft, sind es heute der Wunsch nach permanentem, sofortigem Konsum und steigende Verschuldung. Die Banken haben das Geschäft damit perfektioniert, erschaffen aus den Schulden neue Wetten und Schuldenpapiere, die sie neu verpacken und weiterverkaufen. Geht das Spiel schief und gerät die Branche ins Taumeln, muss eben der Steuerzahler ran.

Staatspleiten sind zwar nichts Ungewöhnliches – Griechenland musste seit der Unabhängigkeit 1822 schon fünfmal den Offenbarungseid leisten, die Deutschen im vergangenen Jahrhundert mindestens dreimal. Doch durch die Globalisierung und die Verflechtung der Finanzwelt sind Bankrotterklärungen keine nationalen Ereignisse mehr. In Europa ist die Ansteckungsgefahr durch die nachlässig konstruierte Währungsunion zusätzlich erhöht. Und das Dogma des Kapitalismus, wonach Kredite der produktive Antrieb des Systems sind, gilt nicht mehr. Den Schulden, die die Staaten angehäuft haben, steht nichts Produktives gegenüber.

Die westlichen Demokratien haben sich durch ihre Schuldenmacherei in eine schwierige Lage manövriert. Der Zinsdienst schränkt ihren Spielraum immer weiter ein. Selbst das vergleichsweise solide Deutschland braucht jeden fünften Euro für den Kreditdienst. Auch im Wetteifern mit dem Wirtschaftsmodell Chinas ist das ein Problem: Eine Regierung, der Investoren und Ratingagenturen Sparprogramme diktieren, tut sich schwer, die Beschneidung individueller Freiheit in der Volksrepublik zu kritisieren. Ohnehin verschieben sich die Gewichte der Weltpolitik mit jeder Anleihe, die China dem Westen abkauft, weiter in Richtung Asien.

Zusätzlich in der Klemme sitzen Europa und Amerika, weil ihr mickriges Wachstum ohne China undenkbar ist. Bislang scheinen die Kommunisten den zügellosen Boom noch im Griff zu haben. Das muss nicht so bleiben – der globale Liquiditätsüberschuss schwemmt immense Summen ins Land, Hauspreise und Inflation schießen in die Höhe. Eine Spekulationsblase ist möglich, ebenso in Indien, Brasilien und Russland. Fallen die Schwellenländer aber als Motor aus, ist für den Westen alle Hoffnung auf Besserung dahin.

Doch wo ist der Ausweg? Um die Schulden nach dem Zweiten Weltkrieg in den Griff zu bekommen, bedienten sich die Staaten drastischer Mittel – einer Währungsreform (Deutschland) oder Spitzensteuersätzen von bis zu 90 Prozent (USA). Heute sind neue Wege gefragt. Allein schon wegen der steigenden Ausgaben für Renten und Gesundheit angesichts der Alterung. Der Weg einer Schuldenbremse per Verfassung, wie ihn zuerst Deutschland beschritten hat, ist einerseits befremdlich, verlieren die Parlamente doch einen Teil ihrer Souveränität. Andererseits versagt der herkömmliche Weg der Etatsanierung oft: Zwischen 1970 und 2007 haben die OECD-Länder 100 Versuche unternommen, die Schuldenlast spürbar zu senken. Erfolgreich war nicht einmal jeder fünfte.

Die Alternativen sind übersichtlich. Fallen neben Griechenland noch Italien oder gar die USA, droht „Armageddon“ (US-Präsident Obama), der Kollaps des Weltfinanzsystems. Oder aber die Notenbanken drucken noch mehr Geld. Das würde die Inflation anheizen, die Schulden entwerten, aber auch die Vermögen. Und die Bürger müssten sich an große Zahlen gewöhnen – vermutlich auf Dauer.

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